„Es gibt weder jetzt noch nach Ende der Pandemie einen guten Grund, in die alte Arbeitswelt zurückzukehren“, sagt Stadtwerke-Münster-Chef Sebastian Jurczyk.

„Es gibt weder jetzt noch nach Ende der Pandemie einen guten Grund, in die alte Arbeitswelt zurückzukehren“, sagt Stadtwerke-Münster-Chef Sebastian Jurczyk.

Bild: © Stadtwerke Münster

Die Stadtwerke Münster haben das Geschäftsjahr 2023 mit einem Überschuss von 11,2 Mio. Euro abgeschlossen. Dabei investierte der kommunale Versorger 132 Mio. Euro, wobei einer der zentralen Punkte auf der Netzinfrastruktur lag.

Obwohl die Stadtwerke im abgelaufenen Geschäftsjahr beim Umsatz die Marke von einer Milliarde Euro geknackt haben, musste das Unternehmen Einbußen beim Absatz von Strom und Erdgas sowie bei Wasser und Fernwärme hinnehmen.

Rückläufiger Absatzrückgänge

So ging der Stromabsatz im Vorjahresvergleich um 12 Prozent zurück, der Gasabsatz um fünf Prozent. Zudem haben die Kunden um neun Prozent weniger Fernwärme und 2,4 Prozent weniger Wasser verbraucht. Dies führt der Versorger auf das sparsame Verhalten der Kunden, aber auch auf die zahlreichen Kündigungen zurück. Hinzu kamen die milden Temperaturen im Winter und ein regnerischer Sommer 2023.

Trendumkehr bei Kundenzahlen

Während der Beschaffungskrise haben die Stadtwerke Münster etwa 4.000 Neukunden aufgenommen, hauptsächlich weil zahlreiche Discounter die Belieferungen eingestellt hatten. Im Laufe des Jahres haben mehr als diese 4.000 den kommunalen Versorger wieder verlassen, weil die Discounter wieder mit niedrigen Tarifen auf den Markt zurückgekehrt seien, sagte Sebastian Jurczyk, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke Münster, bei der Vorstellung der Jahreszahlen.

Seit einigen Wochen sorge der Versorger mit einem konkurrenzfähigen Festpreis allerdings erneut für einen Kundenzulauf, sagte er weiter. Eine genaue Zahl wollte Jurczyk aus Wettbewerbsgründen nicht nennen.

Den Großteil des Jahresüberschusses von 11,2 Mio. Euro schütten die Stadtwerke Münster an den städtischen Haushalt aus. Mindestens 6,5 Mio. Euro fließen laut Managementkontrakt in die Kassen der Stadt Münster. Die Entscheidung über die genaue Höhe der Ausschüttung soll in den kommenden Monaten fallen.

Große Hoffnungen im Vertrieb verbindet der Stadtwerkechef mit den dynamischen Tarifen, deren verpflichtende Einführung zum Jahreswechsel erfolgt. "Es ist eine sehr gute Verpflichtung, weil dabei der Fokus auf die Leistung und die Last – weg von der Arbeit – gelegt wird", sagte Jurczyk auf ZfK-Anfrage.

Dynamischer Tarif zunächst für E-Mobilität

Den Auftakt dafür mache ein dynamischer Tarif, der in Kooperation mit dem Start-up Enytime Green entwickelt werde. Die App-basierte Lösung sei für den Anwendungsfall E-Mobilität ausgelegt. Diese soll ein netzdienliches und dabei ein kostengünstigeres Aufladen der Batterien von E-Autos ermöglichen. Für weitere Use-Cases, etwa für Haushalte, sei ein intelligentes Messsystem notwendig, wobei in Deutschland "nicht wirklich viele Messsysteme" existieren. Im ersten Schritt wäre es also notwendig, die Kunden für solche intelligenten Systeme zu begeistern.

Dafür starten die Stadtwerke im Sommer mit einigen Projekten, die für sogenannte Friendly User vorgesehen sind. Erst dann soll der zweite Stromtarif, etwa für die klassischen Haushalte, folgen, sagte er. Aktuell leitet Jurczyk den Vertriebsbereich selbst, um die Prozesse nah zu begleiten. Voraussichtlich im Herbst wolle er "das Szepter abgeben".

Green Bond als Finanzierungsinstrument

Seine Eigenkapitalquote hat der kommunale Versorger auf 34,2 Prozent gesteigert und sieht dies als eine solide Basis für die anstehenden Aufgaben. So wolle der Versorger seine Wind- und Solarenergieerzeugung massiv ausbauen, aber auch grüne Wärme und Glasfasernetze erschließen. Hinzu kommt auch die Antriebswende im ÖPNV der Stadtwerke. Die Quote der Elektrobusse von aktuell 60 Prozent soll weiter steigen. "Bis 2028 investieren wir mit der Stadtwerke-Gruppe mehr als 800 Millionen Euro in die Transformation“, kündigte Jurczyk an.

Für die Finanzierung des größten Investitionsprogramms der Unternehmensgeschichte gehe der Versorger "neue Wege und nachhaltige Wege", hieß es weiter. Dazu zählen die Stadtwerke strategische Partnerschaften mit Investoren, Bürgerbeteiligungen und Darlehensmodelle wie die Green Bonds der Stadt Münster.

Die jüngsten Erfahrungen mit diesen Finanzierungsinstrumenten stimmen laut Jurczyk optimistisch. Im Frühjahr 2023 haben die Stadtwerke Münster Palladio Partners als strategischen Finanzpartner für den kommunalen Glasfaserausbau gewonnen. Die Bürgerbeteiligung "Münsters Sonnendächer" an einer PV-Anlage war zudem nach 48 Stunden ausverkauft. Auch der zweite städtische Green Bond wurde nach Angaben der Stadtwerke im Mai 2023 erfolgreich platziert.

Für eine langfristige und auskömmliche Finanzierung des ÖPNV sehen die Stadtwerke auch Bund und Länder in der Pflicht: "Gerade aufgrund der großen Hebelwirkung des Nahverkehrs ist die Förderung von Investitions- und Betriebskosten durch Bund und Land eine Voraussetzung dafür, dass die Mobilitätsunternehmen weiter aktiven Klimaschutz betreiben können", so Mobilitätsgeschäftsführer Frank Gäfgen. (am)

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