Jürgen Haneberg (rechts) ist Geschäftsführer, Axel Horstmann ist Partner der Stellwerk Management Consulting GmbH Köln.

Jürgen Haneberg (rechts) ist Geschäftsführer, Axel Horstmann ist Partner der Stellwerk Management Consulting GmbH Köln.

Bilder: © Stellwerk GmbH

Dass Stadtwerkekooperationen an lokalen politischen oder betrieblichen Widerständen scheitern, ist eine empirisch gesicherte Mehrheitsmeinung in der Branche. Wahrscheinlich werden viele sinnvolle Projekte auch erst gar nicht begonnen, weil man diese Widerstände für unüberwindbar hält. Dabei wird jedoch wichtiges Ertragspotenzial verschenkt, zumal interne Optimierungschancen endlich und auch nicht einfach zu erschließen sind. Die Stadtwerke SH, die zum 1. Januar 2020 als Gemeinschaftsunternehmen dreier schleswig-holsteinischer Kommunalunternehmen starten, sind ein Beispiel für den erfolgreichen Umgang mit den Interessen der Gesellschafter und Mitarbeiter.

"Betriebsorganisatorische Vollintegration"

Was beim ersten Blick als eigentümliches Betriebsführungsmodell daherkommt und eine komplizierte Verantwortungsteilung erahnen lässt, ist bei näherem Hinsehen eine betriebsorganisatorische Vollintegration mit einheitlicher unternehmerischer Willensbildung. Gegenüber einer rechtlichen und wirtschaftlichen Verschmelzung belässt diese Form der Kooperation den Gesellschaftern aber ihr Anlagevermögen, die Gewinnverwendung und die Entscheidungshoheit über die Infrastruktur der eigenen Stadt; den Mitarbeitern erspart sie die Risiken eines gesetzlichen und bietet ihnen die Vorteile eines verhandelten Betriebsübergangs. Zeigen muss es die Zukunft, aber aus heutiger Sicht beinhaltet das Modell keine ökonomischen Nachteile, bereits bewiesen hat es seine politischen Vorteile.

Drohende Ergebnisschmälerung abwenden

Die gefundene Kooperationslösung entstand nicht am Reißbrett, sondern wurde in enger Zusammenarbeit mit den Stake- und Shareholdern jedes einzelnen Stadtwerks entwickelt. Grundlage waren der Verzicht auf eine Beschreibung der Ausgangssituation als Zwangslage, gleichwohl die Verständigung, eine drohende Schmälerung der Jahresergebnisse um 30 Prozent in zehn Jahren abwenden zu wollen und die Offenheit für den bestmöglichen Weg zur Zielerreichung. Es hat die handelnden Personen sehr bestärkt, die Beteiligung ihres Unternehmens als souveränen Schritt begreifen zu können, als freiwillig und fernab wirtschaftlicher Unterordnung.

Partizipative Projektorganisation

Die Unterstützung einer Kooperation der Unternehmen durch Gesellschafter und Mitarbeiter kann eine partizipative Projektorganisation sehr fördern. Im Fall der Stadtwerke SH wurde sie dadurch verwirklicht, dass die Betriebsratsvorsitzenden von Anfang an an allen Beratungen des internen Lenkungskreises beteiligt waren und dessen Beratungsergebnisse eng durch eine politische Arbeitsgruppe gespiegelt wurden, die sowohl die Aufsichtsratsvorsitzenden als auch die Vertreter der kommunalpolitischen Fraktionen umfasste. Jegliche Beratungen in Betriebsversammlungen, in den Aufsichtsräten oder anderen kommunalpolitischen Gremien blieben infolgedessen frei von Polemiken.

Mehrere Optionen für enge Kooperation

Will man die Errichtung der Stadtwerke SH im Hinblick auf andere Kooperationsprojekte zielführend auswerten, so bieten sich vor allem drei Erkenntnisse an. Erstens gibt es für die enge Kooperation von Stadtwerken eine Mehrzahl von konkreten Optionen. Auch wenn man (zutreffenderweise) einer Vollfusion der Unternehmen wegen des Umfangs möglicher Synergien den größten Effekt zuschreibt, bleiben in der Realisierung mögliche Varianten, die wahrscheinliche Vorbehalte der kommunalen Gesellschafter oder der  Mitarbeiter ganz oder teilweise entkräften können. Es ist die Aufgabe des Projektmanagements, die geeignetsten Kooperationsformen unter Berücksichtigung von deren Akzeptanz zu entwickeln und zu vertreten.

Einhegung rechtlicher Risiken

Zweitens erfordert ein spezifisches Kooperationsmodell die Einhegung je eigener rechtlicher und regulatorischer Risiken; im Betriebsführungsmodell fallen sie paradoxerweise eher größer aus als bei einer echten Fusion. Sie wurden von Anfang an offengelegt, ihre Bewältigung gemeinsam geplant. Im Ergebnis konnte die Unterstützung der Kommunalaufsicht, der Finanzbehörden und der Bundesnetzagentur, wie auch der Tarifvertragsparteien erreicht werden. Wichtiger noch als der fachjuristische Rat, der im Einzelfall eingeholt wurde, war dabei eine vorausschauende Projektplanung, die die jeweils zu lösenden Fragestellungen rechtzeitig identifizierte und frühzeitig für das besondere Kooperationsmodell warb.

Stabile Vertrauensbasis sicherstellen

Schließlich braucht ein erfolgreiches Projektmanagement eine stabile Vertrauensbasis  zwischen allen Projektbeteiligten. Der Lenkungskreis war zu jeder Zeit der Ort des Austauschs über mögliche Konfliktlagen, die örtliche Presse hingegen zu keiner Zeit. Von Anfang an einbezogen wurde aber auch der weit größere Kreis aller Mitglieder der Aufsichtsräte, denen die absehbaren Bedrohungen ihrer Unternehmensergebnisse angesichts noch stabiler Ergebnisse teils nicht gegenwärtig waren. Im vorliegenden Fall wurde in einzelnen wie gemeinsamen Klausurtagungen, ein gemeinsames Verständnis der absehbaren Ertragsentwicklung ihrer Unternehmen und ihrer Beherrschbarkeit erreicht.

Gemeinsames Interesse herausarbeiten

Stadtwerkekooperationen stoßen unvermeidlich auf partikulare Interessen der Partner. Mit ihnen zielgerichtet umzugehen, setzt ihre Anerkennung voraus. Schon daran können Kooperationsabsichten scheitern. Erforderlich ist aber mehr noch, dass ein vorrangiges gemeinsames Interesse glaubhaft herausgearbeitet werden kann, das entgegengerichtete Einzelinteressen überwiegt. Gelingt das, werden auch schmerzhafte Konsequenzen tragbar, im Fall der Stadtwerke SH etwa der Verzicht auf eine Wiederbesetzung eines Teils der in den kommenden Jahren rasch freiwerdenden Stellen. Gesellschafter wie Arbeitnehmervertreter gewinnen dabei ein wertvolleres und wettbewerbsfähigeres Unternehmen, das seine Zukunft auch künftig souverän bestimmen kann.

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Einen ausführlichen Artikel mit Statements der beteiligten Stadtwerke-Geschäftsführer über die künftige Aufstellung der Stadtwerke SH lesen Sie in der Dezemberausgabe der ZfK. Diese erscheint am Montag (9. Dezember).

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