Dutzende Energieversrorger haben angesichts historisch hoher Großhandelspreise Anpassungen angekündigt. Darunter befinden sich auch die Stadtwerke Haltern am See.

Dutzende Energieversrorger haben angesichts historisch hoher Großhandelspreise Anpassungen angekündigt. Darunter befinden sich auch die Stadtwerke Haltern am See.

Bild: © Nmann77

Die enormen Herausforderungen der Energiekrise mit den damit verknüpften Beschaffungsrisiken und regulatorischen Aufgaben wurden von den kommunalen Versorgern zwar gemeistert, haben jedoch Spuren hinterlassen. So hat fast die Hälfte der Stadtwerke (48 Prozent) im vergangenen Jahr ein niedrigeres Ergebnis erwirtschaftet hat als noch 2021, wie aus der Stadtwerkestudie 2023 hervorgeht, für die das Beratungsunternehmen EY und der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) deutschlandweit 100 Stadtwerke und regionale Energieversorger befragt haben.

Dabei war für 59 Prozent der befragten Versorger die Energiebeschaffung im vergangenen Jahr das wichtigste Thema und maßgeblich für das wirtschaftliche Ergebnis. Auch der Blick auf das derzeit laufende Geschäftsjahr fällt eher gedämpft aus. Denn lediglich 44 Prozent schätzen die Aussichten als gut oder sehr gut ein. Dies sei der „niedrigste Wert seit der Finanzkrise 2008/2009“, wie EY und BDEW am Dienstag gemeinsam mitteilten.

Megatrend Digitalisierung verliert an Priorität

Gleichzeitig sind die künftigen Herausforderungen für Stadtwerke gewaltig. „Langfristige Beschaffungsstrategien, der Rückgang von Gasmengen, die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung sowie der hohe Investitionsbedarf zur Umsetzung der Energie-, Mobilitäts- und Wärmewende erhöhen den Transformationsdruck“, erklärt Andreas Siebel, Partner und Sektorleiter Energy & Resources bei EY. Für Stadtwerke gelte es daher mehr denn je, strategische Antworten auf diese Fragen zu finden und aus dem Krisenmodus herauszukommen.

Als ihre derzeit wichtigsten Themen nennen die befragten Stadtwerke-Führungskräfte den Ausbau der erneuerbaren Energien (89 Prozent) und die Umsetzung der Wärmewende (88 Prozent). Dahinter rangiert - angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels wenig verwunderlich - die Gewinnung von neuen Mitarbeitenden (86 Prozent). Der Megatrend Digitalisierung – 2022 noch an erster Stelle – hat gegenüber dem Vorjahr deutlich an Priorität verloren und liegt in der aktuellen Studie auf dem fünften Rang (74 Prozent). Das Bewusstsein für die IT-Sicherheit ist hingegen mit 85 Prozent annähernd gleich hoch wie im Vorjahr geblieben und dürfte angesichts der jüngst gehäuften Cyberangriffe auch auf Kommunalversorger weiterhin hoch bleiben.

Knapp ein Fünftel ohne jede Dekarbonisierungs-Strategie

Wie die Studienautoren betonen, haben die Herausforderungen beim Energieeinkauf wie auch die Umsetzung regulatorischer Anforderungen (Stichwort Energiepreisbremsen) im vergangenen Jahr dafür gesorgt, dass strategische Themen nur bedingt angegangen werden konnten. Wie in der Vorjahresumfrage habe nur knapp ein Drittel (29 Prozent) der befragten Stadtwerke eine echte Dekarbonisierungs-Strategie, also Transformationslösungen für den Kunden und das eigene Unternehmen. Knapp ein Fünftel (19 Prozent) hat der Studie zufolge überhaupt keine Dekarbonisierungs-Strategie und rund die Hälfte (51 Prozent) befinde sich noch in einem „strategischen Prozess“. Immerhin böten 36 Prozent Kundenlösungen zur Dekarbonisierung an.

Doch ohne ohne Dekarbonisierungs-Strategien würden Stadtwerke ihrer Rolle als Umsetzer der Energiewende vor Ort nicht gerecht werden können, warnt EY-Branchenexperte Siebel. Vor dem Hintergrund der Transformationsbeschleunigung würden Investitionen in die Infrastruktur, Wärmeplanung und Strategie zur Klimaneutralität sowie das Erschließen neuer Geschäftsmodelle in der Wärmewende zu zentralen Handlungsfeldern in den kommenden Jahren.

Ausschüttungserwartungen sind nicht mehr erfüllbar

Allerdings sind die Rahmenbedingungen eben auch deutlich schwieriger geworden. Die Umsetzung der Transformation erfordere Investitionen, und häufig seien die Renditen von Investitionen in die erforderlichen Geschäftsfelder niedriger als im angestammten, aber gegebenenfalls rückläufigen Geschäft, heißt es im Fazit der Studie. Zudem seien die Investitionsvolumina erheblich und nicht allein durch Kredite zu finanzieren. Die Stadtwerke gingen deshalb davon aus, die Ausschüttungserwartungen ihrer Gesellschafter nicht mehr erfüllen zu können. Viele Kommunalversorger befänden sich daher mit ihren Gesellschaftern in Gesprächen zu ihren Ausschüttungserwartungen und Gewinnthesaurierungen.

Der wirtschaftliche Weiterbetrieb der Gasnetze ist für viele Unternehmen noch nicht abschließend geklärt, heißt es weiter. Analysen zeigten jedoch, dass rückläufige Gasmengen im Netz zügiger Anpassungsmaßnahmen erfordern als bisher erwartet. „In der Praxis stellen wir fest, dass Netzinvestitionsplanungen angepasst und erneute Bewerbungen auf Gaskonzessionen durchaus kritisch hinterfragt werden“, schreiben die Autoren.

Mix an erneuerbaren Wärmetechnologien notwendig

„Die Erfahrungen aus der Energiekrise führen insbesondere in den Bereichen Erneuerbare Energien und Wärmeversorgung zu einer Transformationsbeschleunigung“, erklärte Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, zu den Ergebnissen der Studie. Stadtwerke würden die Infrastrukturen in ihrer Region „wie kein Zweiter“ kennen und seien daher „unverzichtbarer Akteur für die kommunale Wärmeplanung“.

„Grundsätzlich werden wir einen Mix an erneuerbaren Wärmetechnologien brauchen. Es ist richtig, dass Wärmepumpen und Fernwärme im Zentrum der Wärmewende stehen. Um den Wohnungsbestand zu dekarbonisieren, sind aber auch gasbasierte Systeme eine Option – künftig betrieben mit erneuerbaren und dekarbonisierten Gasen“, so die BDEW-Chefin. (hil)

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper