Der Essener Kraftwerksbetreiber Steag will voraussichtlich rund 1000 seiner 3500 Arbeitsplätze in Deutschland abbauen. «Wir streben einen möglichst fairen und sozialverträglichen Arbeitsplatzabbau an», sagte Andreas Reichel, Mitglied der Geschäftsführung, laut einer Mitteilung vom Donnerstag. Allerdings stünden dafür aufgrund der aktuell schwierigen wirtschaftlichen Lage des Unternehmens begrenztere finanzielle Mittel zur Verfügung als in der Vergangenheit. Aufgrund des beschlossenen Kohleausstiegs und der erforderlichen Mittel für den Konzernumbau sind die finanziellen Spielräume offenbar geringer als bei der Stilllegung der Kraftwerke in Lünen und Vörde vor einigen Jahren, die ebenfalls einen größeren Stellenabbau nach sich zogen.
Tarifvertrag als Voraussetzung für Teilnahme an Auktionen
Ziel ist es, die jüngste Restrukturierungsmaßnahme ohne betriebsbedingte Kündigungen durchzuführen. Die Steag hatte deshalb, wie unter anderem auch RWE und Uniper, im August einen neuen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft IGBCE abgeschlossen. Von diesem profitieren rund 1000 Mitarbeiter. Der Tarifvertrag ist die Voraussetzung dafür, dass die Steag an den insgesamt acht Stilllegungsauktionen bis 2027 teilnehmen kann. Die erste Auktion fand bereits im September statt. Für den Essener Energiekonzern ist es essentiell, bei den Ausschreibungen zum Zuge zu kommen, nur dann fließen die entsprechenden Millionenentschädigungen und nur dann gelten die Vereinbarungen des kürzlich vereinbarten Tarifabschlusses.
Auch Verwaltungsbereich betroffen
Der Stellenabbau betrifft demnach die Kraftwerksstandorte im Ruhrgebiet und Saarland, die damit im direkten Zusammenhang stehenden Aktivitäten, die Verwaltungsbereiche sowie die übrigen operativen Geschäfte in Deutschland. Zuvor hatte die «WAZ» («Westdeutsche Allgemeine Zeitung»/Donnerstag) über die Pläne berichtet. Der Einschnitt sei Teil der Strategie des Vorstandes für eine neue Struktur des Unternehmens, die zum Beginn des Geschäftsjahres 2022 umgesetzt sein soll, hieß es weiter. Die Pläne wurden dem Aufsichtsrat am Mittwoch vorgestellt. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur soll die Belegschaft an diesem Donnerstagvormittag über die Pläne informiert werden.
Fokus auf erneuerbaren Energien
Kern ist die Abschaltung der älteren Steinkohlekraftwerke und ein Fokus auf erneuerbare Energien und smarte, ganzheitliche Energielösungen. Der sechs Ruhrgebietskommunen gehörende Konzern ziehe damit die Konsequenzen aus dem Kohleausstieg, der fast jede dritte seiner Stellen in Deutschland koste. Bis Anfang 2022 wolle der Vorstand Klarheit schaffen, wann welches Kraftwerk vom Netz gehen werde.
Während Braunkohlekraftwerke dem Ausstiegsgesetz zufolge noch bis 2038 laufen könnten, sollten die meisten Steinkohlekraftwerke bereits in den kommenden Jahren vom Netz gehen. Das treffe alle sechs deutschen Steag-Standorte, nur der jüngste Block 10 in Duisburg-Walsum könnte dem «WAZ»-Bericht zufolge noch länger laufen. Wie die «WAZ» weiter berichtet, sollen die meisten Stellen in den Kraftwerken wegfallen. Die Verwaltung solle deutlich verkleinert werden. Der Abbau treffe auch die technischen Serviceeinheiten.
Rumstadt: "Attraktiver werden für neue Kapitalgeber"
"Wir sind davon überzeugt, dass uns die neue Aufstellung erfolgreicher und zugleich attraktiver für neue Kapitalgeber machen wird, auch wenn in diesem und im nächsten Jahr noch große Herausforderungen und Anstrengungen vor uns liegen", so der Vorsitzende der Steag-Geschäftsführung Joachim Rumstadt in der Pressemitteilung. Ziel ist es, die Steag aus eigener Kraft neu aufzustellen. Am Ende dieser Transformation werde das Unternehmen "kleiner, flexibler, vor allem aber schlagkräftiger sein als heute", verlautbarte der Kraftwerksbetreiber.
Verkaufsprozess liegt auf Eis
Die Suche nach einem neuen Investor respektive neuen Investoren, die die Anteile der verkaufswilligen Steag-Gesellschafter Essen, Bochum, Duisburg, Oberhausen und Dinslaken übernehmen, liegt laut ZfK-Informationen coronabedingt auf Eis. Das gilt auch für die als Zwischenschritt geplante Übertragung der Anteile der jeweiligen Konsorten zu einem symbolischen Preis an die Steag. Erst wenn die neuen Räte im Ruhrgebiet im November die Arbeit aufnehmen, könnte wohl wieder Bewegung in das Thema kommen. Die betroffenen Kommunen sollen laut der ursprünglichen Planung den Preis für ihre Anteile erst erhalten, wenn die Steag diese weiterverkauft hat. (hoe/dpa)



