Die Stadt Bonn will in elf Jahren klimaneutral sein. Die Stadtwerke spielen dabei eine wesentliche Rolle: Ebenfalls bis 2035 wollen sie alle ihre Geschäftsbereiche, darunter auch die Strom- und Wärmeerzeugung sowie die Müllverwertung, dekarbonisieren.
Damit gehe Bonn deutlich über das bundesweit angesetzte Klimaziel hinaus, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bei der Besichtigung des Heizkraftwerks HKW Nord in Bonn, vor Journalisten. "Das macht das Unternehmen zu einem Vorreiter unter den Stadtwerken." Die Wärmewende findet lokal statt, und mit dem Wärmeplanungsgesetz, das seit Januar gilt, habe die Bundesregierung dafür einen verbindlichen Rahmen gesetzt. Der Vorsitzende der SWB-Geschäftsführung, Olaf Hermes, sprach sich in diesem Zusammenhang für eine Entfristung der Förderung von KWK-Anlagen aus.

"Das Aus der Förderung wäre fatal"
"Die Förderung, die wir bei der GuD-Erweiterung in Anspruch genommen haben, hat funktioniert", sagte Hermes im Gespräch mit der ZfK. Die KWKG-Förderung laufe jedoch 2026 aus. "Wenn wir unsere Müllverwertungsanlage nun in Richtung eines Müllheizkraftwerks entwickeln oder sogar neu bauen, dann wird es eng. Es wäre sogar fatal, wenn es solche Fördermöglichkeiten nicht mehr gäbe", sagte er weiter.
Konkret würde damit eine wesentliche Finanzierungskomponente fehlen, ohne die die Wirtschaftlichkeit des Projektes erneut kalkuliert werden müsste. So geht es laut SWB-Chef vielen Versorgern, die ihre Anlagen weiterentwickeln, modernisieren oder wasserstofffähig machen wollen.
Es sei deshalb zwingend erforderlich, dass dieser Fördermechanismus entfristet werde. "Die 10 GW in der Kraftwerksstrategie für Großkraftwerke sind das eine, es gibt aber viele Versorger, die über KWK-Anlagen funktionieren – diese gilt es bei ihren Umbauplänen zu unterstützen", fordert Hermes.
Dekarbonisierung auf mehreren Säulen
In Bonn gibt es bereits mehrere Säulen für eine dekarbonisierte Energieversorgung. Zum einen ist es die Müllverwertungsanlage, ein wasserstofffähiges Gaskraftwerk sowie eine geplante Flusswärmepumpe mit 20 MW Leistung. Weitere regenerative oder unvermeidbare Wärmequellen seien Teil der kommunalen Wärmeplanung. Dazu zählt Hermes die flache Geothermie, wobei auch das Potenzial von Tiefengeothermie derzeit hydrogeologisch untersucht werde. Auch leisten PV-Freiflächen- und Solarthermieanlagen ihren Beitrag zur klimaneutralen Energieversorgung.
Es sei eine Pflicht, so viel Energie wie möglich aus den nicht vermeidbaren Abfällen zu gewinnen, wie nur möglich. Die technologischen Sprünge bei den Wirkungsgraden im Vergleich zu den bestehenden Altanlagen seien gigantisch. "Diese Potenziale dürfen wir nicht liegen lassen", so der SWB-Chef.
Dafür soll die Bonner Müllverbrennungsanlage modernisiert werden. Am gleichen Standort soll zudem ein Müllheizkraftwerk entstehen mit dem Ziel, mit der dort entstehenden unvermeidbaren Abwärme in Kombination mit einer CO2-Abscheidungsanlage Strom und Fernwärme zu 100 Prozent klimaneutral zu produzieren.
Milliardenhohe Investitionen in die Infrastruktur
Für den Transport der klimaneutralen Wärme wollen die Stadtwerke ihr Fernwärmenetz von aktuell 125 Kilometern auf 250 Kilometer ausbauen. Zudem sollen in den kommenden Jahren weitere 1000 Kilometer an zusätzlichen Stromleitungen hinzukommen. Die Kosten dafür bewegen sich im Milliardenbereich.
"Es gibt bereits technische Lösungen zur CO2-Absorbtion."
Rund 700 Mio. Euro würde der Ausbau der Fernwärmeinfrastruktur kosten, weitere 600 Mio. Euro planen die SWB für den Stromnetzausbau ein. Sollte eine neue Müllverwertungsanlage gebaut werden, wäre ein dreistelliger Millionenbetrag fällig. Dieser Neubau soll über eine moderne, hocheffiziente Rauchgasreinigung sowie eine moderne Kesseltechnologie verfügen. Das soll laut SBW einen bis zu 90 Prozent höheren Energieoutput ermöglichen.
"Es gibt bereits technische Lösungen zur CO2-Absorbtion", sagte Hermes weiter. Der Abtransport von CO2 könnte entweder auf Schiene erfolgen oder über Pipelines, wenn eine solche Infrastruktur gebaut werde. Anders als die Nachbarländer hat sich Deutschland bislang mit CCS schwergetan, allerdings könnte auch Deutschland in ausgeförderten Erdgaslagerstätten sein unvermeidbar anfallendes Kohlendioxid dauerhaft speichern.
Bonner Wärmebedarf könnte fast halbiert werden
Aktuell liegt der Wärmebedarf der Stadt Bonn bei 3,4 TWh. In ihrem Klimaplan rechnet die Stadt mit einem deutlichen Rückgang dieser Kennzahl. Mit dem regenerativen Erzeugungspotenzial, das bereits ermittelt wurde, sei es möglich, diesen Bedarf vollständig zu decken. Das technische Einsparpotenzial bei der Wärme durch die energetische Sanierung des ganzen Gebäudebestands liegt bei 49 Prozent. "Das ist das technisch und nicht das wirtschaftlich machbare Potenzial", räumen die Stadtwerke Bonn ein. (am)



