Die Kommunalwirtschaft steht in den kommenden Jahren vor gewaltigen Investitionsherausforderungen, insbesondere aufgrund der Energiewende. Die Branche erwartet in den nächsten zehn Jahren einen Investitionsbedarf von knapp 23 Mrd. Euro, allein im Bereich der Abwasserentsorgung und Abwasserbeseitigung wird mit Ausgaben von rund sechs Mrd. Euro gerechnet.
Bei knapp 40 Prozent der Unternehmen entspricht der Investitionsbedarf mehr als dem Doppelten des bilanzierten Anlagevermögens. Im Schnitt sehen sich nur 30 Prozent der Unternehmen in der Lage, ihre Investitionen durch Innenfinanzierung abzudecken. Das zeigt eine Befragung von über 160 VKU-Mitgliedsunternehmen zur Finanzierung der Klimaneutralität. Diese wurde Ende vergangenen Jahres von PwC durchgeführt.
Rigorosere Risikobewertungen der Banken
Bei den Ver- und Entsorgungsunternehmen sieht ein Großteil seine Unternehmensfinanzierung zwar durch Bankdarlehen als gesichert an. Bei den Energieversorgern stimmt aber nur knapp ein Drittel dieser Aussage zu. Als Gründe werden sinkende Eigenkapitalquoten und rigorosere Risikobewertungen der Banken genannt.
Um diese Investitionslücke zu schließen, sind also in hohem Maße zusätzliche Finanzierungsquellen zwingend. Eine Stärkung des Eigenkapitals durch den bestehenden Gesellschafter wird aber nur von einer Minderheit der Energieversorger und Ver- und Entsorger als Option gesehen, ebenso wird eine Kapitalerhöhung durch den Einstieg neuer Gesellschafter nur von einer Minderheit der Befragten als Möglichkeit bewertet.
Interesse an projektbasierten Kooperationsmodellen
Differenzierter fällt das Ergebnis beim Thema Thesaurierung der Gewinne aus: Während über drei Viertel der Energieversorger hier eine Option sehen, um teilweise die Rücklagen für Investitionen zu stärken, wird das im Bereich der Ver- und Entsorgungsunternehmen nur von der Hälfte der Befragten als Möglichkeit betrachtet. Die Mehrheit der EVU bekundete aber Interesse an projektbasierten Kooperations- und Beteiligungsmodellen mit neuen Gesellschaftern.
VKU-Chef Liebing: "Wir brauchen mehr Eigenkapital"
„Stadtwerke und kommunale Versorger müssen massiv investieren. Dafür brauchen wir mehr Eigenkapital. Wir sind zuversichtlich, dass vor Ort die richtige Balance zwischen thesaurieren und investieren auf der einen Seite und Ausschüttungen für den kommunalen Haushalt auf der anderen Seite getroffen werden“, kommentierte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing auf ZfK-Anfrage.
Natürlich benötige man für die Umsetzung der Energiewende die Unterstützung in den Rathäusern. Die Transformation der Energieversorgung bleibe aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, „die wir als Energiewirtschaft nur mit Finanzwirtschaft, Bund, Ländern und Kommunen gemeinsam stemmen können“.
"Es geht nicht darum, dass sich private Investoren unmittelbar an Stadtwerken beteiligen." (Henry Otto, Partner PwC)
Die aktuellen Stadtwerke-Gesellschafter, egal ob kommunal oder privat, „stehen vor der Entscheidung, die Kapitalerhöhungen selbst zu leisten oder Partner zu finden“, ordnete Henry Otto, Partner bei PwC ein. Dabei werde es sehr unterschiedliche Modelle geben und der Markt werde sich durch neue Konstellationen verändern.
„Die Investitionen nicht zu tätigen, ist definitiv die schlechteste Alternative. Es geht ja auch nicht darum, dass sich private Investoren unmittelbar an Stadtwerken beteiligen“, so Otto. Aber die Einbindung in bestimmte Energiewendeprojekte, die in eigenen Objektgesellschaften ausgelagert würden, könne durchaus Sinn machen.
„Für uns ist elementar, dass die Infrastruktur in kommunaler Hand ist und bleibt. Privatisierung wird uns nicht weiterhelfen. Eine Form der Beteiligung privater Kapitalgeber ist jedoch notwendig“, ergänzte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing. Hier versuche man mit Konzepten wie dem Energiewendefonds Lösungen zu finden, die für alle Seiten passten: für die Energiewende, für die Kapitalgeber, für die Stadtwerke und kommunale Selbstverwaltung. (hoe)
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