Als einer der ersten Anbieter deutschlandweit setzt das Start-up Tibber auf dynamische Tarife. Heißt, das Unternehmen gibt Strom zum Einkaufspreis an seine Kunden weiter. Statt eines Aufschlags auf den Verbrauchspreis erhebt es eine Grundgebühr von knapp vier Euro im Monat. Kunden sollen damit Kosten und Energie sparen.
Heißt aber auch: Wenn der Strom im Großhandel so teuer ist wie derzeit, schlägt sich das am Monatsende unmittelbar auf der Rechnung nieder. Wie steht es nun also um das Geschäftsmodell dynamische Tarife? Ein Gespräch mit Tibber-Deutschland-Chefin Marion Nöldgen.
Frau Nöldgen, am 6. Oktober zwischen 19 und 20 Uhr kostete eine Kilowattstunde Strom auf der Tibber-App satte 74 Cent. Laufen Ihnen die Kunden da nicht in Scharen davon?
Es sind zurzeit spannende Zeiten für dynamische Tarife, keine Frage. Jahrelang waren Spotpreise im Durchschnitt deutlich günstiger als Fixpreise. Jetzt erleben wir eine Phase, wo das kurzfristig umgekehrt ist. Das ist ein Stresstest. Aber die gute Nachricht ist, dass wir insgesamt sowohl in Skandinavien als auch in Deutschland weiter wachsen – und das, obwohl die Zahl der Kündigungen in den vergangenen Wochen nach oben gegangen ist. [Anfang des Jahres hatte das Unternehmen nach eigenen Angaben in allen Märkten zusammen knapp 120.000 Kunden. Inzwischen sind es laut Tibber mehr als 200.000.]
Wer wechselt denn in diesen Zeiten zu dynamischen Tarifen?
Wir sprechen zum einen Kunden an, die dank Smart Meters, Solaranlagen und Elektroautos flexibler agieren und die Vorteile unseres Modells besser ausschöpfen können. Wir haben ja aktuell durchaus auch Zeiten, in denen die Kilowattstunde Strom die 20 Cent nicht überschreitet. Zum anderen punkten wir mit unserer Preistransparenz. Klar. Kurzfristig zahlen Kunden bei uns vielleicht zehn bis 15 Euro mehr im Monat. Allerdings werden sie bei uns auch nicht von drastischen Preiserhöhungen oder gar kurzfristigen Lieferstopps überrascht, wie wir sie bereits jetzt bei einigen Festpreisanbietern gesehen haben. Am Ende dürfte jeder Versorger gezwungen sein, die hohen Strompreise im Großhandel auf die Endkunden umzulegen.
Anders als die meisten anderen Versorger ist Tibber ausschließlich am Day-Ahead-Markt aktiv, wo in den vergangenen Wochen die größten Preisspitzen auftraten. Haben Sie genug finanzielle Reserven, um in Vorkasse zu gehen und die Strompreise am Spotmarkt zu zahlen?
Wir sind gut finanziert, auch weil wir Investoren haben, die an unser Geschäftsmodell glauben und langfristig denken. Deshalb ist die Situation für uns jetzt nicht wahnsinnig schlimm. Außerdem gehen wir davon aus, dass sich die Situation Anfang nächsten Jahres wieder beruhigen wird. Spätestens dann werden die Strompreise am Spotmarkt im Schnitt wieder günstiger sein als am Terminmarkt.
Und wenn die Energiekrise noch einige Monate länger andauert: Wird dann auch Tibber seine Stromlieferungen einstellen müssen?
Nein, das kann ich ausschließen. Im Gegenteil: In Skandinavien, wo wir früher gestartet sind und deutlich mehr Kunden haben, wachsen wir zurzeit sogar noch schneller als in Deutschland. Und wie gesagt: Die hohen Strompreise treffen nicht nur dynamische Tarife, sondern auch Festpreistarife. Auch der Strom am Terminmarkt ist zurzeit richtig teuer.
Aber haben Sie gar nicht überlegt, auch am Terminmarkt aktiv zu werden, um sich zusätzlich abzusichern?
Doch, darüber haben wir lange diskutiert. Der Drang, angesichts stark steigender Strompreise zu handeln, war schon da. Allerdings sind wir nach Durchsicht aller Daten und Fakten zu dem Schluss gekommen, dass das für uns keinen Sinn hat. Wir befinden uns in der glücklichen Lage, die aktuell schwierige Phase aussitzen zu können. Kunden von uns, denen es mit den aktuellen Preisspitzen zu heiß ist, können zudem mit einer Frist von lediglich zwei Wochen kündigen und dann wieder zurückkehren, wenn sich der Markt beruhigt hat. Denn zum Glück ist es ja nicht zu erwarten, dass die derzeitige Energiekrise zur neuen Normalität wird.
Das Interview führte Andreas Baumer



