Olaf Geyer ist Partner für Energy & Utilities beim Beratungsunternehmen Arthur D. Little. Er berät seit vielen Jahren Energieversorger zu strategischen und vertrieblichen Themen.

Olaf Geyer ist Partner für Energy & Utilities beim Beratungsunternehmen Arthur D. Little. Er berät seit vielen Jahren Energieversorger zu strategischen und vertrieblichen Themen.

Bild: © Arthur D. Little

Herr Geyer, wie wichtig ist es jetzt schon für ein Stadtwerk an einer Strategie für die Zukunft seiner Gasnetze zu arbeiten?
Olaf Geyer: Das ist sehr wichtig. Bereits jetzt werden schon so viele Gas-Hausanschlüsse gekündigt wie nie zuvor, weil Verbraucher schon auf alternative Energieträger gehen wollen. Für einen Energieversorger geht es hier natürlich immer um langfristige Investitionsentscheidungen.

Durch den Krieg in der Ukraine hat dieses Thema noch einmal an zusätzlicher Virulenz gewonnen und viele davor getroffene Ausbau- oder Planungsentscheidungen mussten oder müssen hinterfragt werden.
 

Wie weit ist die Branche schon in der Umsetzung und im Erarbeiten derartiger Strategien?
Also, ich glaube, es ist langsam ein breites Bewusstsein für das Thema da, dass Gas wirklich ein Auslaufmodell ist. Aber ich glaube auch, nicht allen ist die Dynamik und die Dramatik bewusst. Die Handelsblatt-Energietagung im Januar war für mich hier noch einmal ein Schlüsselerlebnis.

Es wichtig jetzt schon in das Thema einzusteigen, auch mit Blick auf die kommunale Wärmeplanung.

Inwiefern?
Im vergangenen Sommer beim BDEW-Kongress war rund ein Drittel meiner Gesprächspartner noch der Meinung, einen Rückbau des Gasnetzes werde es nicht geben. Ein weiteres Drittel hatte das hingegen bereits antizipiert und fragte sich bereits, was der damit einhergehende Wärmepumpen-Hochlauf für sein Stromnetz bedeutet.

Und das letzte Drittel hatte das Thema erkannt, aber noch keine weiteren Schritte unternommen. Dieses Jahr beim Handelsblatt-Energiegipfel habe ich von keinem mehr gehört, dass das Gasnetz auch künftig in seiner heutigen Form bestehen bleiben wird. Es ist deshalb wichtig, jetzt in das Thema einzusteigen. Auch mit Blick darauf, dass die kommunale Wärmeplanung ja 2025 bundesweit verpflichtend sein soll.

Wo liegen die größten Herausforderungen bei einer entsprechenden Strategieplanung für die Zukunft der eigenen Gasnetze als Versorger?
Es fehlen oft strategische Leitplanken. Auch die schlechte Datenbasis im Netz ist ein Problem. Es geht da unter anderem um Informationen über die Kundenstruktur, das Alter der Gasnetze, die Beheizungsstruktur, aber auch zur Gebäudestruktur, wie beispielsweise das Alter oder die Zahl der Etagen. Hinzukommen das Fehlen von Informationen zur Anwendbarkeit und zu den Ausbaupotenzialen von klimaneutralen Wärmeerzeugungstechnologien.

Ein wichtiges Thema ist auch das in vielen Fällen noch beschränkte Verständnis des Rückgangs des Gasverbrauchs und seine Auswirkungen für die Fernwärme und die Stromnetze. Laut unseren ersten Szenarioberechnungen und Indikationen gehen wir davon aus, dass der Bedarf hier 160 bis 300 Prozent über den bestehenden Ausbauplanungen liegt.

Niemand will, dass bereits im nächsten Jahr der Wirtschaftsprüfer anklopft und Sonderabschreibungen einfordert.

Aktuell geht der Gasabsatz ja aufgrund der Einsparappelle mit Blick auf die Gefahr einer Gasmangellage ja bereits deutlich zurück. Wann rechnen Sie mit dem nächsten signifikanten Rückgang?
Je nach Versorgungsstruktur eines Stadtwerks, hat es beispielsweise mehr private Kunden oder versorgt es auch größere Energiekunden oder Wohnungsbaugesellschaften, rechnen wir mit einer dramatischen Reduktion zwischen Ende der 2020er Jahre bis Anfang der 2040er Jahre. Nicht jeder Energieversorger will angesichts dieser Ergebnisse unsere Analysen im Aufsichtsrat diskutieren, oftmals sind diese erst Mal für den internen Gebrauch bestimmt.

Niemand will, dass im nächsten Jahr bereits der Wirtschaftsprüfer anklopft und Sonderabschreibungen anregt oder einfordert. Ich glaube schon, dass wir in naher Zukunft bei den Bilanzpressekonferenzen einige solcher Themen hören werden. Die Bundesnetzagentur hat die Abschreibungszeiten für Investitionen ab 2023 ja verkürzt und das ruft natürlich die Wirtschaftsprüfer auf den Plan.

An eine mehr oder wenige komplette Umwidmung des Gas- in ein Wasserstoffnetz glaube ich allerdings nicht. Da werden die Verbraucher andere Alternativen finden. Insofern finde ich manche Auftritte von Verbandsvertretern, die hier nach wie vor großen Optimismus verbreiten, eher schwierig.

Für viele Stadtwerke ist das Gasgeschäft ein wichtiger Ertragspfeiler. Gibt es konkrete Prognosen/Schätzungen, wie sich die Umsätze bis 2030 entwickeln könnten?
Wir sehen den Wendepunkt für die Transformation der Wärmeversorgung in in 2025 aufgrund gesetzlicher Anforderungen und auch aufgrund der Gaspreisentwicklung. Ab 2025 gilt ja ein Verbot von Ölheizungen und jede neu installierte Heizlösung muss einen Anteil von mindestens 65 Prozent erneuerbarer Energie aufweisen, dann wird die Transformationsgeschwindigkeit dramatisch zunehmen.

Wir rechnen mit Rückgängen des Gasabsatzes von bis zu 35 Prozent bis 2035. Dies bei vorerst gleichbleibenden Betriebs- und Instandhaltungskosten. Um das zu kompensieren, sind signifikante Kostenreduktionen sowie eine proaktive Überführung von Gas- zu Stromkunden sowie ein starkes Wachstum im Bereich Energie- und Wärmelösungen notwendig.

Wir glauben, dass im Wärme- und speziell im Wärmepumpenbereich künftig Lesasing-Modelle zunehmend gefragt sind.

Was heißt das für den Vertrieb und das künftige Portfolio von Stadtwerken im Bereich Wärmelösungen?
Selbst wenn es theoretisch gelingen würde die Gaskunden komplett in Stromlieferverträge zu überführen, würden die Umsätze aufgrund der höheren Energieeffizienz der Wärmepumpen um bis zu 15 Prozent zurückgehen. Der Wegfall von Gaskunden wird nach unserer Einschätzung zu einem verstärkten Wettbewerb im Stromvertrieb führen. Wir halten deshalb unter anderem den Verkauf von Wärmepumpen in Kombination mit einem Wärmepumpen-Stromvertrag für eine vielsprechende Lösung.

Hier gilt es für Stadtwerke, ihre Kompetenzen als vertrauensvoller Lösungsanbieter von Kunden auszubauen und zu optimieren, zum Beispiel auch die Kooperationen mit komplementären Partnern. Wir erwarten, dass in diesem Bereich Leasing-Modelle zunehmend gefragt sind und langfristig stabile Ertragsströme für Lösungsanbieter darstellen. „Alles aus einer Hand“-Produkte, etwas ein integriertes Produkt bestehend aus  PV Anlage + Batterie + Wärmepumpe, können hier  künftig attraktive Margen generieren.

(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)

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