Das Thema Versorgungssicherheit gehört angesichts eines immer volatileren Strommarktes zu den Top-Themen in der Energiebranche. Der noch größtenteils verstaatlichte Energiekonzern Uniper steht bereit, in größerem Maß auch in H2-ready-Reservekraftwerke zu investieren, wie Konzernchef Michael Lewis betont. Doch die Ampelkoalition hat es versäumt, die Rahmenbedingungen auf den Weg zu bringen. Nun wird die Zeit knapp. Lewis plädiert in puncto Strommarktdesign für einen zentral organisierten Kapazitätsmarkt und nennt als Vorbilder Belgien und Großbritannien.
Herr Lewis, zuletzt machten Schlagzeilen über das Phänomen "Dunkelflaute" mit Preisspitzen von bis zu 900 Euro pro Megawatt die Runde. In Großbritannien wurden jüngst sogar noch deutlich höhere Preise aufgerufen. Ist das im laufenden Winter häufiger zu erwarten?
Die Dunkelflaute wurde oft abgetan, ist aber real – wir haben das Wort bereits ähnlich wie "Kindergarten" oder "Schadenfreude" ins Englische übernommen. Fakt ist: Der Ausbau der erneuerbaren Energien macht den Markt volatiler. Perioden mit wenig Wind und Sonne führen zu einer geringeren Stromproduktion aus erneuerbaren Energien. Zu diesen Zeiten springen dann steuerbare Kraftwerke ein, die bei sonnen- und windreichen Zeiten oftmals nicht zum Einsatz kommen. Sie produzieren Strom zu einem höheren Preis – nur so können sie sich bei geringen Einsatzzeiten trotzdem unter dem Strich rentieren. Es ist ein Zeichen eines funktionierenden Marktes, dass zu keiner Zeit die Netzstabilität gefährdet war. Es ist jederzeit möglich, dass wir im laufenden Winter ähnliche Preisspitzen erleben werden. Das einzige Mittel, das hier Abhilfe schaffen kann, ist der Zubau von weiterer, grundlastfähiger Kapazität, im Rahmen eines Kapazitätsmechanismus, wie es ihn bereits in UK oder Belgien gibt und auch in Deutschland diskutiert wird.
Solche vermehrt auftretenden Preisspitzen in einem zunehmend volatilen Strommarkt sollten doch ausreichend Anreiz sein, die im Rahmen der Kraftwerksstrategie geforderten Reservekraftwerke zu bauen, oder?
Ich glaube, die Dringlichkeit ist mittlerweile allen bewusst – die politischen Entwicklungen haben den Prozess allerdings nicht beschleunigt.
"Deutschland braucht dringend flexible Kraftwerkskapazitäten – mindestens 20 GW bis 2030."
Das notwendige Kraftwerkssicherheitsgesetz lässt weiterhin auf sich warten. Wie beurteilen Sie die Folgen für die Versorgungssicherheit in Deutschland?
Deutschland braucht dringend flexible Kraftwerkskapazitäten – mindestens 20 GW bis 2030. Wir sind vorbereitet, aber Investitionen hängen vom klaren regulatorischen Rahmen ab, der schnell geschaffen werden muss. Gleichzeitig bietet die aktuelle Situation die Chance, das Wie zu besprechen. Uniper wie auch unsere Wettbewerber haben in der Konsultation auf Probleme mit dem aktuellen Vorschlag hingewiesen. Wir sehen den Verbesserungsbedarf ganz besonders in Bezug auf die hohen Strafzahlungen bei einer verzögerten Inbetriebnahme sowie bei den unrealistischen Anforderungen im Bereich der Systemdienstleistungen für die Netzbetreiber. Das geht pragmatischer. Wir sind überzeugt, dass sich die Verbesserungspunkte der Branche schnell in einem angepassten Gesetz umsetzen lassen und dann vielleicht sogar noch vor der Sommerpause vom nächsten Bundestag verabschiedet werden könnte.
Muss der geplante Kohleausstieg 2038 bzw. bereits 2030 in Nordrhein-Westfalen verschoben werden?
Mit Blick auf die Energie- und Klimapolitik hielte ich eine Verschiebung für falsch. Mit neuen Gaskraftwerken können wir deutlich klimafreundlicher Versorgungssicherheit garantieren und wir werden sie noch für viele Jahre brauchen. Wichtig ist, dass die neue Bundesregierung das Thema schnell angeht und wir keine Zeit verlieren. Der Kraftwerksneubau benötigt fünf Jahre und wenn wir weitere Zeit verstreichen lassen, wird es auf eine Verschiebung rauslaufen.
In welchem Umfang will sich Uniper an dem vorgesehenen Aufbau einer Kraftwerksreserveflotte mit H2-ready-Anlagen beteiligen?
Wir wollen insgesamt rund 8 Milliarden in die Transformation Unipers investieren – dazu gehört auch der Umbau unserer Kraftwerksflotte. Unsere bestehenden Standorte bieten auf jeden Fall ideale Voraussetzungen, um sich an den Ausschreibungen zu beteiligen. Wir stehen bereit, um in größerem Maße zu investieren, gerade in Deutschland.
"Wir leben in Zeiten, in denen vielerorts komplexe Sachverhalte verkürzt und oftmals falsch geschildert werden – das macht auch vor energiewirtschaftlichen Themen nicht Halt."
Wie beurteilen Sie die Diskussion über einen Kapazitätsmarkt in Deutschland? Oder anders gefragt: Welche Bedingungen müssen aus ihrer Sicht erfüllt sein?
Wissen Sie, ich mag Pragmatismus. Ein zentral organisierter Kapazitätsmarkt, wie er in Belgien und Großbritannien bereits erfolgreich umgesetzt wurde, bietet die notwendige Planungssicherheit durch langfristige Verträge und unterstützt die Harmonisierung der europäischen Energiemärkte. Das ist deshalb pragmatisch, weil man sich an einem Modell orientiert, das schon erprobt und von der EU freigegeben ist. Dieses Modell schafft die richtigen Anreize für Investitionen in steuerbare und perspektivisch emissionsfreie Kraftwerkskapazitäten. Die positiven Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern belegen den Erfolg eines solchen Ansatzes. Eine zügige Umsetzung ist entscheidend, um die drohende Kapazitätslücke in Deutschland rechtzeitig zu schließen.
Was sollte auf der energiepolitischen Agenda der neuen Bundesregierung ganz vorn stehen?
Wir leben in Zeiten, in denen vielerorts komplexe Sachverhalte verkürzt und oftmals falsch geschildert werden – das macht auch vor energiewirtschaftlichen Themen nicht Halt. Die neue Bundesregierung muss den Fokus darauflegen, die Transformation des Energiesystems entschlossen aber ausgewogen voranzutreiben. Der Dreiklang aus Bezahlbarkeit, Versorgungssicherheit und Klimaschutz ist aktuell aus der Balance geraten – mit weitreichenden Folgen für Wohlstand sowie gesellschaftliche Akzeptanz. Es gilt, diesen Zustand mit pragmatischen Maßnahmen und einer klaren Innovationsagenda zu korrigieren. Es ist entscheidend, die Menschen mitzunehmen. Nur so können wir diese Herausforderung als Gesellschaft meistern.
Experten warnen vor einer zunehmenden Abhängigkeit Deutschlands vor LNG-Lieferungen aus den USA, auch vor dem Hintergrund einer aggressiven Außenwirtschaftspolitik Donald Trumps. Teilen Sie diese Einschätzung?
Die USA sind ein wichtiger Partner bei der LNG-Versorgung. Unser Ansatz zielt insgesamt darauf ab, Abhängigkeiten zu vermeiden. Diversifizierung ist der Schlüssel – nicht nur bei den Bezugsländern, sondern auch bei Transportwegen und Technologien. Neben den USA setzen wir auf weitere Lieferanten wie Australien und potenziell Katar. Der integrierte, europäische Gasmarkt bietet zusätzliche Flexibilität, indem er LNG aus verschiedenen Quellen über Häfen wie Rotterdam verteilt. Diese Strategie stellt sicher, dass wir flexibel auf Marktveränderungen reagieren und Versorgungssicherheit langfristig gewährleisten können. Dank einer vielfältigen und flexiblen Versorgung mit Pipelinegas und LNG ist unser Gasportfolio optimal auf die Sicherstellung der Energiesicherheit ausgerichtet.
Das Interview führte Klaus Hinkel


