Herr Kligge, die Preise für Herkunftsnachweise haben sich innerhalb eines Jahres halbiert und liegen aktuell für die Basisqualität bei unter 0,50 Euro/MWh. Mit welcher Preisentwicklung rechnen Sie künftig?
Holger Kligge: Längerfristig wird sich dieser Trend wieder umkehren und auf ein Niveau von einem Euro pro MWh zusteuern. Der Preisrutsch hängt weniger mit dem coronabedingten Preisbewegungen auf dem Strommarkt zusammen, sondern mit gestiegenen Angebotsmengen und verändertem Anbieterverhalten.
Sie berichten von einem steigenden Kaufinteresse nach Herkunftsnachweisen, wie entwickelt sich die Marktnachfrage aktuell und zu was für einer Beschaffungsstrategie raten Sie Stadtwerken?
Die Nachfrage nach Ökostrom steigt seit Jahren kontinuierlich, insbesondere auch aus der Industrie. Das sorgt dafür, dass viele Stadtwerke mehr Herkunftsnachweise beschaffen müssen, um den Bedarf an Ökostrom decken zu können. Bei Einführung der Herkunftsnachweise 2013 spielte eine optimierte Beschaffung aufgrund der damals noch sehr geringen Preise eine untergeordnete Rolle. Das hat sich aufgrund der Preisentwicklung in den vergangenen Jahren geändert.
Zu welcher Beschaffungsstrategie raten Sie Stadtwerken aktuell?
Wir empfehlen eine strukturierte Beschaffung in verschiedenen Tranchen, um die Risikozeitpunkte besser zu verteilen. Analog zur Gas- und Strombeschaffung. Stadtwerke sollten sich nicht in Abhängigkeiten von einem Anbieter begeben. Eine Multiple-Sourcing-Strategie erhält die Chancen einer markt- und wettbewerbsorientierten Beschaffung. Aktuell sind die Preise für Herkunftsnachweise auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau, deshalb empfehlen wir, sich jetzt mit einer Teilmenge einzudecken.
Arcanum Energy Solutions ist im Herbst mit der Online-Handelsplattform „Colorful Energy“ für Herkunftsnachweise gestartet. Auf welche Resonanz stößt das Angebot bisher?
Wir haben aktuell rund 100 registrierte Teilnehmer. Das ist sicherlich noch nicht das Ende der Fahnenstange, aber wir sind damit bisher zufrieden. Auch die Liquidität ist für diese noch relativ frühe Phase ausreichend. Der Anteil der Teilnehmer aus der Stadtwerkebranche ist relativ hoch. Dieses Interesse war uns aber auch bereits Vorfeld bei Akzeptanztests signalisiert worden. Alle Kommunalversorger, die ein Ökostromportfolio vertreiben, benötigen Herkunftsnachweise für ihre Stromkennzeichnung. Manche müssen für ihren gesamten Stromabsatz Herkunftsnachweise beschaffen. Natürlich wollen wir die Liquidität künftig weiter steigern und die Vielfalt der Angebote pro Commodity weiter ausbauen.
Welchen Nutzen bringt Ihre Handelsplattform den Teilnehmern?
Herkunftsnachweise werden hauptsächlich im OTC-Handel veräußert. Dieser Markt ist aber relativ intransparent. Mit unserem Angebot bieten wir einen zentralen und transparenten Marktplatz an. Hier können sich Teilnehmer ohne großen Aufwand die nötigen Informationen zu Preisen und Angeboten einholen und entsprechend schnell Opportunitäten nutzen.
Wie funktioniert Ihre Plattform genau?
Aktuell können Anbieter dort Gebote einstellen. Diese werden unter anderem nach Herkunft, Technologie und Anlagenalter qualifiziert. Der Anbieter setzt einen Preis fest und kann angeben, welche Mengen oder Teilmengen verkauft werden. Die Gebote werden in anonymisierter Form veröffentlicht, die Interessenten sehen nur bestimmte Charakteristika wie die Branche und verschiedene Unternehmenskennzahlen des Anbieters. Wir sind keine Kontaktvermittlungsplattform, bei Annahme des Angebots, wird gleich elektronisch ein Liefervertrag abgeschlossen. Die Registrierung der Teilnehmer ist kostenlos. Registrieren können sich Stromproduzenten, -händler und -lieferanten, die ein Konto im Herkunftsnachweisregister haben. Kosten fallen nur erfolgsbasiert an und betragen ein Prozent des kontrahierten Umsatzes.
Welches geografische Spektrum decken Sie bei Angebot und Nachfrage ab?
Nachfrageseitig sind wir vor allem auf den deutschen Markt fokussiert. Da das Angebot an Herkunftsnachweisen aus Deutschland den aktuellen Markt nicht abbildet, setzen wir auf ein europäisches Angebot und berücksichtigen dabei auch die klassische norwegische Wasserkraft. Wir versuchen zudem andere, zertifizierte Herkunftsnachweise aufzunehmen. So bilden wir auch Angebote für bekannte Ökostromlabel wie OK Power oder TÜV Nord ab. Wir sehen aber auch einen weiteren Ausbaupfad für die Plattform.
Wie soll dieser aussehen?
Ab Mitte Juni wird man auch Kaufanfragen in die Plattform einstellen können. Wir wollen die Plattform generell in Richtung eines noch vielfältigeren Angebots mit hochwertigeren und regionaleren Herkunftsnachweisen entwickeln. Ziel ist es, ein noch differenzierteres Angebot für Stadtwerke zu schaffen.
Wie kann ich mir diese größere Regionalität konkret vorstellen?
Unser favorisiertes Modell wären zertifizierte regionale Ökostromprodukte. Für ein Stadtwerk kann es sicherlich in vielen Fällen interessanter sein, Ökostrom aus einer regionalen Anlage in Deutschland zu vertreiben, als aus norwegischer Wasserkraft. Für solch eine Lösung sehen wir Marktpotenzial, zusätzlich zum Regionalstrom aus EEG-geförderten Anlagen, der mittels Regionalnachweisen beim Umweltbundesamt dokumentiert wird. Durch die EEG-Anlagen, die ab 2021 aus der Förderung fallen, wird das Angebot an solchen HKN aus Deutschland deutlich größer werden.
Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren.



