VKU-Präsident Michael Ebling hat sich trotz der aktuellen Unwägbarkeiten mit Blick auf die russischen Gaslieferungen gegen eine Verlängerung der Laufzeiten der drei verbliebenen deutschen Atomkraftwerke ausgesprochen. Die Technologie sei zu risikoreich, die gesellschaftspolitische Debatte dazu bereits in der Vergangenheit geführt worden, sagte er bei einem hochkarätig besetzten Energie-Panel beim Ludwig Erhard Gipfel.
Statt sich in einer Atomdebatte zu verzetteln, sollte sich die Politik jetzt auf die wesentlichen anstehenden Fragen konzentrieren, vor allem auf den Ausbau der erneuerbaren Energien, forderte Ebling.
Die aktuelle Situation sei sehr herausfordernd, alle Energieversorger treibe das Thema einer Gasmangellage um. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und den Fortbestand bestimmter Industrien sicherzustellen, seien Öffnungsklauseln, wie etwa beim Kohleausstieg sinnvoll, so der VKU-Präsident und Oberbürgermeister von Mainz. Die Branche werde aber auch zukünftig effiziente Gaslösungen und neue KWK-Anlagen als eine Art Brückentechnologie brauchen.
"Die meisten Städte haben ambitioniertere Klimaziele als die Länder und der Bund"
Vizekanzler Robert Habeck habe vor einigen Wochen in einem Treffen den kommunalen Spitzenverbänden gesagt, dass er die Städte und ihre kommunalen Unternehmen jetzt brauche, um die Energiewende in Deutschland zu beschleunigen. „Wir haben gesagt, entfesselt uns. Wir können natürlich mehr. Die meisten Städte haben sogar ambitioniertere Klimaziele als die Länder oder der Bund“, bekräftigte Ebling.
Stadtwerke wollten ja Windkraftanlagen bauen, aber eben nicht sieben Jahre in Rechtsstreitigkeiten hängen und die Lust an dem Projekt verlieren. Auch im PV-Bereich bestünden vor Ort große Potenziale, für die aber aktuell die entsprechenden Investitionsanreize fehlten. Die Pläne der aktuellen Bundesregierung, die Genehmigungsprozesse und Planungsprozesse deutlich zu straffen, seien deshalb "klug".
Baywa-Chef: "Deutschland befindet sich in einer absoluten Notsituation
Ganz anders zum Thema Atomenergie positionierte sich Baywa-Chef Josef Lutz. „Wir befinden uns in einer absoluten Notsituation, die drei verbliebenen Kernkraftwerke sollten zumindestens befristet weiter laufen“, argumentierte Lutz, der auch Präsident der IHK für München und Oberbayern ist. Ein sofortiger Ausstieg aus russischem Öl und Gas sei für die deutsche Industrie nicht verkraftbar und könnte zu massiven wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen führen.
Grünen-Chefin Lang gegen sofortigen Gasausstieg
Aus diesen Gründen hätten sich die Grünen gegen einen sofortigen Gasausstieg ausgesprochen, verdeutlichte Grünen-Chefin Ricarda Lang. Um in der aktuellen Situation die Versorgungssicherheit zu sichern, habe die Partei einige Schritte gemacht, die für sie schwierig gewesen seien – etwa einer längeren Laufzeit der Kohlekraftwerke zugestimmt oder dem Bau von LNG-Terminals.
Atomstrom helfe aber beim Heizen nicht. „Statt einer Scheindebatte um die Kernkraft, sollten wir lieber eine über sämtliche Potenziale der Erneuerbaren führen“, so die Grünen-Politikerin. Die Energieversorgung sei jetzt eine Frage der nationalen Sicherheit. Das gebe „unglaubliche Beschleunigungsmöglichkeiten“ für die Energiewende, die man in den kommenden Jahren konsequent für den Ausbau erneuerbarer Energien nutzen müsse.
Luisa Neubauer: "Freiheitsstiftende Energien konsequent ausbauen"
Für ein Energieembargo sprach sich hingegen Luisa Neubauer von Fridays for Future bei einer kurzen Einschaltung aus. Vor zwei Jahren noch habe der Ausbau von Nord Stream 2 in vielen politischen Kreisen Zustimmung gefunden. „Bereits damals war klar, dass es hier um mehr geht als nur um eine energiepolitische Frage, sondern auch um Energiesicherheit und die Frage der Souveränität einer Demokratie. Das wir das Thema jetzt wieder diskutieren, ist absurd", kritisierte Neubauer.
Eine Verlängerung der Atomkraftwerke sei allein aus Sicherheitsgründen keine Option. Wichtig sei jetzt ein konsequenter Ausbau „freiheitsstiftender Energien“ wie der Erneuerbaren.
Britischer Energieminister: "Kernkraft ist viel grüner als LNG oder Kohle"
Auf Erneuerbare und einen Ausbau der Kernkraft setzt hingegen Großbritannien. „Kernkraft ist viel grüner als LNG oder Kohle. Die CO2-Emissionen von LNG sind zwei Mal höher als die von Erdgas“, erklärte Greg Hands, der britische Minister für Energie, Grünes Wachstum und Klimawandel. Nichtsdestotrotz sollten alle europäischen Länder so schnell wie möglich aus russischem Öl und Gas aussteigen.
Westenergie-Chefin Reiche: "Im Wärmemarkt nicht nur noch auf Wärmepumpen setzen"
Zustimmung fand die sukzessive Ausstiegsstrategie der Bundesregierung aus russischen Gas auch bei Westenergie-Chefin Katherina Reiche. Sie forderte aber auch, dass die Suche nach Lösungsoptionen technologieoffen bleiben müsse. „Es ist nicht sinnvoll, etwa im Wärmemarkt nur noch auf Wärmepumpen zu setzen“, sagte Reiche.
Vielmehr gelte es zu differenzieren zwischen Wärmemarkt und Prozessgas für die verschiedenen Industrieprozesse. Hierfür werde industriell hergestellter, grüner Wasserstoff in großen Mengen benötigt. Hier konzentriere sich der Eon-Konzern darauf, für die entsprechenden Importlösungen zu sorgen. (hoe)



