Bei der VKU-Verbandstagung 2023 ging es wieder einmal um die Zukunft der Stromversorgung und um die Gasnetze. In der Diskussion "Wirtschaftsstandort & Energieland Deutschland: Wohin steuern wir?" sprang der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) Stefan Wenzel (Grüne) für Vizekanzler Robert Habeck ein, der kurzfristig abgesagt hatte. Für den Politiker wurde es ein ungemütlicher Nachmittag.
"Es gibt keine Investitionssicherheit mehr", klagte etwa Guntram Pehlke, Vorstandsvorsitzender der Dortmunder Stadtwerke. "Die kommunalen Unternehmen haben viele Jahre in ihre Gasnetze investiert." Diese Investitionen seien aber durch Aussagen aus dem BMWK entwertet worden, wonach die Netze vollständig rückgebaut werden müssten.
Eigenkapitalzins "nicht auskommlich"
Der Manager vermisste dafür das Verständnis aus der Politik. "Wir Stadtwerke müssen finanziell in der Lage sein, Netzausbau, Wärmewende und Verkehrswende zu bewältigen. Ein normales Stadtwerk kann das mit konventioneller Finanzierung nicht stemmen."
Die Bundesnetzagentur sei der Ansicht, dass sie den Unternehmen bei der Eigenkapitalverzinsung entgegengekommen sei. "Entscheidend ist aber, dass die Investoren den Zins für auskömmlich halten – und das ist er aktuell nicht. Wir brauchen von der Bundesregierung einen verlässlichen Rahmen", so Pehlke.
Der Kittel brennt
Klaus Eder, Geschäftsführer von den Stadtwerken Ulm/ Neu-Ulm bemängelte die langen Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen und Gaskraftwerke. Sieben Jahre Planungszeit sei zu lange. "Im Süden sagen wir: Es tut sich erst etwas, wenn der Kittel schon brennt. Aber anscheinend ist das Feuer noch nicht groß genug."
Wichtig sei dabei, den Unternehmen vor Ort zu vertrauen, dass diese die Energiewende technologieoffen umsetzten.
Energie-Labor Deutschland
Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur (Dena) befürwortete diesen Ansatz von unten, wies jedoch darauf ein, dass es auch Zeit brauche, bis die lokalen Akteure sich fänden.
Der Dena-Chef freute sich dagegen über das "spannende Energie-Labor Deutschland". Die Krise zeige schmerzhaft auf, dass Deutschland in der Infrastruktur hintendran sei. Er bemängelte vor allem die Haltung in den Köpfen.
Grenze des "rechtlich Möglichen"
"Wir brauchen robuste Netze", betonte Alexandra Rösing, Geschäftsführerin, Stadtnetze Münster. "Wir benötigen auch den Finanzierungsrahmen, um in die Netze zu investieren." Die Ausbaumaßnahmen würden jedoch durch hohe Kosten und Lieferzeiten ausgebremst.
Beim Ausbau der LNG-Terminals und bei den Beschleunigungsgesetzen für die Erneuerbaren sei die Bundesregierung bereits an die Grenzen des "rechtlich Möglichen" gegangen, um den Ausbau der Erneuerbaren zu vereinfachen, erklärte Staatssekretär Wenzel. "Wir haben den Klimaschutz als überragendes öffentliches Interesse im EEG verankert. Das hat in einem Verfahren vor dem Oberverwaltungsgericht kürzlich bereits Wirkung gezeigt."
Die 110-Prozent-Lösung
Für Kontroversen sorgte die Frage, wie die Wärmewende technologisch umzusetzen sei. "In Neubaugebieten haben wir gute Voraussetzungen für die Wärmepumpe", erläuterte Pehlke von den Dortmunder Stadtwerken. Im Altbestand werde es aber problematischer. "Wir wollen in Deutschland immer die 110 Prozent-Lösung."
Als Beispiel führte der Stadtwerke-Chef die Gebäudesanierung an: Die Bundesregierung bezuschusse nur Komplettsanierung, obwohl es aus Energieversorger-Sicht auch sinnvoll sein könne, etwa nur die Heizung auszutauschen. "Wir müssen auch mal mit 30, 40 Prozent zufrieden sein." In der Elektromobilität sehe er nicht immer die beste Lösung für die Zukunft. "Es wird nicht die eine Technologie geben, die unsere Verkehrsprobleme löst."
Ministerium will Orientierung geben
E-Mobilität sei die effizienteste Alternative für den Verbrennermotor, argumentierte dagegen Staatssekretär Wenzel. Im Wärmebereich stehe die Wärmepumpe für Effizienz, am besten in Kombination mit einer Gebäudesanierung. Mit Wasserstoff sei es dagegen nicht möglich, die wirkungsvollste Lösung zu finden. Auch Nahwärmenetze und Abwärme seien gute Alternativen. Dafür soll es künftig auch Best-Practice-Beispiele geben, versprach der Politiker. Sein Ministerium wolle dabei Orientierung geben.
"Effizienz darf sich nicht nur am Energieeinsatz bemessen", widersprach Pehlke. "Müllfahrzeuge werden nie wirtschaftlich mit E-Batterien fahren können. Das gilt auch für den Busbetrieb."
So kämen Elektrobusse in Dortmund nicht "den Berg hoch". Die bessere Alternative für den Dieselmotor sei hier der Wasserstoff-Antrieb. Doch die "Regulierungswut" des Bundes mache dem einen Strich durch die Rechnung. So dürften Müllfahrzeuge nicht in derselben Wasserstofftankstelle tanken wie die Busse.
Effizienz als Kriterium
Die Geschäftsführerin der Stadtnetze Münster sprach sich dafür aus, die "Diversifikation“ hochzuhalten. Es werde in Teilen so sein, dass die Gasnetze zurückgebaut werden müssten. Aber hier brauche es Offenheit, um sich für Wasserstofflösungen bereit zu halten. "Wir sollten den Handlungsrahmen nicht einschränken lassen", so Rösing. Wasserstoff sei ein Teil der Lösung – aber auch nur ein Teil.
"Effizient ist das oberste Kriterium", betonte der Grünen-Politiker Wenzel. "Die effizienteste Technologie muss sich durchsetzen."
Man müsse ein Vielfaches an Energie aufbringen, um Wasserstoff als Energieträger zu erzeugen. Die der größten LKW-Hersteller hätten sich entschieden, nur in Richtung E-Mobilität zu gehen. "Das werte ich als Signal. Die Übertragungsnetzbetreiber freuen sich bereits über die Synergieeffekte."
So könnten private Wasserspeicher in Verbindung mit dem Netzbetreiber künftig auch genutzt werden, um Energie zwischenzuspeichern. "Hier tut sich ein neues Geschäftsfeld auf."
Höhepunkt des Elends
Optimistisch zum Stand der Energiewende zeigte sich Dena-Chef Kuhlmann. "Der Höhepunkt des Elends erreicht." Bund und Länder sollten am Besten ein gemeinsames Monitoring aufsetzen, um mehr Planungssicherheit zu schaffen. Bei der gesicherten Leistung sei Deutschland allerdings spät dran. "Wenn wir Solar und E-Mobilität und Wärmepumpe ins 'Netz ballern', ohne dass wir die gesicherte Leistung steigern, haben wir in einigen Jahren ein Riesen Chaos."
Kuhlmann betonte auch, dass aus dem BMKW irritierende Meldungen zum Rückbau des Gasnetzes gekommen seien.
"Es ist wichtig, an die Akteure da draußen die richtigen Signale zu senden", so der Chef der Energieagentur. "Es gibt auch die systemische Effizienz vor Ort. Man kann nicht sagen, dass es nur eine einzige effiziente Lösung gibt. Ich bin auch der Meinung, dass alles, was geht, elektrifiziert werden sollte. Aber es gibt Fälle, wo das nicht möglich ist."
Kernenergie teuerste Energieform
Eine verlängerte Nutzung der Kernenergie lehnte Staatssekretär Wenzel derweil ab. Kernenergie sei die "teuerste Energie, die wir haben." Bei der Endlagerung kämen Kosten von 140 bis 160 Mrd. Euro auf Deutschland zu. Kernenergie könne auch nicht mit flexiblen Lasten richtig umgehen. "Heute haben wir leistungsfähigere Technologien.“
Außerdem kontrolliere Russland etwa 50 Prozent des Brennstoffkreislaufes. Damit begebe man sich zurück in die Abhängigkeit. Es gebe viele Gründe, aus der Technologie endlich auszusteigen. Dazu gab es Applaus aus dem Publikum.
Massive Gefahren für Versorgung
Die mahnende Stimme war dann wieder Guntram Pehlke. Er sehe "massive Gefahren" für die Versorgungssicherheit. Das Investitionsvolumen für neue Gaskraftwerke müsse gestemmt werden. Hier fehle es auch an der Sicherheit, dass diese Anlagen lange genug laufen, um sich zu amortisieren.
"Wir müssen Investitionssicherheit haben", sagte Pehlke. "Stadtwerke sind nicht in der Lage, diese Investitionen zu stemmen."
Alleine um 19 neue E-Busse in Betrieb zu nehmen, hätten die Dortmunder Stadtwerke 39 Mio. Euro investieren müssen. Die gesamte Busflotte des kommunalen Versorgers umfasse 180 Busse.
"Bürokratie-Monster" Solaranlage
Unterstützung kündigte Staatssekretär Wenzel an. So sei das Solarpaket I auf dem Weg. Bei Solaranlagen auf dem heimischen Dach habe es früher "Bürokratie-Monster" gegeben. Die Vereinfachung von Prozessen sei daher entscheidend. Außerdem relativierte er den Eindruck mancher Diskussionsteilnehmer, dass das BMWK nur auf eine Technologie setze.
"Gerade bei der Wärmeversorgung glaube ich nicht an 'one size fits all'", so Wenzel.
Der Grünen-Politiker verwies auch auf das Wärmezentrum in Halle, das die Dena mit aufgebaut habe, und das Best-Practice-Beispiele für die Wärmewende aus ganz Deutschland sammeln soll. Am Ende bedankte sich der Bundestagsabgeordnete bei den Stadtwerken, welche vor Ort die Gas- und Strompreisbremsen umgesetzt und die Versorgungssicherheit garantiert hätten. (jk)



