Nicht mehr erfüllte Bezugsverträge für russisches Erdgas der Gashandelstochter VNG haben im ersten Halbjahr das Ergebnis des Energiekonzerns EnBW spürbar belastet. Insgesamt hätten sich die Kosten für die Ersatzbeschaffung der aus den zwei Bezugsverträgen ausgebliebenen Gasmengen in einem Umfang von 545 Mio. Euro negativ auf das bereinigte operative Ergebnis (adjusted EBITDA) ausgewirkt, wie aus einer Analystenpräsentation des Energiekonzerns hervorgeht. Die beiden Bezugsverträge standen demnach im vergangenen Jahr für eine Liefermenge von 100 Terawattstunden (TWh).
EnBW-Finanzvorstand Thomas Kusterer bestätigte in einer Telefonkonferenz mit Journalisten am Freitag die Belastungen durch die VNG-Verträge. Einer davon sei mit Gazprom Germania abgeschlossen worden. EnBW selbst habe keine direkten Gasbezugsverträge mit Russland, erklärte Kusterer weiter. Aufgrund der signifikanten Auswirkungen durch den Lieferausfall aus Russland gebe es bei EnBW auch keine Überlegungen, auf die zum 1. Oktober geplante Gas-Umlage zur Kompensation für Nachkäufe zu hohen Preisen als Ersatz für ausgebliebene Gasmengen aus Russland zu verzichten.
„Situation bei uns mit der von RWE nicht vergleichbar“
RWE hatte am Donnerstag mitgeteilt, die Gas-Umlage zur Unterstützung systemrelevanter Gasimporteure nicht für sich in Anspruch nehmen zu wollen. „Die Situation bei uns ist mit der von RWE nicht vergleichbar“, sagte Kusterer. RWE bezieht nach eigenen Angaben vergleichsweise wenig Gas aus Russland.
Mit Blick auf eine in der Diskussion stehende Laufzeitverlängerung des von EnBW betriebenen Kernkraftwerks Neckarwestheim 2 verwies Kusterer auf den derzeit laufenden Stresstest zur Versorgungssicherheit und Netzstabilität. Der Schlüssel für das weitere Vorgehen liege bei der Politik. Bevor EnBW Maßnahmen für einem Weiterbetrieb wie das Bestellen neuer Kernbrennstäbe einleite, müsse erst die politische Entscheidung für einen verlängerten Betrieb und dessen Umfang fallen.
Geschäftssegmente Netze und Vertrieb belastet
Im ersten Halbjahr verdiente EnBW im laufenden Geschäft etwas weniger als im Vorjahreszeitraum. Der operative Gewinn (bereinigtes EBITDA) verminderte sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 3,7 Prozent auf 1,42 Milliarden Euro. Der Umsatz kletterte um rund 114 Prozent auf 27,12 Milliarden Euro. „Die weiterhin hohe Volatilität der Energiepreise an den Großhandelsmärkten stellt auch uns vor beträchtliche Herausforderungen“, erklärte Kusterer.
Vor allem die Geschäftssegmente Netze und Vertrieb hätten mit teils deutlichen Ergebnisrückgängen (minus 9 bzw. minus 49 Prozent) die anhaltend schwierige Gesamtsituation widergespiegelt, hieß es. Bei den Netzen seien vor allem die Kosten für die Netzreserve gestiegen. EnBW habe die Reservekraftwerke im ersten Halbjahr viel öfter und zu deutlich höheren Kosten als geplant einsetzen müssen, als in den ersten sechs Monaten des Vorjahres. Bei den Vertrieben führten die gegenüber dem Vorjahr stark gestiegenen Beschaffungskosten für Strom und Gas zu einem Ergebnisrückgang, teilte EnBW mit.
Erneuerbare profitieren von hohen Marktpreisen
Auf der Habenseite konnten die Erneuerbaren ihren Ergebnisbeitrag deutlich steigern. Die Gründe: deutlich bessere Windverhältnisse an Land und auf See, höhere Marktpreise sowie die Inbetriebnahme neuer, förderfrei erbauter Groß-Solarparks in Brandenburg.
Trotz der anhaltenden Unsicherheiten am Markt wollen die Karlsruher unverändert an ihrer Ergebnisprognose auf Konzernebene für das laufende Gesamtjahr festhalten. Das bereinigte operative Ergebnis wird demnach in einer Bandbreite von rund 3,03 bis 3,18 Milliarden Euro erwartet - das wäre ein Plus von 2 bis 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. (hil)



