Von Andreas Lorenz-Meyer
In Herrenberg hat man es eilig: Gemäß dem kommunalen Wärmeplan soll die 33.000-Einwohner-Stadt nahe Tübingen schon 2040 komplett dekarbonisiert sein. Dazu passt die optimistische Grundhaltung von Stadtwerkechef Steffen König, der die Energie- und Wärmewende als "große Chance" bezeichnet – auch wenn der Finanzierungsbedarf riesig ist. Der Wirtschaftsplan sieht für die nächsten fünf Jahre Investitionen in Höhe von knapp 30 Millionen Euro vor. Allein im Bereich Wärme werden die Investitionen 2025 im Vergleich zu 2024 vervierfacht. Und das ist erst der Anfang: "Soll die klimaneutrale Energie- und Wärmeversorgung bis 2040 Wirklichkeit werden, bedarf es weiterer Investitionen – und die gehen in den dreistelligen Millionenbereich."
Wie kann ein kleineres Stadtwerk wie das in Herrenberg mit 44 Mitarbeitenden und einem Jahresumsatz von rund 22 Millionen Euro diese Summen in den nächsten 15 Jahren aufbringen? Dafür wird gerade das organisatorische Fundament gelegt. Im Frühjahr beschloss man, die Gewinnsparten Strom- und Gasvertrieb in eine GmbH auszulagern. Im kommunalen Querverbundunternehmen musste der Energievertrieb bisher die Verluste anderer Sparten ausgleichen. Vom bilanziellen Ballast befreit, soll die Gesellschaft die Umgestaltung der Energieversorgung vorantreiben. Der Gemeinderat stimmte der Auslagerung im April zu, nun läuft die Suche nach einem passenden Partnerunternehmen. Noch diesen Sommer sollen dem Gemeinderat Kandidaten vorgestellt werden. Die anschließende endgültige Entscheidung des Gremiums zur GmbH-Gründung ist für Herbst geplant.
Wärmewende mit Lücken
Energiewende zu zweit – König ordnet das so ein: "Grundsätzlich können wir die anstehenden Herausforderungen eigenständig bewältigen, aber eigenständig heißt eben auch: in einem anderen Rahmen. Wir haben ein eher kleines Team und begrenzte Kapazitäten. Da wäre die Umstellung allein nicht zu schaffen, weder in dem von der Stadt Herrenberg noch in dem von der Bundespolitik angestrebten zeitlichen Horizont." Es brauche finanzielle, fachliche und personelle Unterstützung, sonst sei die Energie- und Wärmewende nicht vollumfänglich machbar. Zum Beispiel bliebe die Wärmeversorgung punktuell länger fossil. "Auch größere Projekte könnten wir aus eigener Kraft nicht umsetzen. Das geht vielen Stadtwerken unserer Größe so."
Daher die anvisierte Partnerschaft im Rahmen der GmbH, in der beide Seiten von den Stärken des anderen profitieren sollen. "Wir bringen Erfahrung im Bau und Vertrieb von PV-Anlagen ein und können als Grundversorger im Bereich Gas auch im Energievertrieb und Kampagnenmanagement punkten. Von unserem Partner wünschen wir uns eine effiziente IT-Infrastruktur für den digitalen Vertrieb, der automatisiert Bündelprodukte, etwa PV-Anlage, Reststrom, Ladesäule und Wärmepumpe, anbieten, abwickeln und abrechnen kann."
Wie viel Stammkapital die Gesellschaft anfangs haben soll, ob es Eigenkapitalerhöhungen gibt und wie viel der künftige Partner dazu beiträgt? Dazu kann König noch nichts sagen. "Die konkreten finanziellen Rahmenbedingungen erarbeiten wir gemeinsam mit dem Partner. Sie hängen maßgeblich von dessen Kompetenzen, Ressourcen und strategischen Zielsetzungen ab. Wir wollen diese Punkte bis Ende 2025 festlegen."
Starke Eigenkapitalbasis aufbauen
Einen generellen zweistufigen Fahrplan für die Gesellschaft hat der Werkleiter aber schon im Kopf. Zuerst soll sie eine solide finanzielle Basis aufbauen. Dafür wird das Vertriebsportfolio sukzessive vergrößert, denn "durch die Energie- und Wärmewende tun sich viele potenzielle neue Erlösquellen auf." Angedacht sind kombinierte Energielösungen für Privatkunden, etwa Photovoltaikanlagen mit passendem Stromtarif oder Wärmepumpen.
Dann folgen in einem zweiten Schritt größere Bauprojekte wie Wärmenetze oder Solarparks. Das eine hängt mit dem anderen zusammen, so König: "Durch das erweiterte Portfolio steigen die Einnahmen. Damit können wir eine starke Eigenkapitalbasis explizit für die Wachstumssparten aufbauen. Was uns wiederum den Zugang zu den zusätzlichen Finanzierungsmitteln erleichtert, die für die kapitalintensiven Projekte notwendig sind. Wir bekommen zum Beispiel bessere Konditionen bei Bankkrediten." Ergänzend wird projektbezogen geprüft, ob Förderprogramme sinnvoll wären, um den finanziellen Spielraum zu vergrößern.
Die operative Durchführung der Projekte übernehmen Projektgesellschaften. "So können wir für jedes Vorhaben passende Partner einbinden, denn nicht jedes Unternehmen, das etwa über Expertise im Bereich Windkraft verfügt, bringt automatisch auch das spezialisierte Know-how für den Bau großflächiger Photovoltaikanlagen mit. Es gibt spezifische Anforderungen, und die verlangen differenziertes Fachwissen." Die Struktur einer eigenständigen Projektgesellschaft schaffe viel Flexibilität und zusätzliche Finanzierungsoptionen – etwa durch Bürgerbeteiligungen. "Die sind ein wichtiges Element. Sie fördern die Akzeptanz in der Bevölkerung und stärken die regionale Verankerung solcher Vorhaben."
Abwasserwäme passt zu den örtlichen Gegebenheiten
Auf Akzeptanzgewinnung kommt es auch bei einer der ersten operativen Aktivitäten der Gesellschaft an. Die individuellen Heizungssysteme im Privatkundenbereich sollen von fossil auf erneuerbar umgestellt werden. Sie machen derzeit 83 Prozent der Herrenberger Wärmeversorgung aus (46 Prozent Erdgas, 37 Prozent Erdöl). Ersetzt werden könnten die alten Heizungen zum Beispiel durch Wärmepumpen in Kombination mit Photovoltaikanlagen. Dazu ist die Einbindung der Kunden vonnöten, betont König. "Ohne ihre aktive Mitgestaltung ist der Wandel schwer umsetzbar."
Geplant ist zudem, das Wärmenetz auf erneuerbar umzustellen. Derzeit gibt es vier Nahwärmenetze, die einen überschaubarem Anteil an der Gesamtwärmeerzeugung haben. Die erdgasbefeuerten Blockheizkraftwerke versorgen Schulen, Bäder und das Krankenhaus. Hinzu kommen soll eine Holzhackschnitzelanlage mit lokalem Holz aus dem Stadtwald. Der zu erwartende Wärmeabsatz läge bei diesem Projekt im Bereich von rund einer Gigawattstunde pro Jahr.
Künftig soll auch Abwasserwärme zum Einsatz kommen. Dabei wird dem Abwasser über Wärmetauscher, die in oder an der Kanalisation installiert sind, Wärmeenergie entzogen. Diese bringt man dann mittels Wärmepumpen auf Heiztemperatur. Das Potenzial der Technologie wurde bereits untersucht. Ergebnis: Es ist technisch machbar und in puncto Gestehungskosten wirtschaftlich darstellbar. Die Planungen für erste Privatkunden-Projekte laufen auf Hochtouren. Abwasserwärme könne auch deswegen ein wichtiger Baustein der Herrenberger Wärmewende werden, weil andere erschließbare erneuerbare Wärmequellen rar sind. "Wir haben keine großen Industriebetriebe für Abwärme, es gibt weder einen Fluss noch Müllverbrennungsanlagen."
Energiewendefonds ist willkommen
Was es für die Energie- und Wärmewende aber auch brauche, seien stabile und verlässliche Rahmenbedingungen, die für Planungssicherheit sorgen. Konkret spricht sich König gegen strengere Regulierungen im Fernwärmebereich aus. Die diskutierte Entflechtung von Netzbetrieb und Wärmeerzeugung sei "wenig sinnvoll, da damit Amortisationszeiten verlängert und Synergieffekte reduziert werden." Von einer möglichen Aufhebung der Vertragsbindung hält der Werkleiter auch nichts: Kein Fernwärmeversorger werde dann mehr das Wagnis auf sich nehmen, unter immensem Aufwand neue Fernwärmekunden zu erschließen, wenn diese kurzfristig das Vertragsverhältnis beenden können. Besonders im Bereich der Investitionsanreize müsse die neue Regierung die richtigen politischen Weichen stellten.
Den vom VKU vorgeschlagenen Energiewendefonds begrüßt König ausdrücklich. "In Summe sind es 1,2 Billionen Euro, die der Umbau unseres Energiesystems voraussichtlich kosten wird. Die erforderlichen Investitionen können wir nur gemeinsam stemmen." Energieunternehmen, Finanzwirtschaft, Kommunen und auch die Bürger müssten an einem Strang ziehen und alle Möglichkeiten der Finanzierung ausschöpfen.



