Von Andreas Lorenz-Meyer
Das estnische Jungunternehmen Trashify Tech dürfte hierzulande den Wenigsten in der Entsorgungsbranche ein Begriff sein. Es nutzt künstliche Intelligenz, um Materialströme in Echtzeit zu analysieren. Ebenso unbekannt, aber vielleicht ein kommender erfolgreicher Player in der Abfallwirtschaft: das deutsche Paper Earth, das Textilabfälle recycelt und daraus Verpackungspapier macht. Bei beiden bildet die Kreislaufwirtschaft einen Schwerpunkt des Geschäftsmodells. Sie und weitere 14 Start-ups aus Deutschland, Europa, Malaysia und Mexiko waren im Februar und März drei Wochen in Wuppertal, bei der mittlerweile achten Runde des internationalen Accelerator-Programms der Initiative Circular Valley.
Drei Wochen lang wurden sie gecoacht und mit Vertretern deutscher Unternehmen zusammengebracht. Zum Schluss konnten sie sich auf der Circular Valley Convention in Düsseldorf einem größeren Publikum aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik präsentieren.
"Die öffentliche Hand kann einen großen Beitrag dazu leisten, dass Kreislaufwirtschaft funktioniert."
Circular Valley hat viel vor: Es will die Rhein-Ruhr-Region in ein globales Zentrum der Kreislaufwirtschaft verwandeln. "Wir pflegen auch viele Kontakte in die Stadtwerkewelt hinein", sagt Geschäftsführer Andreas Mucke, der selbst lange Vertriebsleiter der Wuppertaler Stadtwerke war. Für kommunale Unternehmen "mit ihren vielfältigen Aufgaben" lohne es sich in jedem Fall, die Start-ups, die da regelmäßig nach Wuppertal kommen, mal genauer unter die Lupe zu nehmen – vielleicht ist ja ein potenzieller Kooperationspartner dabei, dessen Geschäftsmodell zum eigenen Bedarf passt. Mucke sieht Stadtwerke bei der Umstellung auf Kreislaufwirtschaft in einer Schlüsselrolle, als Vorbild und First Mover. "Die öffentliche Hand hat einen großen Bestand an Infrastruktur, Beschaffung und Projekten. Daher kann sie Trendsetter sein. Sie kann einen großen Beitrag dazu leisten, dass Kreislaufwirtschaft funktioniert – und zeigen, dass sie skalierbar ist."
Gesucht: Start-ups mit B2B-Branchenlösungen
Das Auswahlverfahren bei Circular Valley läuft immer mehrstufig ab. Von den Hunderten Bewerber-Start-ups – so viele wie noch nie zuvor – kamen dieses Mal rund 80 in die zweite Runde und hatten bei einem 15-minütigen Zoom-Gespräch die Gelegenheit, vor einer Expertenjury für ihr Geschäftsmodell zu werben. Die Jury besteht aus Vertretern einiger Stifter und Sponsoren aus Wissenschaft und Wirtschaft, die zum Circular Valley-Netzwerk gehören. 40 Startups kamen auf die Longlist, aus der die Jury schließlich 18 für die achte Förderrunde auswählte.
Ein wichtiges Auswahlkriterium: Wie gut passt die Geschäftsidee zu dem, was die Circular Valley-Partnerunternehmen tun? "Wir suchen vor allem Start-ups mit B2B-Branchenlösungen, die für den deutschen Markt interessant sind. Schon beim Auswahlprozess prüfen wir, mit welchen Unternehmen wir sie zusammenbringen könnten." Die Start-up-Gründer begegnen während des Besuchs immer hochrangigen Vertretern der Partnerunternehmen, betont Mucke. Dieses Jahr unter anderem Hendrik Wehr, CEO von Vorwerk Engineering, Knipex-Chef Ralf Putsch, Dorothee Becker, CEO von Gebrüder Becker, Investment-Experte Jens Busse von Evonik und Timo Fleßner von Bayer.
Coaching, Mentoring, Workshops
Die Start-ups durchlaufen ein straffes Programm. Mentoren nehmen ihr Geschäftsmodell unter die Lupe. Für ein Jungunternehmen aus dem Bereich chemisches Recycling wird dann zum Beispiel ein Mentor genommen, der in der chemischen Industrie arbeitet. Zudem gibt es eine Reihe Workshops, zu Themen wie Patentrecht, Design und Branding, Social Media Marketing, Umgang mit Investoren.
Die Coaches, Mitglieder des Circular Valley-Netzwerks oder Externe, sind jeweils Experten auf ihrem Gebiet. Patentanwälte geben Tipps zu Patentierungsfragen, Unternehmensberater zeigen, wie man auf der großen Pitch-Bühne souverän auftritt, Unternehmer erklären die deutsche Geschäftskultur, Schauspieler bringen den Gründerinnen und Gründern die richtige Körpersprache für Gespräche mit Investoren bei. Eine weiteres Format sind die Hot-Chair-Sessions. Die Startup-Vertreter setzen sich mit einem Experten zusammen und können sie mit ihren Fragen löchern.
Höhepunkt und zugleich Abschluss des Besuchs bildete dieses Jahr die erstmalig stattfindende Circular Valley Convention in Düsseldorf. Die 18 Start-ups der achten Runde sowie einige Teilnehmer der Vorgängerrunden hatten dort einen eigenen Stand, und betraten am letzten Tag im Rahmen des “DemoDay“ die große Bühne, um sich 200 bis 300 Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik vorzustellen. Dafür hatten sie je drei Minuten.
Beispiele nachhaltig erfolgreicher Geschäftsmodelle
Rund 135 Start-ups waren bei den bisherigen acht Runden im Rahmen des Accelerator-Proramms in Wuppertal zu Besuch. Einige von ihnen sind mittlerweile im deutschen Markt aktiv. Das französische Startup Rosi (Return of Silicon) zum Beispiel. In Nordsachsen investiert es 26 Millionen Euro in den Bau eines neuen Werks zur Rückgewinnung von Rohstoffen aus der Solarindustrie - hochreinem Silizium, Silber, Kupfer und Glas.
Das niederländische Startup Circularity sammelt Altkleider von Industriekunden oder Bettlaken aus Krankenhäusern, die sonst in der Verbrennungsanlage landen würden, und stellt daraus neue Textilien her. Kunde ist unter anderem Bayer, dessen Laborkittel jetzt wiederverwertet werden. Drittes Beispiel: Das Remscheider Unternehmen Recenso zieht im Rheinland ein großes Werk für chemisches Kunststoffrecycling hoch.
Erfahrung und Innovation stärker vernetzen
Das Interesse der Branche am Thema Kreislauf nehme auch zu, beobachtet Mucke, naturgemäß vor allem bei den kommunalen Entsorgungsbetrieben. Als "fünfte industrielle Revolution" biete Kreislaufwirtschaft aber viel Potential für das gesamte breite Geschäftsfeld von Stadtwerken. Diese hätten die Chance, mit Kreislaufwirtschaft neue Geschäftsmodelle made in Germany zu entwickeln. "Das stärkt die Unternehmen und die heimische Industrie im globalen Wettbewerb und kann unser Land zum Vorreiter machen." Das bereits vorhandene Know-how der Kommunalwirtschaft in Bezug auf Kreislaufprozesse sollte dabei nicht unterschätzt werden. Es komme darauf an, Erfahrung und Innovation stärker zu vernetzen, um neue Lösungen zu finden.
Welche Ansätze speziell für Stadtwerke aussichtsreich sind? Die Abfallentsorgungssparte könnte den Fokus auf Trennung und qualitativ hochwertiges Recycling legen, und auch im Bereich Energieversorgung sieht Mucke viele Möglichkeiten. "Stadtwerke betreiben mittlerweile Wind- und Solarparks – diese müssen aber mit den Jahren repowered werden, weil der Wirkungsgrad nicht mehr wirtschaftlich ist. Die Altanlagen wieder dem Kreislauf zuzuführen, kann und muss ein neues Geschäftsmodell sein."
Wuppertaler Stadtwerke setzen auf Sektorenkopplung
Für Markus Hilkenbach, Vorstandsvorsitzender der Wuppertaler Stadtwerke (WSW) und Mitglied im Beirat von Circular Valley, bedeutet Kreislaufwirtschaft nicht nur, Material zirkulieren zu lassen. Es sei wichtig, den Begriff weiter zu fassen. "Für uns hängt das Thema eng mit Sektorenkopplung zusammen. Dafür haben wir im Konzern optimale Voraussetzungen."
Konkret werden in Wuppertal Abfallwirtschaft, Energieproduktion und ÖPNV verzahnt: Bei der Thermischen Abfallbehandlung im Müllheizkraftwerk der Tochter AWG wird Hausmüll verbrannt und dabei neben Wärme für das Wuppertaler Fernwärmenetz auch Strom erzeugt. Mit dem Strom produziert man mittels Power-to-Gas-Verfahren im eigenen Elektrolyseur Wasserstoff, der dann als Treibstoff in den Brennstoffzellen der WSW-Wasserstoffbusse dient. "Die Wasserstoffproduktion ist dabei abhängig von der Preisentwicklung am Strommarkt", erläutert Hilkenbach. "Bei einer Baisse wird der Strom aus der thermischen Abfallbehandlung nicht ins öffentliche Netz eingespeist, sondern geht in den Elektrolyseur." Dieses sektorenübergreifende Modell minimiere die Kosten beim Betrieb der Wasserstoffbusflotte und bringe den Ausbau und die Integration der erneuerbaren Energien voran.
"Niederländer sind uns einige Schritte voraus"
Deutschland könne und solle in der Zukunftsbranche Kreislaufwirtschaft eine Führungsrolle übernehmen, findet Hilkenbach. Für die erfolgreiche Transformation brauche es aber Gesetze, Verordnungen und stabile politische Rahmenbedingungen, die Unternehmen die Implementierung von zirkulären Prozessen erleichtern. "Die Politik sollte dabei die Ziele setzen, aber der Wirtschaft muss es im Rahmen des Wettbewerbs überlassen bleiben, wie sie die Ziele erreicht."
Was aber in der Praxis nicht so ist, sagt Andreas Mucke von Circular Valley. "Immer wieder hören wir von unseren Partnern, dass der Gesetzgeber ihnen zu sehr vorschreibt, wie der Weg in Richtung Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft auszusehen hat." Ganze Stäbe seien mit internen Prozessen beschäftigt, die sich aus den Vorschriften ergeben. Dadurch werde Personal, Kreativität und Kapital gebunden.
Notwendig sei deshalb eine regulatorische Entschlackung. Was den politischen Rahmen hierzulande betrifft, sieht Mucke immerhin Fortschritte. Im letzten Herbst sei endlich eine nationale Kreislaufwirtschaftstrategie auf den Weg gebracht worden, Bundesländer hätten eigene Strategien erarbeitet. Die Politik habe die Bedeutung des Thema erkannt – führend sei Deutschland im internationalen Vergleich deswegen aber nicht. "Die Niederländer zum Beispiel haben schon seit Jahren eine Kreislaufwirtschaftsstrategie und sind uns deswegen einige Schritte voraus. Wir müssen diesen Rückstand schnell aufholen, um die Nase vorn zu haben."
"Fahrzeuge und Antriebe sollten kreislauffähig sein"
Was von der neuen Bundesregierung zu erwarten ist? "Sie muss in die Pflicht genommen werden, denn öffentliche Unternehmen und Stadtwerke können die Kosten für den Aufbau einer kreislauffähigen Infrastruktur in der gebotenen kurzen Zeit nicht allein stemmen." Es brauche mehr finanzielle Unterstützung für die Netzbetreiber, damit erneuerbare Energie mittel- und langfristig in ausreichendem Umfang transportiert und verteilt werden kann. Für den Aufbau der Kreislaufwirtschaft sei grüne Energie unerlässlich. "Wer Klimaschutz ernst nimmt, darf für zirkuläre Prozesse keine fossile Energie einsetzen." Zum Beispiel für das chemische Recycling von Kunststoffprodukten, das erhebliche Energiemengen benötigt."
Eine weitere Weichenstellung betrifft die öffentliche Mobilität auf Basis von Wasserstoff- oder Elektrobussen: Fahrzeuge und Antriebe sollten kreislauffähig sein, schlägt Mucke vor. Bezieht der Gesetzgeber bei der Beschaffung zusätzlich das Thema Zirkularität als Kriterium ein, hätten kommunale Unternehmen einen starken Hebel, solche Produkte zu skalieren und marktfähiger zu machen.
Es stelle sich nicht mehr die Frage, "ob wir den Weg zur Kreislaufwirtschaft beschreiten, sondern nur noch, wie wir es tun." Zumal es nicht mehr primär nur um Umwelt- und Klimaschutz geht. Strategische Fragen rückten in den Mittelpunkt. Wie lassen sich die Abhängigkeiten von Rohstoffimporten – Lithium, Kobalt, Neodym und anderen, die speziell für die Dekarbonisierung von Energieversorgung und Verkehr unverzichtbar sind – aus "kritischen Ländern" wie China oder Kongo minimieren? Eine Möglichkeit: Metalle im eigenen Land recyceln und als sekundäre Rohstoffe wiederverwenden.



