Herr Hoffmann, die GGEW hat im vergangenen Jahr ihre Satzung geändert, um auch in der Immobilienwirtschaft tätig werden zu können. Wie viel Überzeugungsarbeit musste geleistet werden, wie hat die Immobilienwirtschaft vor Ort und die Kommunalaufsicht darauf reagiert?
Wir haben hier klare kommunalrechtliche Vorgaben gehabt und die Kommunalaufsicht sehr früh ins Boot geholt. Mit ihrer Zustimmung und der Logik, die Wertschöpfung als Infrastrukturdienstleister weiter in der Region auszubauen, haben wir das Vertrauen und die Zustimmung der Aktionäre bekommen. Auch die beteiligten Verbände haben uns ebenfalls eine positive Rückmeldung gegeben. Insgesamt haben wir die erforderlichen Interessengruppen frühzeitig einbezogen und nicht erst Fakten geschaffen. Das hat auch dazu geführt, dass wir von der strategischen Entscheidung bis zur Satzungsänderung in der Hauptversammlung nur rund ein Jahr gebraucht haben.
Es heißt, GGEW wolle Mehrfamilienhäuser bauen und auch vermieten. Was ist in diesem Jahr noch geplant, gibt es bereits konkrete Bauvorhaben?
Wir haben keinen kurzfristigen Umsetzungsdruck. Die strategische Entscheidung ist auf Jahrzehnte ausgelegt. In der Tat haben wir gerade eine Opportunität in unserem Netzgebiet in Form eines 8-Familienhauses. Wir befinden uns gerade noch in der Verhandlung hierzu und werden das dann unserem Aufsichtsrat vorlegen, wenn die Prüfung positiv ausfällt.
In welchem Preissegment sollen sich diese neuen Wohnungen bewegen? Es war auch zu lesen, dass Sozialbau oder Werkswohnungen denkbar wären?
In erster Linie muss das Vermietungsgeschäft für die GGEW wirtschaftlich sein, egal wie das Segment tituliert wird. Wir gehen davon aus, dass der soziale Wohnungsbau mit vorgegebenen Mietpreisen alleine nicht wirtschaftlich sein wird. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass es Wohnhäuser mit einem Mix aus Segmenten geben wird.
Es ist nicht alltäglich, dass ein Unternehmen in der Größe der GGEW selber Häuser bauen und Wohnungen vermieten will. Wo sehen Sie hier das Geschäftspotenzial? Stabile Cashflows, das Ausrollen der kompletten Produktpalette (EDL) oder in dem Zusammenhang auch der Aufbau neuer Dienstleistungen, die nah an der Wohnungswirtschaft sind, beispielsweise Nebenkostenabrechnung oder Facility-Management?
Ja, im Grunde haben Sie alles aufgezählt. Wir wollen mit dem neuen Geschäftsfeld starten und unsere eigenen vertrieblichen Erfahrungen damit machen. Dabei werden wir einen wertvollen Lernprozess als Organisation durchmachen, der wiederum Türöffner für andere Produkte und Dienstleistungen werden kann. Daran wird auch der Transformationsprozess von einem reinen Energieversorger zu einem Energie- und Infrastrukturdienstleister sichtbar. Das neue Geschäftsfeld soll auch der Einstieg für Kooperationen mit Wohnungsbaugenossenschaften sein. Wir wollen uns im Laufe der Zeit Stück für Stück ein Portfolio aufbauen. Jedes Objekt muss sich wirtschaftlich selber tragen, sonst machen wir es nicht.
Wie bewerten Sie die vertrieblichen Herausforderungen in dem anvisierten, neuen Geschäftsfeld und haben Sie das komplette Know-how dafür inhouse?
Wir sind da schon sehr gut aufgestellt. Die Vertriebsarbeit wird sich grundlegend verändern, von einem reinen „Commodity-Vertrieb“ zu einem Vertrieb mit erklärungsbedürftigen, komplexen Produkten. Darauf bereiten wir gerade die Organisation und die Mitarbeiter vor. Es ist schön zu sehen, dass die Mitarbeiter Lust darauf haben und die Herausforderungen annehmen.
Ein weiteres, neues Geschäftsfeld, das die GGEW mit Hochdruck weiter entwickelt, ist das Thema Quartierslösungen. Wie bewerten Sie die Konkurrenzsituation vor Ort und wie ist die bisherige Resonanz auf die geplanten Quartiere in Fehlheim und dem Projekt mit dem Immobilienentwickler BPD in Bensheim?
Das Thema „Quartierlösungen“ ist sehr stark logisch verbunden mit dem neuen Geschäftsfeld Immobilienwirtschaft. Im Kern geht es darum, das Angebot eines Energieversorgers in Neubaugebieten für die Kunden, über die klassischen Medien Strom, Gas und Wasser hinaus, aus einer Hand anzubieten, etwa das Produkt Wärme aus einer einheitlichen Wärmeversorgung, Glasfaseranschlüsse und Telekommunikationsprodukte, Elektromobilität & E-Carsharing, PV-Pachtmodell. Wenn wir das nicht den Kommunen und Bauträgern in unserer Region anbieten, dann werden das andere Energieversorger übernehmen. Die Warten nur darauf. Hierauf haben wir wettbewerblich reagiert. Das Interesse von Bauträgern an einer Kooperation mit Energieversorgern ist sehr hoch. Mit BPD arbeiten wir gemeinsam an einer Quartierentwicklung und stellen unsere Energie- und Elektromobilitätsexpertise zur Verfügung. Dort stecken wir mitten drin. In dem Baugebiet „Fehlheim“ befinden wir uns noch in der Vermarktungsphase und haben dafür eine schlagkräftige, bereichsübergreifende Projektstruktur, die an den jeweiligen Themen arbeitet. Das entscheidende an den Quartieren ist, dass nahezu sämtliche Bereiche eines Energieversorgers tangiert werden.
(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)
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Einen ausführlichen Artikel über Stadtwerke, die im Bereich Wohnungsbau und Vermietung tätig sind oder vor dem Einstieg in dieses Geschäftsfeld stehen, lesen Sie in der Aprilausgabe der ZfK. Diese erscheint am Montag, 6. April.



