Der milliardenschwere deutsche Öl- und Gaskonzern Wintershall Dea schließt das Kapitel Russland. Das Unternehmen werde seine Aktivitäten in dem Land beenden, heißt es in einer Pressemitteilung. Eine Fortführung des Geschäfts sei "nicht haltbar".
"Russlands Angriffskrieg ist nicht vereinbar mit unseren Werten", wird Wintershall-Dea-Vorstandsvorsitzender Mario Mehren zitiert. "Er hat die Zusammenarbeit zwischen Russland und Europa zerstört."
Gazprom-Zusammenarbeit seit 1990
Für Wintershall Dea bedeutet der Russland-Rückzug einen historischen Einschnitt. Denn jahrzehntelang hatte das Unternehmen im flächenmäßig größten Staat der Erde prächtig verdient.
Inmitten des Zerfalls der Sowjetunion schloss Wintershall bereits 1990 mit dem russischen Staatskonzern Gazprom eine langfristige Vereinbarung über die Vermarktung von russischem Erdgas in Deutschland. Daraus erwuchs eine umfassende Zusammenarbeit, die Prestigeprojekte wie die Ostseepipelines Nord Stream 1 und 2 sowie Gemeinschaftsunternehmen zur gemeinsamen Produktion von Gas und Öl in Russland umfasste.
Russland-Krieg trifft Wintershall Dea ins Mark
Noch 2015, ein Jahr nach der russischen Einverleibung der ukrainischen Halbinsel Krim, stieg Wintershall in die Erschließung zweier westsibirischer Erdgas- und Kondensatblöcke ein und übertrug im Gegensatz sein Erdgashandel- und Speichergeschäft vollständig an Gazprom. In der Folge kamen Deutschlands größter Gasspeicher Rehden in Niedersachsen sowie der Gashändler Wingas komplett in Gazprom-Besitz.
Der russische Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 traf Wintershall Dea ins Mark. In den Tagen darauf gab der Konzern bekannt, die Finanzierung der Ostseepipeline Nord Stream 2 von rund einer Milliarde Euro abzuschreiben. Zahlungen nach Russland würden "grundsätzlich mit sofortiger Wirkung" eingestellt.
"Joint Ventures de facto enteignet"
Zudem verkündete das in Kassel ansässige Unternehmen, keine zusätzlichen Projekte zur Förderung von Gas und Öl in Russland mehr anzustreben. An den bestehenden Projekten hielt Wintershall Dea jedoch weiterhin fest.
Dabei stieg der Druck, sich ganz aus Russland zu verabschieden, in den darauffolgenden Monaten weiter, auch weil die Regierung in Moskau die Tätigkeit westlicher Unternehmen im Land weiter einschränkte. So wurden aufgrund neuer Regelungen im Dezember rückwirkend Preise reduziert, zu denen Gemeinschaftsunternehmen ihre produzierten Kohlenwasserstoffe an Gazprom verkaufen konnten. "Die Joint Ventures wurden de facto wirtschaftlich enteignet", bilanzierte nun Konzernchef Mehren.
Abschreibungen an Nord Stream AG und Wiga
Jetzt also die Grundsatzentscheidung, sich vollständig aus Russland zurückziehen. Das heißt: Wintershall Dea wird Kennzahlen seiner russischen Gemeinschaftsunternehmen nicht mehr in den Konzernabschlüssen auszuweisen. Ausgenommen seien Änderungen des Zeitwerts der finanziellen Vermögenswerte, hieß es.
Zudem will das Unternehmen nach eigener Aussage voraussichtlich einen einmaligen, nicht zahlungswirksamen Aufwand in Höhe von 5,3 Milliarden Euro vornehmen. Dieser beziehe sich auf die russischen Gemeinschaftsunternehmen sowie Abschreibungen an den Beteiligungen der Nord Stream AG und des Gastransportkonglomerats Wiga, zu dem der Fernleitungsnetzbetreiber Gascade gehört und an dem auch Sefe, früher Gazprom Germania, Anteile hält.
BASF schreibt Verluste
Der Russland-Rückzug hat auch massive Auswirkungen auf die Wintershall-Dea-Mutter BASF. Der Chemieriese musste am Dienstagabend nach Börsenschluss einen Jahresfehlbetrag von 1,4 Milliarden Euro einräumen.
Am Dienstagmorgen sackte die Aktie des Konzerns ab, erholte sich jedoch im Laufe des Tages und notierte kurz vor 16 Uhr 0,14 Prozent über dem Vortageswert. (aba/dpa)



