Thies Langmaack: "Bei der Strombeschaffung streben wir ein ausgeglichenes Portfolio an".

Thies Langmaack: "Bei der Strombeschaffung streben wir ein ausgeglichenes Portfolio an".

Bild: © MVV

Im ersten Teil des Interviews spricht Thies Langmaack über die Performance der MVV in den Krisenjahren, die Rolle von KI und das eigene Erzeugungsportfolio.

Herr Langmaack, welche Erkenntnisse brachte Ihnen die Energiekrise?

Langmaack: Die zentrale Erkenntnis aus der Krise ist erstaunlicherweise eine Positive: Die Märkte haben in dieser kritischen Phase weiter funktioniert. Zu Beginn der Krise im Frühjahr 2022 war die Sorge über die Stabilität der Energiemärkte sehr groß: Ist die Börse liquide? Können Marginforderungen weiterhin hinterlegt werden? Und dann die zentrale Frage: Wie sieht es mit den OTC-Handelspartnern aus?

Können Sie das konkretisieren?

Da wären beispielweise mögliche Insolvenzen oder zumindest eine finanzielle Schieflage bei Unternehmen, die zu geringe Strom- und Gasmengen beschafft haben und dann in der Krise zu Höchstpreisen teuer dazukaufen mussten, um ihre Lieferverträge weiterhin zu erfüllen. Das wiederum hätte eine Kettenreaktion auslösen können.

Dass wir nach zwei Jahren lediglich einige einzelne kleinere Stadtwerke sehen, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht ausreichend eingedeckt haben und somit in eine kritische wirtschaftliche Situation gelangten, ist bemerkenswert. Glücklicherweise waren dies klare Einzelfälle.

Größere OTC-Partner sind trotz teilweise hoher Marginhinterlegungen ebenfalls bis auf Ausnahmen weitestgehend stabil geblieben.

Langmaack: "Der Hedging-Aspekt war und ist essenziell wichtig".Bild: © MVV

Welche Folgen hatte die Krise für Ihre Beschaffungsstrategie?
Wir als MVV konnten die vorherrschende Volatilität während der Krise gut beherrschen und konnten sie sogar ergebnisseitig gut für uns nutzen. Und dass, obwohl das Hedging und die Liquidität absolut im Fokus standen und somit durchaus lukrative Geschäftsaktivitäten zunächst gestoppt wurden. Unser Unternehmen hat in dieser Phase eine Reihe von Maßnahmen getroffen, um Liquiditätsrisiken bestmöglich vorzubeugen.

Das ist nämlich die zweite Erkenntnis aus der Krise, die bei uns allerdings schon lange eine wesentliche Rolle spielt: Die Erfüllung des Hedging-Auftrages unter Beachtung kritischer Faktoren, wie beispielsweise Liquidität.

Der Hedging-Aspekt, also die Absicherung von Preisen im Sinne der Stabilität und Planbarkeit war und ist essenziell wichtig. Absolut in den Fokus gerückt ist der Punkt Liquidität, bedingt durch Marginhinterlegung sowie auch potenzielle Adressausfallrisiken. Die Sicherstellung der Liquiditätsanforderung hat oberste Priorität bekommen, die Ebit-Generierung ist hingegen noch weiter in den Hintergrund gerückt.
Wer dennoch unter diesen Rahmenbedingungen ein positives Ergebnis erwirtschaften konnte, hat alles richtig gemacht.

Sehr hilfreich waren Preisprognosen und Modelle, die wir teils mit Hilfe von KI erarbeitet haben. Das hat uns neben anderen Vorteilen geholfen, bereits ab dem 1. Juli 2023 die Energiepreise für die Grundversorgung im Privatkundensegment als eines der ersten EVUs unter die Schwelle der Preisbremse zu senken. 

Dank eines eingespielten Teams, klaren Prozessen und Mandaten konnten wir unter Nutzung zukunftsorientierter Technologien auf ein Marginguthaben blicken und erfolgreich am Markt agieren.

Konnte KI eine solche Krise wirklich vorhersagen?
Zugegeben, auch KI kann keine zuverlässigen Prognosen in solchen Krisenzeiten liefern. Zwar kann sie die Wahrscheinlichkeit von Szenarien in einer solchen Krise greifbar machen und bewerten, doch solche extremen Ausreißer würde man in der Regel am Ende des Tages im Rahmen von Quantilsbetrachtungen bereinigen. Denn würde man diese Datenreihen bei Prognosen berücksichtigen, wären so hohe Risikoprämien einzupreisen, dass am Ende kein Geschäft zustande kommen würde.

Vielmehr hat KI verschiedene Simulationen mit unterschiedlichen Einflussfaktoren analysiert und setzt diese in Relation, insbesondere in Intraday. Hier gilt es, Preisbewegungen, Erzeugungsmengen, Marktwerte und technische sowie regionale Gegebenheiten eines virtuellen und individuellen EE-Portfolios unter Berücksichtigung von Wettermodellen zu optimieren.

MVV hat zudem relevante Eigenerzeugungskapazitäten. Komplexe Algorithmen zeigen dem Einsatzplaner und Portfoliomanager Optionen auf, wann die Erzeugung am profitabelsten ist und wie sich beispielsweise Produktionsstillstände im eigenen Kraftwerk auswirken, oder zu welchem Zeitpunkt ein erforderlicher Turbinenwechsel unter vermarktungstechnischen Aspekten sinnvoll ist. Zusammenfassend ein Geflecht von Einflussfaktoren bei dem selbst der Experte aufgrund der Datenflut vermutlich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen würde. Dies kann nur mit hoher IT-Unterstützung wirtschaftlich erfolgen. KI zeigt hier Handlungsempfehlungen auf, die letzte Entscheidung liegt jedoch immer noch beim Menschen. Algo-Trading ja, bis zum Auto-Trading wird noch einige Zeit vergehen.

Ist eine Wiederholung einer solchen Krise möglich?
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass eine Wiederholung jederzeit möglich ist. Auf der politischen Seite haben wir in der gesamten Nachkriegszeit selten so unruhige Zeiten erlebt, wie wir sie gerade jetzt sehen. Mit weiteren Eskalationen, die auch immer Auswirkungen auf den Energiemarkt haben, muss und sollte man rechnen. Schnelligkeit ist hier ein wesentliches Momentum; wer auf diese Eventualitäten vorbereitet ist bzw. Entwicklungen antizipieren kann, der wird auch zukünftige Situationen meistern können.

Als eine wichtige Maßnahme gegen die fehlende Liquidität gilt die Diversifizierung des Beschaffungsportfolios. Wie steht es um Ihre Beschaffung?
Im Sinne unserer grundlegenden Hedging-Aktivitäten und unterschiedlichen Absicherungsmechanismen beschaffen und vermarkten wir mittel- und langfristig innerhalb von Korridoren. Dies erfolgt bis zu drei Jahre in die Zukunft. Je nach Geschäftsaktivität nutzen wir unterschiedliche Portfoliooptimierungsmethoden im Asset-backed Trading, aber auch im Kurzfristhandel. So ermöglichen wir immer das Optimum aus Hedging- und Renditeanforderungen.

"Im entscheidenden Moment hat der Staat vieles richtig gemacht." Thies Langmaack

Wie hat die Regierung in der Krisenphase performt?
In den entscheidenden Momenten hat der Staat vieles richtig gemacht. Dazu zähle ich unter anderem die Übernahme von Gazprom Germania und seine Umwandlung in Sefe sowie der Einstieg bei Uniper. Diese Schritte haben maßgeblich zur Beruhigung des Marktes beigetragen. In der öffentlichen Wahrnehmung ist das leider nicht überwiegend positiv aufgenommen worden, was ich in Teilen auf eine unglückliche Kommunikation zurückführe. Fakt ist, dass dieses Vorgehen funktioniert hat und selbst heute noch ein wichtiger Stabilitätsfaktor ist. Energieversorger und Marktteilnehmer haben so die Zuversicht, dass auch bei weiteren Krisen neben den Marktmechanismen auch die politischen Instrumente greifen werden und damit auch die Kunden und Bürger davon profitieren.

Wie hilft Ihnen bei der Beschaffung das eigene Erzeugungsportfolio?
Bei der Strombeschaffung streben wir ein ausgeglichenes Portfolio an. Damit meine ich, dass wir für die B2B- und B2C-Kunden grundsätzlich Strom beschaffen müssen. Das erfolgt überwiegend auf dem Energiemarkt, da unsere eigenen vermarktbaren Erzeugungskapazitäten – beispielsweise die des Großkraftwerks Mannheim – bei weitem nicht ausreichen. Wir als MVV Trading sorgen nun dafür, dass zusätzliche Strommengen durch den Aufbau eines virtuellen Kraftwerks aus PV und Wind im Portfolio zur Verfügung stehen. Dadurch können wir sogenannte Netting-Effekte realisieren, ich "matche" die Abnahmeseite aus dem Liefergeschäft mit der Erzeugungsseite. Damit halte ich die Beschaffungsposition an der Börse oder im OTC-Geschäft relativ gering, im besten Fall reduziere ich diese nahezu auf Null. So ist es möglich, Liquiditätsschwankungen aus Margins sowie Adressausfallrisiken im OTC-Handel zu minimieren.

Wie sieht es im Gasbereich aus?

Was im Stromsegment gut leistbar ist, sieht hier anders aus. Wir als MVV betreiben ja selbst keine Exploration und sind beim Gas daher strukturell als Netto-Käufer am Handelsmarkt unterwegs. Lediglich der Positionshandel ermöglicht es uns, bei Opportunitäten auch auf die andere Seite – als Verkäufer – zu wechseln.

Wie beim Stromhandel verteilen wir Energiehandelsaktivitäten möglichst gleichgewichtet auf Börse und OTC. So können wir die spezifischen Risiken breiter streuen und ökonomisch resilienter werden.

Gerade im OTC-Handel war die Phase der extremen Volatilitäten und historischen Höchstpreise sehr schwierig. Denn die Beschaffung eines Gasproduktes bedeutet nicht nur den Kauf einer Menge X zum Zeitpunkt Y, sondern diese in tatsächliche saisonale-, Tages- und Stundenverbräuche zu strukturieren. Grob geschnittene Börsenpositionen müssen immer feiner strukturiert werden, was meist über Broker und im Rahmen des OTC-Handels erfolgt. Mangelnde Marktliquidität führt hier zu besonderen Herausforderungen.

Um die Auswirkungen auf das Portfolio möglichst gering zu halten, haben wir intensiv mit Hilfe von Szenarien und Prognosen gearbeitet, um Preisentwicklungen entsprechend zu antizipieren.

Sofern möglich, wurden in enger Abstimmung mit dem Risikomanagement klassische Handelsstrategien hinterfragt und auch "Stop Loss"/"Take Profit"- Grenzen regelmäßig kalibriert, insbesondere auch in der Phase wieder fallender Preise. Wir haben damit einige Fälle vermieden, zwanghaft und stur an einer starren Beschaffungsstrategie festzuhalten. Denn eine teure Beschaffung holt jetzt, wo die Preise wieder rückläufig sind, viele Versorger wieder ein.

Zudem haben wir bei unseren Kunden viel Aufklärungs- und Beratungsarbeit geleistet, um Verbräuche zu minimieren und die Prognosegenauigkeit zu erhöhen. Dies hat dazu geführt, dass die Beschaffung zu extremen Höchstpreisen nicht stattgefunden hat beziehungsweise, ausgesetzt werden konnte.

Das Interview führte Artjom Maksimenko

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, wie MVV die aktuelle Marktsituation bewertet, die Rolle von Kooperationen und dynamischen Tarifen.

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