Zehn große Stadtwerke-Konzerne haben bei einem Auftakttreffen des Netzwerkes „Digitale Daseinsvorsorge“ vereinbart, ihre Kooperation auf dem Weg zu einer umfassenden Digitalisierung der Branche zu stärken. Die Kommunalversorger wollen dabei mitwirken, ein bundesweit einheitliches Verständnis von „digitaler Daseinsvorsorge“ zu schaffen, wie es in einer gemeinsamen Mitteilung heißt. Beteiligt an dem neuen Netzwerk sind Stadtwerke und kommunale Unternehmen aus Darmstadt, Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt, Freiburg, Hannover, Lübeck, München, Münster und Wuppertal.
Als erster Meilenstein ist eine Studie mit dem Titel „Digitale Daseinsvorsorge durch Stadtwerke in der digitalen Transformation: Status Quo und Perspektiven“ in Auftrag gegeben worden. Die wissenschaftliche Untersuchung solle einen Impuls zur Entwicklung der digitalen Daseinsvorsorge in den kommenden Jahren bieten und mit einer Befragung, dem „Stadtwerke Barometer“, empirisch belegte Trends für die Bedarfe im kommunalen Umfeld sowie Empfehlungen für die Optimierung der Geschäftsfelder von Stadtwerken liefern, heißt es weiter.
Zunächst quartalsweise Treffen
Die Studie wird von Ulf Papenfuß verfasst, Inhaber des Lehrstuhls für Public Management & Public Policy von der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Die Ergebnisse der Analyse sollen im dritten Quartal 2022 der Öffentlichkeit präsentiert werden.
Das - eher dezentral strukturierte - Netzwerk wird sich zunächst quartalsweise treffen und neben der inhaltlichen Arbeit auch den Austausch mit Entscheidungsträgern aus Verbänden und Politik suchen.
Stärken der lokalen Verankerung ausspielen
„In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, ob die Kommunen ihre starke Stellung als lokale Dienstleister halten können oder sie an globale Plattformunternehmen verlieren“, sagt Florian Bieberbach, Chef der Stadtwerke München, der ZfK zu dem Hintergrund der Pläne. Wenn Plattformen die Kundenschnittstellen besetzten, seien kommunale Dienstleister nur noch als Zulieferer der Plattformen aktiv oder würden schrittweise verdrängt. Die Kommunen müssten die Chancen der Digitalisierung daher beherzt ergreifen und ihre Stärken der lokalen und demokratischen Verankerung sowie der Verknüpfung von Dienstleistungen ausspielen.
Die Stadtwerke Lübeck erweiterten gerade ihre Geschäftsfelder, etwa um den Bereich Bildung, erklärt der Sprecher der Geschäftsführung, Jens Meier. „Wir wollen damit einen Beitrag leisten, die Menschen zu befähigen, digitale Technologie bestmöglich zu nutzen“, so Meier. Dieser kommunale Auftrag könne aber nur erfolgreich ausgeführt werden, wenn Stadtwerke unterschiedliche Expertisen zusammenführten und in Verbünden auf regionalen und überregionalen Ebenen agierten.
Digitale Daseinsvorsorge „bisher unterschätzte Herausforderung“
„Digitale Daseinsvorsorge ist eine bisher unterschätzte Herausforderung“, sagt die Enercity-Vorstandsvorsitzende Susanna Zapreva. Bislang seien die Energie- und Wasserflüsse sowie die öffentlichen Verkehrsmittel die „Pulsadern“ der Kommunen gewesen. „Mit der Digitalisierung kommen das Internet der Dinge und die dazugehörigen Datenflüsse hinzu“, so die Chefin des Regionalversorgers aus Hannover.
Smart-City-Plattformen könnten durch intelligente Vernetzung ehemals getrennter Sektoren wie Mobilität, Energie oder Stadtentwicklung umfassende Nachhaltigkeitspotenziale heben, betont Heike Heim, Chefin der Dortmunder DEW21. Die in den Regionen fest verankerten lokalen Energieversorger würden durch ihre enge Einbindung in öffentliche Infrastrukturen und Ausnutzung der neuen technischen Möglichkeiten „diese Entwicklung maßgeblich vorantreiben“, ergänzt Heim.
Neue Positionierungs- und Wachstumsspielräume
Unternehmerisch gesehen stelle die Digitalisierung die größte Chance seit der Markt-Liberalisierung dar, „weil damit ganz neue Positionierungs- und Wachstumsspielräume für uns geschaffen werden“, erklärt Diana Rauhut, Vorständin des Frankfurter Regionalversorgers Mainova.
Digitale Infrastrukturen nicht anonymen Investoren überlassen
Klar ist, dass die Kommunalversorger die rasante Entwicklung bei den digitalen Infrastrukturen nicht den derzeit unangreifbar und übermächtig erscheinenden US-Giganten wie Google überlassen wollen. „Für die Zukunft unserer Städte und Kommunen sind sie viel zu entscheidend, um sie anonymen Investoren zu überlassen. Wir Stadtwerke sind einfach näher dran und gestalten die Smart Cities, die Bürgerinnen und Bürge im Alltag erleben“, erläutert Sebastian Jurczyk, Geschäftsführer der Stadtwerke Münster.
„Die Vernetzung und Kooperation mit Gleichgesinnten“ sei ein zentraler Erfolgsfaktor, um die Digitalisierung zukunftsfähig und erfolgreich auszugestalten“, betont Vorstand Heinz-Werner Hölscher von der Badenova. „Die 20er Jahre werden für die Kommunen und ihre Stadtwerke eine Dekade der Weichenstellungen“, so Markus Hilkenbach, Chef der Wuppertaler Stadtwerke. Die digitale Daseinsvorsorge müsse als übergreifende Strategieaufgabe verstanden werden. „Netzwerke und Kooperationen können dabei nur helfen - so machen wir unsere Städte smart.“
Lösungen austauschen und weiterentwickeln
Als Gewinner des Bitkom-Wettbewerbs „Digitale Stadt“ sei Darmstadt auf dem Weg zur Smart City. Im Laufe dieses Prozesses seien bereits zahlreiche digitale Lösungen umgesetzt worden, erklärt Klaus-Michael Ahrend, Vorstand bei der HEAG Holding. Nun gelte es, „gemeinsam Lösungen abzugleichen, auszutauschen und zusammen weiterzuentwickeln“.
Die Stadtwerke Düsseldorf seien bei der Digitalisierung bereits erste Schritte gegangen, zum Beispiel als einer der Pioniere beim Aufbau eines CDMA-Funknetzes oder dem Einbau von Smart City-Anwendungen in einem Zukunftsviertel, so der Vorstandschef der Stadtwerke Düsseldorf, Julien Mounier. „Wir wissen, wie steil die Lernkurven an verschiedenen Stellen sein können. Deshalb hat für uns der Austausch mit anderen Stadtwerken sehr große Bedeutung.“ (hil)



