Benjamin Pehle: "Partnerschaft auf Augenhöhe bedeutet, Kräfte zu bündeln, ohne die strategische Kontrolle abzugeben".

Benjamin Pehle: "Partnerschaft auf Augenhöhe bedeutet, Kräfte zu bündeln, ohne die strategische Kontrolle abzugeben".

Bild: @ Die Netzwerkpartner

Nach der Energiekrise steht die Branche vor neuen Weichenstellungen: Wärmewende, Netzausbau, Digitalisierung und Fachkräftemangel. Im Gespräch mit der ZfK erläutert der Geschäftsführer der Netzwerkepartner e.V. , Benjamin Pehle, wie Kooperationen Stadtwerken helfen können, Investitionsdruck und Komplexität zu meistern, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren.

Herr Pehle, welche zentralen Themen und Sorgen prägen aktuell die Diskussionen in den Geschäftsführungsrunden – und was unterscheidet die Herausforderungen von heute gegenüber denen der Energiekrise vor wenigen Jahren?

Benjamin Pehle: Der Fokus in den Gesprächen hat sich klar verschoben. Während in der Energiekrise vor allem das kurzfristige Krisenmanagement im Mittelpunkt stand – etwa die Sicherung der Gasversorgung, der Umgang mit extremen Preissprüngen oder die enorme Liquiditätsbelastung – geht es heute um langfristige strategische Weichenstellungen.

Der Umbau oder Rückbau der Gasnetze und die Umsetzung der kommunalen Wärmeplanung stellen viele Stadtwerke vor enorme organisatorische, finanzielle und personelle Herausforderungen. Häufig fehlen dabei noch verlässliche Rahmenbedingungen, um diese milliardenschweren Investitionen in die Wärmewende sicher zu planen.

"Die Kooperation ist aus unserer Sicht das entscheidende Zukunftsmodell."

Gleichzeitig steigt der Investitionsdruck im Stromnetz, um Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur und neue Verbraucher integrieren zu können. Und es braucht Fachkräfte. Ingenieure, IT-Experten und Datenanalysten für den Einsatz von KI im Netz und Vertrieb werden dringend gebraucht, um Digitalisierung und Sektorenkopplung überhaupt voranzubringen. Der Umbau unseres Energiesystems ist kein Sprint, sondern ein Marathon, der Kooperation und Wissenstransfer erfordert. Genau hier setzen wir als Netzwerkpartner an.

Viele Stadtwerke stehen vor der Entscheidung: eigenständig bleiben, kooperieren oder fusionieren. Wo sehen Sie die größten Chancen und Risiken dieser Wege?

Die Stärke des eigenständigen Stadtwerks liegt in seiner Flexibilität und Nähe zu Kommune und Kunden. Die Entscheidungswege sind kurz, die lokale Identität ist stark. Doch die wachsende Komplexität der Energiemärkte, die Dynamik der Digitalisierung und der enorme Investitionsbedarf für die Energie- und Wärmewende bringen gerade kleinere Stadtwerke schnell an ihre Grenzen.

Fusionen bündeln Kapital und Spezialwissen. So entsteht im besten Fall ein schlagkräftiger Akteur mit hoher Investitionskraft und maximalen Skaleneffekten. Gleichzeitig drohen längere Entscheidungswege, Bürokratie und der Verlust von Bürgernähe.

Die Kooperation ist aus unserer Sicht das entscheidende Zukunftsmodell. Sie verbindet die Eigenständigkeit und Agilität des Stadtwerks mit den Skaleneffekten gemeinsamer Projekte. Kooperations-Hubs wie die Netzwerkpartner schaffen dafür den Rahmen: Stadtwerke bündeln gezielt Ressourcen und Know-how – etwa in IT, Energiehandel oder KI-Entwicklung. So entstehen Synergien und Innovationen, die im Alleingang kaum realisierbar wären, ohne lokale Identität und Entscheidungsfreiheit aufzugeben.

Grafik: Die Netzwerkpartner/ZfK/Artjom Maksimenko

Wie steht es um das Timing bei dieser Entscheidung? Woran erkennen Sie, dass Stadtwerke den richtigen Zeitpunkt für Veränderung gefunden haben?

Der Druck ist in den letzten Jahren so stark gestiegen, dass Zögern mittlerweile das größte Risiko ist. Perfektes Timing gibt es nicht, wohl aber klare Warnsignale: wenn Investitionspläne für Wärmewende oder Netzausbau die eigene Leistungsfähigkeit übersteigen, wenn der Fachkräftemangel zentrale Projekte ausbremst oder regulatorische Anforderungen – etwa zur Cybersicherheit – die Ressourcen überfordern.

Kooperation bietet die Chance, Veränderung aktiv zu gestalten, statt ihr hinterherzulaufen. Veränderung gelingt meiner Erfahrung nach, wenn die Richtung klar ist, Kooperation selbstverständlich wird und Wissen ins Handeln übergeht. Führung heißt heute, Orientierung zu geben und den Mut zur Zusammenarbeit zu fördern. Wer diese "Netzwerk-Intelligenz" aktiv einfordert und seine Teams befähigt, daraus konkrete Lösungen schnell auf die Straße zu bringen, bleibt auch in einem dynamischen Umfeld handlungsfähig.

Sie sprechen oft von "Partnerschaft auf Augenhöhe". Was braucht es kulturell und organisatorisch, damit Kooperationen zwischen Stadtwerken tatsächlich gelingen? Wie ist es in anderen Konstellationen, beispielsweise mit einem privaten Investor?

Partnerschaft auf Augenhöhe bedeutet, Kräfte zu bündeln, ohne die strategische Kontrolle abzugeben. Damit Kooperation gelingt, braucht es vor allem Vertrauen. Stadtwerke müssen lernen, den Partner nicht als Konkurrenten, sondern als Verbündeten für eine gemeinsame Mission zu sehen. Transparenz über gemeinsame Ziele und gegenseitiger Respekt vor der Eigenständigkeit sind die Basis jeder erfolgreichen Kooperation.

Organisatorisch braucht es klare Spielregeln und Verbindlichkeit. Erfolgreiche Kooperationen entstehen oft in modular aufgebauten Gesellschaften oder Plattformen, in denen die Partner gleichberechtigt sind und nur bündeln, was gemeinsam effizienter ist. So bleibt das Stadtwerk flexibel und behält die Kontrolle. Das unterscheidet Kooperationen grundlegend von privaten Investoren. Dort steht meist das finanzielle Interesse im Vordergrund, oft mit einem klaren Exit-Horizont. Stadtwerke dagegen denken in Generationen. Kooperation unter Stadtwerken stärkt daher nicht Abhängigkeiten, sondern unternehmerische Freiheit und kommunale Verankerung.

"Die größte Lernkurve sehe ich in der konsequenten Trennung von Infrastruktur und Kundenschnittstelle."

Welche Lehren können Stadtwerke aus Kooperationsmodellen anderer Branchen ziehen, um die eigene Transformation resilienter zu gestalten?

Die größte Lernkurve sehe ich in der konsequenten Trennung von Infrastruktur und Kundenschnittstelle. Ein lehrreiches Beispiel sind die Sparkassen und Volksbanken. Sie übernehmen wie Stadtwerke regionale Verantwortung, stehen aber gleichzeitig unter hohem Kostendruck und digitalem Wettbewerbsdruck. Ihre Antwort darauf war die Bündelung von Infrastruktur. Keine einzelne Sparkasse entwickelt ihr eigenes Online-Banking. Stattdessen sichern gemeinsame IT-Dienstleister und Plattformen Effizienz, Compliance und technologische Anschlussfähigkeit.

Dieses Prinzip sollten auch Stadtwerke übernehmen. Niemand muss eigene Systeme für Smart Metering, Abrechnung oder Kundenportale betreiben. Gemeinsame Plattformen schaffen Effizienz und setzen Ressourcen frei für das, was wirklich zählt: Wärmewende, Service und neue Produkte und Dienstleistungen.

"Kooperation bietet die Chance, Veränderung aktiv zu gestalten, statt ihr hinterherzulaufen."

Auch aus der Automobilindustrie können Stadtwerke lernen. "Co-opetition" bedeutet Kooperati in der Entwicklung von Standards und Lösungen bei gleichzeitigem Wettbewerb im Markt. Resilienz entsteht dann, wenn Stadtwerke bereit sind, Wissen und Infrastruktur zu teilen, um gemeinsam stärker zu werden. Genau das ist der Weg, den Stadtwerke jetzt einschlagen sollten: gemeinsam stark bleiben, individuell erfolgreich sein.

Das Interview führte Artjom Maksimenko

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper