Andreas Feicht bei einer Veranstaltung in Köln. (Archivbild)

Andreas Feicht bei einer Veranstaltung in Köln. (Archivbild)

Bild: © Rheinenergie

Die Rheinenergie übernimmt das Contractinggeschäft von EnBW und verdoppelt damit seine Kapazitäten im Contracting. Im Gespräch erklärt Rheinenergie-Vorstandschef Andreas Feicht, was das für sein Unternehmen bedeutet und warum Contracting kein Geschäft für jeden ist.

Herr Feicht, die RheinEnergie übernimmt das Contracting-Geschäft der EnBW. Was gehört zu diesem Geschäft, und wie wird es integriert?

Feicht: Beim Energiedienstleistungsgeschäft der EnBW geht es konkret um bestehende Kundenverträge über rund 200 Anlagen, die Wärme, Strom, Dampf und Druckluft erzeugen. Mit dieser Transaktion, die noch unter kartellrechtlichem Vorbehalt steht, werden wir zu einem der drei führenden Anbieter für komplexe Energiedienstleistungen in Deutschland – und zum größten Anbieter mit kommunalem Hintergrund. Mit der Übernahme verdoppeln wir unsere installierte Leistung auf einen Schlag – auf rund 1,1 Gigawatt und etwa 800 Anlagen.

Entscheidend sind dabei nicht nur die Anlagen, sondern auch die mehr als 150 erfahrenen Mitarbeitenden für Wartung, Steuerung, Planung und Entwicklung, die wir übernehmen werden. Ihre Expertise passt hervorragend zu unserem Portfolio. 

Wie würden Sie das Contracting-Geschäft beschreiben, auf das sich die RheinEnergie jetzt stärker fokussiert? Wer sind die Kunden?

Unsere Kunden sind Industrieunternehmen, große Wohnungsunternehmen, Kommunen und Stadtwerke, die eine Erzeugungsanlage brauchen, aber sie nicht selbst bauen und betreiben wollen oder können – etwa weil ihnen die Kompetenzen oder Ressourcen fehlen. Dafür sind wir der richtige Partner. Die Anlagen beginnen bei 500 bis 800 Kilowatt, etwa für Immobilienlösungen, und reichen bis in den dreistelligen Megawattbereich für ganze Industrieparks. 

Im Contracting-Markt gab es zuletzt Konsolidierungen und Geschäftsaufgaben. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Contracting war früher oft vor allem eine Finanzierungslösung. Jemand wollte eine Anlage errichten, konnte oder wollte aber nicht selbst investieren – dann ist ein Stadtwerk oder ein anderes Unternehmen eingestiegen, hat die Finanzierung übernommen und die Anlage auf die eigenen Bücher gestellt. Meist ging es um erdgasbasierte Lösungen ohne großen Planungsaufwand; die Umsetzung überließ man oft Partnern. Heute ist das anders. In diesem Geschäft braucht man eine kritische Größe, um die technischen Anforderungen und den Kapitalbedarf zu stemmen. Deshalb trennen sich einzelne Marktteilnehmer von diesem Feld oder von einzelnen Anlagen.

Erfolgreich ist in diesem Markt, wer eine hohe Wertschöpfungstiefe hat.

Moderne Energieversorgung ist hochkomplex: Man kombiniert Wärmepumpen, Biomasse- oder Elektrokessel, denkt Effizienzmaßnahmen beim Kunden mit und behält energiewirtschaftliche, regulatorische und förderrechtliche Rahmenbedingungen über lange Zeiträume im Blick. Erfolgreich ist in diesem Markt, wer eine hohe Wertschöpfungstiefe hat, also wer Planung, Entwicklung, Finanzierung, Umsetzung, Betrieb und energiewirtschaftliche Optimierung aus einer Hand leistet. Genau da wollen wir weiter wachsen. Und das haben wir früher schon getan: Vor einigen Jahren haben wir zum Beispiel die AGO in Kulmbach übernommen, die effiziente Energieversorgungsanlagen nicht nur plant, sondern auch baut. Viele der Anlagen, die wir jetzt von der EnBW übernehmen, hat die AGO seinerzeit errichtet. 

Werden künftig mehr Stadtwerke ins Contracting einsteigen oder werden sie sich eher auf andere Themen konzentrieren?

Das ist ganz unterschiedlich. Stadtwerke haben durch die kommunale Wärmeplanung und andere Transformationsaufgaben enormen Investitionsbedarf. Contracting ist lohnend, aber auch kapitalintensiv. Einige mindestens mittelgroße Stadtwerke machen das mit gutem Erfolg. Gleichzeitig beobachten wir aus den vorher genannten Gründen eine startende Konsolidierung im Markt und dass viele Stadtwerke ihr Contracting-Geschäft strategisch neu bewerten. In solchen Fällen können wir ein verlässlicher Partner sein – für das Unternehmen, seine Mitarbeitenden und seine Kunden. Nicht als Finanzinvestor, sondern als kommunaler Partner.

Die RheinEnergie hat parallel hohe Investitionen geplant. Wie stellen Sie sich finanziell für das kapitalintensive Contracting-Geschäft und weiteres Wachstum auf?

Wir haben in den vergangenen Jahren sehr gute Ergebnisse erzielt und stehen finanziell solide da. Und richtig ist: Wir wollen und müssen viel in die Energiewende investieren – in die Fernwärme, denken Sie an unsere Flusswasserwärmepumpe, in das Strom- und Wassernetz, in Batteriespeicher, aber eben auch in Energiedienstleistungen. 

Wie kam es zu dem Kauf? War die RheinEnergie schon länger auf der Suche nach Wachstumsmöglichkeiten?

Wachstum ist Teil unserer Strategie – organisch wie anorganisch. Deshalb hören wir genau hin, wenn sich am Markt eine attraktive Gelegenheit auftut. Insofern war es ein Glücksfall, dass die EnBW ihr Profil überprüft und entschieden hat, sich von diesem Geschäftsfeld zu trennen.

Mit dem größeren Portfolio ist die RheinEnergie bundesweit aktiv. Welche Rolle spielt die Kommunalaufsicht?

Natürlich schaut die Kommunalaufsicht hin, und das ist auch richtig so. Wichtig ist, dass die Transaktion zum Geschäftszweck des Unternehmens passt. Und das ist der Fall. Energiedienstleistungen gehören zu dem, was ein Stadtwerk tun soll. Seit der Liberalisierung sind wir längst nicht mehr auf die eigene Region beschränkt. Wir betreiben schon heute deutschlandweit Anlagen – der Schwerpunkt liegt in der Region Köln, aber wir sind auch in Bayern, Baden-Württemberg, in Ost- und Norddeutschland und in Berlin präsent. Mit den EnBW-Anlagen erweitern wir unsere Präsenz vor allem entlang der Rheinschiene.

Die Ansprüche der Kunden

Welche Leistungen erwarten Contracting-Kunden heute von einem Anbieter?

Zuerst die Grunddisziplin: eine Top-Anlage, die den versprochenen Wirkungsgrad und die Effizienz auch in der Realität einhält – zuverlässig, über lange Zeit. Kunden wollen Versorgungssicherheit, ob für Produktionsprozesse in der Industrie oder für die Wärme im Wohnungsbestand. Dafür stehen wir als kommunaler Partner. Der zweite Punkt ist die energiewirtschaftliche Optimierung. Wenn mehrere Anlagen hinter dem Zähler stehen, müssen Verbrauch und Erzeugung optimal zusammenspielen, und die Anlagen müssen flexibel gefahren werden können. Flexibilität ist das große Thema der Energiewende.

Das Sicherheitsbedürfnis vieler Kunden ist gestiegen. Wie nehmen Sie das bei Ihren Industriekunden wahr?

Das hängt stark vom Sektor ab. Die Industrie steht insgesamt unter großem wirtschaftlichem Druck – es geht um Wettbewerbsfähigkeit und Kosteneffizienz, und damit untrennbar um Versorgungssicherheit. Hinzu kommt die Fähigkeit zur Dekarbonisierung: Anlagen sollten idealerweise schon dekarbonisiert oder dazu in der Lage sein. Einen Punkt weiteren halte ich für wichtig: Lock-in-Effekte vermeiden. Denn etwas zu haben, das nur unter heutigen Bedingungen funktioniert, macht keinen Sinn. Besser ist eine Lösung, die auch morgen noch trägt. Hier geht der Trend klar zu strombasierten Lösungen wie Wärmepumpen.

Für uns ist es gerade deshalb interessant, Bestandsanlagen zu übernehmen.

Spüren Sie, dass Unternehmen wegen der unsicheren wirtschaftlichen Lage mit Investitionen warten?

Ja, in der Tat halten sich viele Unternehmen mit Investitionen zurück. Manche Sektoren tun sich besonders schwer und stehen unter starkem Wettbewerbsdruck. Für sie ist die Transformation im Verhältnis zu den erzielbaren Margen teuer. Das betrifft Zukunftstechnologien ebenso wie die klassische Industrie, etwa Automotive; es kommt aber immer auf die Wettbewerbssituation an. Es gibt auch robuste Unternehmen mit solidem Geschäftsmodell, die investieren. Für uns ist es gerade deshalb interessant, Bestandsanlagen zu übernehmen und als Transformationspartner weiterzuentwickeln. Aber auch für Neuanlagen bleibt der Markt für uns attraktiv. Im Contracting können sich Unternehmen mit neuen Erzeugungsanlagen zukunftsfest aufstellen und gleichzeitig eigenes Kapital in ihr Kerngeschäft lenken.

Wie bewerten Sie das politische Umfeld für Contracting? Welche Rahmenbedingungen wären wichtig?

Das Wichtigste ist, dass Unternehmen wieder mehr in den privaten Kapitalstock investieren. Als Volkswirtschaft müssen wir wieder wachsen, und dafür braucht es die richtigen Rahmenbedingungen. Einen Teil davon hat die Bundesregierung vor der Sommerpause vorgelegt. Wir brauchen neue Wohnungen, es müssen wieder Gewerbeimmobilien entstehen, Unternehmen müssen in Erweiterung und Expansion investieren. Dafür braucht es Zuversicht – und dann werden Betriebe auch ihre Anlagen modernisieren wollen. Genau dabei können wir helfen.

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