Die Stadtentwässerung Stuttgart investiert in den nächsten Jahren rund eine Milliarde Euro. Das Bild zeigt die Kläranlagen des kommunalen Abwasserentsorgers.

Die Stadtentwässerung Stuttgart investiert in den nächsten Jahren rund eine Milliarde Euro. Das Bild zeigt die Kläranlagen des kommunalen Abwasserentsorgers.

Bild: © Stadtentwässerung Stuttgart/Fotografie Fuchs

Von Andreas Lorenz-Meyer

380 Beschäftigte und ein Umsatz, der 2023 und 2024 bei knapp 130 Millionen Euro lag. Damit wäre die Stadtentwässerung Stuttgart (SES) bis vor ein paar Monaten verpflichtet gewesen, künftig Nachhaltigkeitsberichte zu erstellen.

Der erste Entwurf der 2023 im Rahmen des European Green Deal in Kraft getretenen EU-Direktive CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) hatte drei Schwellenwerte vorgesehen: 250 Mitarbeiter, 25 Millionen Euro Bilanzsumme, 50 Millionen Euro Umsatz. Wer über zwei von den drei Werten lag, war berichtspflichtig – so auch der Stuttgarter Eigenbetrieb.

Mittlerweile ist der erste Entwurf aber Geschichte: In der Omnibus-Verordnung vom Februar 2025 wurden die Schwellenwerte angehoben. Künftig müssen nur noch Unternehmen berichten, die mehr als 1000 Mitarbeiter haben. Damit fällt die SES nicht mehr unter die Direktive.

Frank Endrich

Bild: © Stadtentwässerung Stuttgart

Frank Endrich, Kaufmännischer Leiter der Stadtentwässerung Stuttgart

Bild: Stadtentwässerung Stuttgart

Dennoch haben sich die Stuttgarter entschlossen, künftig zu berichten – freiwillig. Man befindet sich mitten im Aufbau eines zentralen Informations- und Steuerungssystems auf CSRD-Basis. Die Motivation erklärt der Kaufmännische Leiter Frank Endrich, der den Implementierungsprozess steuert.

Die Öffentlichkeit nehme Unternehmen immer stärker als "Gestalter einer nachhaltigen Entwicklung" wahr. Es gebe einen gesellschaftlichen Auftrag, sich in puncto Nachhaltigkeit weiterzuentwickeln. Die SES werde durch ihre Kernaufgaben per se schon vielen Anforderungen gerecht und fühle sich als Umweltdienstleister grundsätzlich verpflichtet, mit den endlichen Ressourcen des Planeten verantwortungsvoll umzugehen.

In vier Bereichen werden Ziele noch stärker verankert

Daher die CSRD-Implementierung, bei der Nachhaltigkeitsziele noch stärker in der Unternehmenssteuerung verankert werden. Konkret in den vier Bereichen Gebühren und Finanzen, Umwelt und Kunde, Mitarbeiter und Führung sowie Organisation und Prozesse.

Ganz bei Null musste Endrich nicht anfangen. Ursprünglich war bereits 2021 geplant, die betrieblichen Steuerungsinstrumente – darunter das Qualitäts- und Umweltmanagement, die Gemeinwohlbilanz und das Investitionscontrolling – an den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals, SDGs) auszurichten.

Als dann 2023 die CSRD kam, disponierte die SES um. Mit dem neuen Konzept sieht sich Endrich auf gutem Weg. Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse als zentrales Element der CSRD ist abgeschlossen. Doppelte Wesentlichkeit bedeutet, Unternehmen müssen erstens über die Auswirkungen des unternehmerischen Handelns auf Mensch und Umwelt berichten und zweitens auf mögliche finanzielle Chancen und Risiken der Nachhaltigkeit fürs eigene Geschäftsmodell eingehen.

Interdisziplinäres Projekt

Vertreter aller Fachbereiche, Finanzen, Personal, Technik Kanalnetz und Klärwerke, waren involviert. Solche Prozesse müssen interdisziplinär aufgezogen werden, so Endrich. Ein SES-Wesentlichskeitsaspekt ist die sichere und umweltgerechte Klärschlammverwertung. "Wir investieren in den nächsten Jahren über 200 Millionen Euro in die Erneuerung unserer Klärschlammverbrennungsanlage – und kommen so auch bei der gesetzlich verpflichtenden Rückgewinnung von Phosphor aus der Klärschlammasche und Rückführung in den Wirtschaftskreislauf weiter."

800 bis 900 Datenpunkte

Als nächste bekommt es Endrich mit den Datenpunkten zu tun, also allen Punkte, über die ein Unternehmen zu berichten hat. Das European Sustainability Reporting Standards (ESRS) als Regelwerk für die Erstellung des Berichts führt gut 1200 davon auf, darunter knapp 300 freiwillige.

Es geht also um 800 bis 900 verpflichtende Datenpunkte. Um die 50 Datenpunkte beziehen sich zum Beispiel auf die Nachhaltigkeitsgröße Wasser- und Meeresressourcen (ökologische Dimension), rund 200 auf die Belegschaft (soziale), rund 50 aufs Geschäftsverhalten (ökonomische).

"Wir prüfen, welche Datenpunkte bei uns bereits erhoben werden und welche noch fehlen." Zuerst kommen die für die SES wichtigsten steuerungsrelevanten Kennzahlen dran. Endrich will dabei möglichst nah am vorgegebenen Standard bleiben. Wenn alles klappt, ist die Implementierung 2026 abgeschlossen.

Praxisnahe Leitfäden als "motivierender Einstieg"

Viele Abwasserentsorger in Deutschland beschäftigt die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Bei der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) gibt es seit 2023 eine eigene Arbeitsgruppe dafür. Die von ihr verfassten Berichte sind bewusst vereinfacht und verständlich geschrieben und als "motivierender Einstieg" ins sonst doch sehr komplex dargestellte Thema CSRD gedacht, erklärt Endrich.

Die Nachhaltigkeitsberichterstattung solle nicht als Last, sondern als Chance verstanden werden. Die Arbeitsgruppe berichtet auch regelmäßig über den aktuellen gesetzlichen Umsetzungsstand.

Parallel ist eine verbändeübergreifende Arbeitsgruppe von DWA, Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) und Verband kommunaler Unternehmen (VKU) gegründet worden, die einen Branchenleitfaden Nachhaltigkeitsberichterstattung erstellt hat. Ein laut Endrich sehr gutes Nachschlagewerk mit einem praktischen Excel-Tool zur doppelten Wesentlichkeitsanalyse.

Risiken früher erkennen

Doch lohnt sich der Aufwand, den die CSRD mit sich bringt, unternehmerisch? "Wir investieren in den nächsten zehn Jahren rund eine Milliarde Euro in Anlagen und brauchen dafür auch Fremdkapital", antwortet der Kaufmännische Leiter. "Die Banken als Kreditgeber achten heute schon und zukünftig noch stärker auf Nachhaltigkeit und werden ihre Konditionen danach ausrichten."

Die freiwillige Berichterstattung erleichtere den Zugang zu den notwendigen Finanzierungs- und Fördermitteln – und trage damit auch zur langfristigen finanziellen Stabilität des Unternehmens bei.

Zudem führen Ressourcenschonung und Effizienzmaßnahmen langfristig zu Kosteneinsparungen. Eine klare Nachhaltigkeitsstrategie schaffe Orientierung und helfe Unternehmen, langfristig zu planen und sich schneller auf verändernde Rahmenbedingungen einzustellen.

Dadurch würden "zielgerichtete Innovationen" unterstützt. Hinzu komme, dass die der CSRD zugrunde liegende doppelte Wesentlichkeitsanalyse mögliche rechtliche, finanzielle und operative Risiken in den Blick nimmt – dadurch können diese früher erkannt und eher abgewendet werden.

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