Von Elwine Happ-Frank
Die deutschen Wasserversorger stehen vor erheblichen Investitionen. Ein wachsender Teil dieser Ausgaben wird durch den Klimawandel bedingt – doch bislang fehlten belastbare Zahlen zum tatsächlichen Umfang.
Eine aktuelle Pilotstudie von DVGW und BDEW liefert nun erste konkrete Anhaltspunkte: Der klimainduzierte Anteil an den Gesamtinvestitionen wird in den kommenden zehn Jahren zwischen 7 und 30 Prozent liegen.
Für die von Fichtner Management Consulting durchgeführte Untersuchung wurden vier exemplarische Wasserversorger analysiert, die das breite Spektrum der deutschen Wasserversorgungslandschaft abbilden: ein großer städtischer Versorger, ein Fernwasserversorger, ein Stadtwerk im großstädtischen Raum sowie ein Stadtwerk im ländlichen Raum. Alle befragten Unternehmen bestätigten, dass klimainduzierte Investitionen in den kommenden Jahren zunehmend in den Fokus rücken werden.
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Steigerung gegenüber den vergangenen zehn Jahren. Während die klimabedingten Investitionsanteile bisher teilweise nur im einstelligen Prozentbereich lagen, prognostizieren die Unternehmen für die Zukunft einen signifikanten Anstieg.
Spitzenlasten zählen zu den Haupttreibern
Als wesentlicher Investitionstreiber wurden die zunehmend schwankenden Lastanforderungen identifiziert. Durch längere und intensivere Trockenperioden steigen die Spitzenlasten erheblich an, was zusätzliche Kapazitäten in Anlagen und Netzen erforderlich macht.
Gleichzeitig verkürzen sich die Zeitfenster für Wartung und Revision, da die Versorgung über längere Perioden ohne Unterbrechung sichergestellt werden muss. Dies macht die Schaffung von Redundanzen unumgänglich.
Ein weiterer bedeutender Kostenfaktor ist der erhöhte Aufwand in der bautechnischen Umsetzung. Um den steigenden Temperaturen zu begegnen und die Wassertemperatur konstant niedrig zu halten, werden tiefere Einbautiefen für Leitungen und eine stärkere Isolierung von Wasserbehältern notwendig. Was früher Kälteschutz war, muss heute als Hitzeschutz konzipiert werden – ein grundlegender Paradigmenwechsel in der Planung und Ausführung.
Hochwasserschutz und regulatorische Anforderungen
Neben den Herausforderungen durch Trockenheit stellen auch zunehmende Extremwetterereignisse wie Starkregen und Hochwasser die Wasserversorger vor neue Aufgaben. Erweiterte Schutzmaßnahmen für Anlagen und Netze sind erforderlich, um die Trinkwasserqualität auch bei extremen Wetterereignissen zu gewährleisten. Zusätzliche Aufbereitungsanlagen wie UV-Desinfektionssysteme werden notwendig, um auf klimawandelbedingt häufigere Rohwasserverunreinigungen reagieren zu können.
Hinzu kommen gestiegene regulatorische Anforderungen: Erweiterte Umweltverträglichkeitsprüfungen, die EU-Taxonomie und andere klimaschutzbezogene Vorgaben führen zu höherem Planungsaufwand und aufwendigeren Genehmigungsverfahren. Die durchschnittliche Umsetzungsdauer von Investitionsmaßnahmen verlängert sich dadurch erheblich – beim befragten Fernwasserversorger beispielsweise auf durchschnittlich acht Jahre.
Die Wasserversorger investieren zudem verstärkt in Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz und Emissionsminderung. PV-Anlagen zur Eigenbedarfsdeckung, Abwärmenutzung und andere klimafreundliche Technologien werden zunehmend implementiert. Auch Innovationen wie Smart Meter und intelligente Tarifsysteme sollen helfen, den Wasserverbrauch besser zu steuern und Spitzenlasten zu reduzieren.
Große regionale und strukturelle Unterschiede
Die Studie zeigt eine erhebliche Varianz der Ergebnisse zwischen den untersuchten Unternehmen. Diese ist vor allem auf regionale und strukturelle Unterschiede zurückzuführen. Während etwa der große städtische Versorger mit sieben Prozent den niedrigsten Klimakostenanteil aufweist und stark auf Kooperation mit Fernwasserversorgern setzt, erreicht das Stadtwerk im großstädtischen Raum mit prognostizierten 29 Prozent den höchsten Wert. Hier werden die Vorsorgemaßnahmen überwiegend im eigenen Verantwortungsbereich umgesetzt, was sich entsprechend in den Klimainvestitionen niederschlägt.
Der Fernwasserversorger plant eine besonders hohe Einzelinvestition in den Neubau eines zusätzlichen Wasserwerks zur Bewältigung von Spitzenlastphasen. Bereinigt um diesen singulären Effekt liegt der mittelfristige Klimakostenanteil bei etwa zwölf Prozent. Das Stadtwerk im ländlichen Raum hatte sich bisher nicht explizit mit der Abgrenzung klimainduzierter Investitionen befasst und erwartet für die Zukunft einen Anteil von rund sieben Prozent.
Finanzierung als zentrale Herausforderung
Alle befragten Unternehmen wiesen auf die schwierige Finanzierungslage hin. Der erschwerte Zugang zu attraktiven Finanzierungsmöglichkeiten sowie langwierige und kostenintensive Genehmigungsprozesse beeinträchtigen die Umsetzung notwendiger Maßnahmen erheblich.
"Die Pilotstudie macht deutlich, dass der Klimawandel längst konkrete finanzielle Auswirkungen auf die Wasserversorgung hat", betont Martin Weyand, BDEW-Hauptgeschäftsführer Wasser/Abwasser. "Deshalb muss die Wasserwirtschaft von den Infrastrukturfördermitteln des Bundes profitieren."
Wolf Merkel, Vorstand Wasser des DVGW, unterstreicht: "Klar ist, dass sie die enormen zusätzlichen Investitionen in Zukunft nicht allein aufbringen können. Politik und Verwaltung sind aufgefordert, den staatlichen Förderrahmen mit treffsicheren Finanzierungsinstrumenten für die klimawandelbedingten Investitionen neu zu bemessen."
Die Ergebnisse der Pilotstudie zeigen eindringlich: Der Klimawandel ist für die Wasserversorgung keine abstrakte Zukunftsfrage mehr, sondern bereits heute ein konkreter Kostenfaktor, der die Investitionsplanung der kommenden Jahre maßgeblich prägen wird.
Hier der Link zur Studie.
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