Über München ziehen dieser Tage kräftige Regenschauer, mancherorts entladen sich heftige Gewitter. Wer die durchnässten Straßen sieht, könnte meinen, die Ausnahmesituation der bayerischen Landeshauptstadt sei damit beendet.
Doch der Eindruck täuscht. Für die angespannte Trinkwasserversorgung bringt der Regen kaum Entlastung. "Für die Grundwasserneubildung sind die Niederschläge der vergangenen Tage nahezu unerheblich", sagte ein Sprecher der Stadtwerke München (SWM). Die entscheidende Größe, aus der sich Münchens Trinkwasser speist, bleibt vom sommerlichen Starkregen weitgehend unberührt: "Die Grundwassersituation ist unverändert", so der Sprecher.
Klimawandel erreicht Voralpenland
Unverändert schlecht, ist gemeint. Lange galt München wegen seiner Lage im Voralpenland beim Thema Wasserverfügbarkeit als privilegiert. Doch dieser Standortvorteil erodiert. "Der Klimawandel mit seinen längeren Hitze- und Dürreperioden beeinflusst auch die Grundwasserneubildung im Voralpenland", sagte der SWM-Sprecher.
Er verwies auf eine Serie trockener Jahre: "Von 2018 bis 2023 hatten wir ausgesprochen trockene Jahre, sprich: geringere Niederschläge und somit auch eine geringere Grundwasserneubildung." Ein kurzes Aufatmen brachte lediglich das Folgejahr – 2024 sei überdurchschnittlich niederschlagsreich gewesen.
Doch die Erholung hielt nicht an: In den vergangenen zwölf Monaten war es wieder zu trocken – "und wir hatten etwa 25 Prozent weniger Niederschlag als im langjährigen Mittel", so der Sprecher. Sein Fazit fällt deutlich aus: "Das ist ein klimatisches Bild, wie wir es in der Vergangenheit so nicht gesehen haben." Das zwingt nun auch die Münchner zu "Notmaßnahmen", wie es in einer Mitteilung der bayerischen Landeshauptstadt heißt.
22. Juni: Der erste Appell
Den Anfang der Münchner Wassersparkampagne markierte eine Pressemitteilung der SWM vom 22. Juni. Anlass war die Hitzewelle in der zweiten Juni-Hälfte mit Temperaturen um die 30 Grad. Der Versorger ermahnte zu einem bewussten Umgang mit der Ressource.
Konkret nannten die Stadtwerke die typischen Sommerverbraucher. So sollte insbesondere auf das extensive Bewässern von Gärten und Rasenflächen verzichtet werden. Pools und Planschbecken sollten vorerst nicht mehr befüllt werden. Ebenso sollte das Autowaschen ausgesetzt werden.
Schon damals ordneten die SWM die Lage ein: "Auch wenn Münchens Trinkwasserversorgung stabil ausgelegt ist, belasten die andauernde Hitzewelle und ausbleibende Niederschläge die verfügbaren Wassergewinnungsressourcen."
29. Juni: Nachdrücklicher Aufruf und alarmierende Zahlen
Eine Woche später mussten die Stadtwerke einräumen, dass die Hinweise verpufft waren. "Leider hat das nicht die gewünschte Wirkung gezeigt", heißt es in einer Pressemitteilung vom 29. Juni. Der Verbrauch im Münchner Trinkwassernetz blieb "nach wie vor deutlich zu hoch".
Die Zahlen belegen das Ausmaß: Statt der üblichen 300 bis 350 Millionen Liter hatte sich der Wasserbedarf Münchens zeitweise auf über 400 Millionen Liter pro Tag erhöht – ein Anstieg von rund einem Fünftel gegenüber dem oberen Normalwert. Entsprechend verschärften die SWM ihren Ton und riefen "noch einmal nachdrücklich dazu auf, Trinkwasser bis auf Weiteres nur noch für Trinken, Kochen, Hygiene und medizinische Zwecke zu nutzen".
Dabei machen die Stadtwerke München ähnliche Erfahrungen, wie die kürzlich der noch härter von Wasserknappheit betroffene Wasserbeschaffungsverband "Am Wiehen" in Ostwestfalen-Lippe, der nach ungehört verhallten Sparappellen noch drastischere Maßnahmen als die Münchner ergreifen musste.
Denn es geht nicht nur um die aktuelle Situation, sondern auch um die Zukunft. Die SWM warnten bei zu hohem Verbrauch vor dauerhaften Schäden – es gehe darum, dass "die Trinkwasserressourcen nicht nachhaltig geschädigt werden".
Appell von Münchens OB
Nun hat sich auch die bayerische Landeshauptstadt eingeschaltet. Oberbürgermeister Dominik Krause (Bündnis 90/Die Grünen) berief eine Taskforce ein, die Maßnahmen zum Wassersparen koordiniert und im Bedarfsfall mit der Regierung von Oberbayern, den betroffenen Umlandkommunen und Landkreisen abstimmt.
Krause ließ keinen Zweifel an der Dringlichkeit: "Wir haben eine seit den frühen 1970er Jahren nicht dagewesene Ausnahmesituation. Der durch die lang anhaltende Hitze deutlich gestiegene Wasserbedarf bringt das Versorgungssystem der Stadtwerke München an seine Grenzen."
Zugleich beruhigte er: "Niemand muss sich Sorgen machen: Die Trinkwasserversorgung in München ist aktuell gesichert." Doch er verband dies mit einer klaren Warnung: "Sollte der Wasserverbrauch nicht sinken, werden wir weitergehende Maßnahmen ergreifen müssen."
Die Stadt will mit gutem Beispiel vorangehen und hat in ihrem eigenen Wirkungskreis bereits ein ganzes Bündel an Sparmaßnahmen identifiziert.
Die Maßnahmen
• Zierbrunnen: Zehn der 150 städtischen Zierbrunnen, die zu den Spitzenverbrauchern zählen, werden innerhalb von ein bis zwei Werktagen abgeschaltet – das spart allein 43 Prozent des gesamten Brunnen-Wasserverbrauchs. Bei 56 weiteren Brunnen mit Zeitschaltuhr wird die Betriebszeit von 14 auf 10 Stunden täglich (neue Laufzeit: 10 bis 20 Uhr) verkürzt. So bleiben sie zur Abkühlung der Menschen während der heißesten Tageszeit in Betrieb, während der Verbrauch um weitere rund 30 Prozent sinkt.
• Grünanlagen und Sport: Die Bewässerung städtischer Grün- und Außenanlagen wird reduziert oder eingestellt, ebenso der Wasserverbrauch bei der Bewässerung städtischer Sportflächen.
• Schwimmbäder: Der Wasserverbrauch der Schulschwimmbäder wird auf ein Minimum reduziert.
• Gebäude und Fuhrpark: Die Fensterreinigung in städtischen Gebäuden wird ausgesetzt, das Waschen des städtischen Fuhrparks – einschließlich der Einsatzdienstfahrzeuge der Feuerwehr – temporär verschoben.
• Feuerwehr: Wasserintensive Übungen der Berufsfeuerwehr und der Freiwilligen Feuerwehr werden auf das notwendige Minimum reduziert.
Die traditionelle Annahme dauerhaft üppiger Wasserverfügbarkeit hat selbst im vermeintlich begünstigten Voralpenland ihre Gültigkeit verloren.