Die Leitungstrasse befindet sich aktuell im Bau. Ab 2030 soll über diese die Befüllung des Tagebaus Hambach beginnen. Bis der neu entstehende Hambacher See komplett befüllt ist werden vier Jahrzehnte vergehen.

Die Leitungstrasse befindet sich aktuell im Bau. Ab 2030 soll über diese die Befüllung des Tagebaus Hambach beginnen. Bis der neu entstehende Hambacher See komplett befüllt ist werden vier Jahrzehnte vergehen.

Bild: © RWE

Anfang 2025 nahm RWE Power den 300-Megawatt-Block F des Kraftwerks Weisweiler vom Netz – damit sind noch sieben von ehemals 20 Blöcken in Betrieb. In den Tagebauen graben die riesigen Schaufelradbagger zwar noch, die Zukunft ist aber schon sichtbar. Erste abgeflachte und begrünte Uferböschungen sind angelegt, genauso Kies-Elemente, die den künftigen Wellenschlagbereich stabilisieren.

Strukturwandel Die Braunkohleepoche im Rheinischen Revier geht 2030 zu Ende.
Die Vorbereitungen für die Rekultivierung sind im vollen Gang. In den nächsten Jahrzehnten entstehen in den Tagebauen riesige Seenlandschaften – eine enorme Herausforderung für die Wasserwirtschaft.

Das Rheinische Revier soll zur Seenlandschaft werden – mitsamt Badestränden, Uferradwegen und Seequartieren. Wasserwirtschaftliche Rekultivierung nennt sich der Prozess, bei dem sich die drei Tagebaugruben Hambach, Garzweiler II und Inden langsam mit Flusswasser füllen. Hambach und Garzweiler mit Rheinwasser, das über eine 45 Kilometer lange Leitungstrasse herantransportiert wird. Und Inden mit dem Wasser der Kleinen Rur, die am Tagebau vorbeifließt. Die Befüllung von Hambach und Inden startet 2030, 2036 geht es in Garzweiler los.

In vier Jahren soll Rheinwasser nach Hambach fließen

Der Mann, der das Projekt technisch begleitet, ist Hendrik Stemann. Er stammt aus Norddeutschland und hat in Aachen Bauingenieurwesen studiert. So kam er früh mit der Braunkohle in Sichtkontakt. Bei RWE verantwortete er zum Beispiel die Verlegung der A4 zwischen Kerpen und Düren für die Tagebaue und die Trasse der parallel laufenden Werkseisenbahn. »Ich war immer in Positionen, die mit der Braunkohle zu tun hatten.« Nun auch wieder: Stemann arbeitet im Team, das die Rheinwassertransportleitung baut.

Deren Startpunkt ist das Entnahmebauwerk am Rhein bei Dormagen-Rheinfeld. Über ein Pumpbauwerk hinter dem Deich führt eine Bündelungstrasse gut 22 Kilometer bis zum Verteilbauwerk Greven-
broich-Allrath, wo sie sich in zwei Stränge teilt: den nach Hambach und den nach Garzweiler. Mitte Mai ging es am Leitungsstrang zum Tagebau Hambach los mit dem Verschweißen und Verlegen von Rohrstücken, auch das Pumpbauwerk wird bereits gebaut. Stemann, der ab Herbst die Gesamtprojektleitung übernimmt, spürt den Zeitdruck. »Schon in vier Jahren soll Rheinwasser nach Hambach fließen. Durch den vorgezogenen Kohleausstieg von 2038 auf 2030 ist alles sehr eng getaktet.«

So sieht das Konzept für die Wasserentnahme aus

Ende Januar dieses Jahres wurde nicht nur der Bau der Leitung genehmigt, sondern auch das Konzept für die Wasserentnahme. Aus dem Rhein werden jährlich rund 340 Millionen Kubikmeter Wasser abgezweigt – bei normaler Wasserführung maximal 18 Kubikmeter pro Sekunde, bei Niedrigwasser maximal 1,8 Kubikmeter. Die Pegelabsenkung bei Niedrigwasser ist so auf 0,4 Zentimeter begrenzt. Die Zahlen basieren auf einem numerischen Grundwassermodell, das Strömungsräume räumlich vereinfacht abbildet. Beim jetzigen Projekt berechnete das Modell die physikalischen Strömungs- und Transportprozesse, die durch Wasserentnahme und Tagebaubefüllung verursacht werden.

»Die wasserwirtschaftlichen Daten der Vergangenheit dienten uns dabei als Eichgröße«, erklärt Stemann. »So bekamen wir verlässliche Prognosen.« Und die Bedenken von Naturschützern? Die kritisierten die »ungünstige Wahl« des Entnahmestandorts, der direkt in der Abwasserfahne des Chemieparks Dormagen liege. RWE habe die Stofffrachten am Rhein an mehreren Messstellen ausgewertet, auch unmittelbar am Entnahmestandort, so Stemann. Gutachten hätten bestätigt, dass die Qualität des entnommenen Wassers für die Entwicklung ökologisch intakter Seen geeignet ist.

Zwar soll der Baustellenbetrieb nachts und an den Wochenenden ruhen und zudem werden Ortsdurchfahrten so weit es geht vermieden und einige Röhrenabschnitte unterirdisch vorangetrieben. Dennoch gibt es in den Ortschaften entlang der Trasse viel Lärm und Verkehr. Deswegen spricht Stemann auch mit den Bürgern vor Ort. Es geht um handfeste Anliegen: Wo können wir mit dem E-Bike noch langfahren? Wie nah ist die Leitung von meinem Haus entfernt? Wie können Wildtiere die Baustelle queren? »Die Menschen in der Region kennen große Baustellen und bringen ohne Scheu die kleinen Probleme zu Gehör, die sie unmittelbar betreffen.«

Der künftige Garzweiler See soll nach 30, der Indesee nach 25 Jahren voll sein. Der Hambacher See, der mit Abstand größte, wird sogar 40 Jahre brauchen. Der Grundwasserspiegel muss sich danach noch stabilisieren, also von der tagebaubedingten Entwässerung erholen.

Momentan ist es so, dass Hunderte Brunnen Tag und Nacht Grundwasser abpumpen, um die Gruben trocken zu halten. Im Zuge der Befüllung werden sie nach und nach abgestellt. Der Seewasserspiegel liegt währendessen immer höher als der umgebende Grundwasserspiegel – so stützt der Wasserdruck die Böschungen und verhindert Erosionen. Das Wasser aus dem See dringt kontrolliert ins Erdreich und lässt das Grundwasser allmählich steigen – bis wieder ein natürlicher, sich selbst regulierender Wasserhaushalt hergestellt ist. Zum Ende des Jahrhunderts soll es soweit sein.

Warum die Rheinwasserzuführung die beste Option ist, erklärt Stemann so: »Allein mit dem Grundwasserzustrom würde die Befüllung mehrere Hundert Jahre dauern.« Das wäre nicht im Interesse eines erfolgreichen und zügigen Strukturwandels. Zwei Dinge geben ihm Zuversicht, dass alles klappt. Erstens seien die geologischen Bedingungen im Rheinischen Revier ideal. »Mit den hier abgelagerten Erdschichten Löss, Kies, Sand und Ton lassen sich stabile Seemulden sowie standsichere Böschungen und Uferbereiche anlegen. Die Lausitz hingegen sei von lockeren Sandböden geprägt. Dort habe der Boden bei der Rekultivierung verdichtet werden müssen. Zweitens sei RWE ein erfahrener Rekultivierer ehemaliger Tagebauflächen.

Das Projekt ist zwar ein paar Nummern größer als die bisherigen, allein der Bau der Transportleitung kostet einen hohen dreistelligen Millionenbetrag, aber es lohnt sich, findet Stemann. »Die Region bekommt drei in Europa seltene, große Klarwasserseen, die Teil einer attraktiven Landschaft sind.« Die Veränderungen werden bereits während der Befüllphase erlebbar sein, da die Seespiegel wegen der Trichterform der Mulden anfangs schnell ansteigen. Der Hambacher See wird schon nach zehn Jahren so groß wie der Tegernsee sein.

Die drei künftigen Seen in Zahlen

Hambacher See: Volumen 4,3 Milliarden Kubikmeter, 345 Meter Tiefe, 35,5 km² Fläche. Vom Volumen der zweitgrößte See Deutschlands nach dem Bodensee.

Garzweiler See: Volumen 1,5 Milliarden Kubikmeter, 170 Meter Tiefe, 22 km² Fläche. Volumen zwischen Ammersee und Walchensee.

Indesee: Volumen 750 Mio. m³, 120 Meter Tiefe, 13 km² Fläche. Volumen knapp mehr als die Müritz.









Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper