Blick auf die Gasbohranlage im August 2025 unweit des Ammersees

Blick auf die Gasbohranlage im August 2025 unweit des Ammersees

Bild: © Peter Kneffel/dpa

Im Streit um die Wasserversorgung contra Gasbohrungen in der Gemeinde Reichling unweit des Ammersees erhöhen die Kommunen den Druck auf Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler): Wegen der ungeklärten Fragen fordern Kommunalpolitiker aus dem Landkreis Landsberg am Lech eine Aussetzung der Gassuche.

Hintergrund ist die angespannte Versorgungslage in Reichling: Die Gemeinde wird derzeit über zwei Wassergewinnungsanlagen versorgt, ein Brunnen allein reicht jedoch nicht aus, um beide Ortsteile dauerhaft zu versorgen. Seit Längerem laufen deshalb Bohrungen nach einem weiteren Brunnen – laut Landratsamt bislang allesamt vergeblich. Erschwert wird die Suche ausgerechnet durch das Vorhaben, das den Ort seit Jahren in Atem hält: die Suche nach Erdgas auf dem Gemeindegebiet.

"Die Versorgung der Bevölkerung im Landkreis mit Trinkwasser ist zentraler Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge und muss Vorrang vor der Suche nach neuen Gasquellen haben", heißt es in einem Brief von Landrätin Daniela Groß (Grüne) an den Chef der Freien Wähler, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Unterzeichnet haben neben der Landrätin auch die Bürgermeister aus Reichling, Utting, Dießen, Vilgertshofen, Rott und Pürgen sowie Vertreter der betroffenen Wasserversorger.

Trinkwasserbrunnen vor Gasbohrloch

Die Unterzeichner formulieren eine konkrete Forderung: Die Genehmigung für die Gassuche im Gebiet "Lech Ost" solle erst verlängert werden, wenn die Suche nach einem neuen Brunnenstandort für Reichling und die Bestimmung der tatsächlichen Trinkwassereinzugsgebiete in den betroffenen Gemeinden und Zweckverbänden abgeschlossen sind.

Solange die Einzugsgebiete nicht festgelegt seien und die Brunnensuche laufe, "wäre es kontraproduktiv, in genau diesem Gebiet eine Aufsuchungserlaubnis für solche Bohrungen zu verlängern", heißt es in dem Schreiben.

Sorge um Verunreinigungen

Die Kommunalpolitiker verweisen zudem auf die Gefahr einer generellen Verunreinigung des Trinkwassers. Nach Ankündigungen der beteiligten Firmen sei im Aufsuchungsgebiet "Lech Ost" mit bis zu zehn Gasbohrungen zu rechnen. Diese drohten die Standortsuche für Trinkwasserbrunnen zusätzlich zu erschweren, weil grundwasserschützende Schichten geschwächt würden: "Schadstoffeinträge in das Grundwasser sind leichter möglich."

Angesichts der überragenden Bedeutung der Trinkwasserversorgung müsse das "privatnützige Interesse am Erkunden von Gasvorkommen zurückstehen". Der Brief verweist auch auf die jüngste Hitzewelle und rückläufige Niederschläge – der Wasserbedarf von Haushalten, Gewerbe und insbesondere Landwirtschaft werde steigen.

Bergamt beruhigt

Argumente liefert auch die Aufarbeitung von Messwerten aus dem Umfeld der Bohrstelle. Im August 2025 hatte das Wasserwirtschaftsamt Weilheim einen signifikanten Anstieg der Parameter Zink, Barium und BTEX festgestellt – teils mit deutlicher Überschreitung der Geringfügigkeitsschwellenwerte (GFS). BTEX steht für die leichtflüchtigen aromatischen Kohlenwasserstoffe Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylole; Benzol ist als krebserzeugend eingestuft.

Das Bergamt Südbayern sieht dennoch keinen Grund zur Sorge: Aus keinem der bisherigen Untersuchungsergebnisse ergäben sich Anhaltspunkte für Gefahren für Mensch oder Umwelt, ein Widerruf bestehender Genehmigungen sei daher nicht angezeigt gewesen, teilte die Aufsichtsbehörde auf dpa-Anfrage mit.

Die Behörden gehen inzwischen davon aus, dass die Stoffe "mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf einen aktuellen Eintrag" zurückgehen, sondern aus einem "Schadstoffinventar" der Altbohrung von 1983 an identischer Stelle stammen. Die Messwerte an der Reichlinger Quelle Erbistal und den relevanten Messstellen hätten "ausnahmslos weit unter jedem relevanten Grenzwert" gelegen.

Landrätin Groß hält dagegen, dass der BTEX-Eintrag "noch nicht abschließend aufgeklärt" sei. Der Landtag lehnte derweil mit den Stimmen von CSU, Freien Wählern und AfD eine Petition von Umweltverbänden für einen generellen Bohrstopp ab – trotz mehr als 57.000 Unterschriften.

Grundwasser fließt viel schneller als angenommen

Für die Wasserwirtschaft brisant ist eine weitere Erkenntnis des Bergamts Südbayern: Das Grundwasser im Umfeld der Bohrung bewegt sich deutlich schneller als ursprünglich kalkuliert. Die Behörde geht inzwischen von einer Fließgeschwindigkeit von zehn Metern pro Tag aus – das Trinkwasser-Notfallkonzept hatte nur einen Meter pro Tag angenommen. Da die Quelle rund 720 Meter vom Bohrloch entfernt liegt, könnten Schadstoffe sie statt in knapp zwei Jahren bereits nach 72 Tagen erreichen. Der Zeitkorridor für Gegenmaßnahmen schrumpft damit erheblich.

Das Notfallkonzept setzt im Ernstfall auf eine Versorgung per Tankwagen: Der mittlere Tagesbedarf wäre mit zehn Pendelfahrten eines einzigen Fahrzeugs zu decken, für Spitzenverbräuche bräuchte es ein zweites.

Die Lösung ist umstritten – etwa weil sich Milchtankwagen aus hygienischen Gründen nicht einfach umwidmen lassen. Das Gesundheitsamt Landsberg präferiert für eine längerfristige Versorgung daher eine leitungsgebundene Lösung.

Die Erdgassuche in Reichling hat eine lange Vorgeschichte: Bereits vor Jahrzehnten gab es in dem Gebiet entsprechende Projekte, die jedoch mangels Rentabilität eingestellt wurden. Erst die massiv gestiegenen Gaspreise brachten das Vorhaben zurück. Hinter den aktuellen Förderplänen steht die Energieprojekt Lech Kinsau 1, eine Tochtergesellschaft der Düsseldorfer MRH Mineralöl-Rohstoff-Handels.

Nach Abschluss der von Protesten begleiteten Probebohrung im September 2025 laufen derzeit Untersuchungen zur Wirtschaftlichkeit. Das Unternehmen plant bislang eine Förderung über zehn bis 15 Jahre; vermutet werden in rund 3300 Metern Tiefe 400 bis 500 Millionen Kubikmeter Gas.

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