Um die Wasser- und Abwassernetze für die Zukunft zu erhalten, müssen die Betreiber viel Geld in die Hand nehmen.

Um die Wasser- und Abwassernetze für die Zukunft zu erhalten, müssen die Betreiber viel Geld in die Hand nehmen.

Bild: © Tilo Schüssler/Pixelio

800 Milliarden Euro muss die deutsche Wasserwirtschaft bis 2045 investieren – etwa 40 Milliarden Euro im Jahr. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie im Auftrag des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) von 2025. Woher dieses Geld kommen soll, diskutierten Vertreter:innen von Bund, Ländern, Versorgungsunternehmen und Förderbank beim 4. Wasserkongress Berlin-Brandenburg-Sachsen in Dresden. Weitere Themen waren die mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit für die Probleme der Wasserwirtschaft und wie überregionale und länderübergreifende Kooperationen funktionieren können.

Wie Investitionen gestemmt werden könnten 

Der Tenor in der Diskussion war eindeutig: Das Wasserentgelt allein reicht nicht aus, um den Investitionsbedarf zu decken. Thomas Abel, Geschäftsführer der VKU-Abteilung Wasserwirtschaft, erklärte: "Wir werden nicht in jeder Region in Deutschland alle nötigen Ausgaben über die Entgelte abbilden können." Vor allem in dünn besiedelten oder strukturschwachen Regionen werde es ohne gezielte Förderung nicht gehen. 

Mehr dazu lesen Sie hier: VKU schlägt Alarm: Ohne staatliche Hilfe droht Kostenlawine für Wasserverbraucher

Jan Wollenberg, Kaufmännischer Geschäftsführer der Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz, forderte mehr unternehmerischen Spielraum: "Wasserversorger brauchen mehr Eigenständigkeit – auch bei der Preisgestaltung." 

Aus dem Publikum warnte eine Berlinerin: Erhöhte Entgelte müssten auch zu Investitionen führen. Die Geschichte der Berliner Wasserbetriebe nach der Teilprivatisierung 1999 habe gezeigt, wie steigende Gebühren ohne ausreichende gesetzliche Kontrolle zu Ausschüttungen statt Investitionen führen könnten. 

Robert Schurzig von der Sächsischen Aufbaubank sieht einen Paradigmenwechsel bei den Fördermitteln. Er sagte: "Man wird weniger auf Zuschüsse bauen können. Es gibt nicht die eine Lösung. Wir brauchen verschiedene Ansätze." Die sächsische Förderbank arbeite an neuen Instrumenten: etwa längere Kreditlaufzeiten von über 20 Jahren, günstige Konditionen und vor allem eigenkapitalstärkende Kredite. Diese sollen Kommunen an ihre Stadtwerke vergeben, um deren Investitionsfähigkeit zu erhöhen.  

Auch dem Bund ist das Finanzierungsproblem bekannt.: Britta Ammermüller, Referatsleiterin Nationale Wasserstrategie und Wasserwirtschaft beim Bundesumweltministerium, sagte, dass der Bund derzeit ein bundeseinheitliches Wasserentnahmeentgelt prüfe, das zweckgebundene Mittel für die Wasserwirtschaft generieren soll. 

Mehr dazu lesen Sie hier: Streit um Vereinheitlichung des Wassercents

Zu wenig Aufmerksamkeit für Wasserwirtschaft 

Hinter der Finanzierungsfrage steckt auch ein grundlegenderes Problem: "Die Infrastrukturen, die wir erhalten müssen, sind im täglichen Leben recht unsichtbar", sagte Ammermüller. "Sie liegen gut geschützt unter der Straße und funktionieren reibungslos – das erzeugt ein Aufmerksamkeitsproblem." 

Abel erklärte, dass die VKU-Studie zufällig im Wahlkampf der vorgezogenen Bundestagswahl im vergangenen Jahr erschien. Nach der Wahl beschloss der Bundestag das Sondervermögen Infrastruktur. Doch laut Abel wollte sein Verband nicht allein Gelder aus dem Sondertopf – sondern eine politische Debatte: "Wir brauchen Aufmerksamkeit, weil wir politische Akzeptanz brauchen, vor allen Dingen vor Ort."

Doch es habe nicht ausgereicht für eine andauernde öffentliche Diskussion. Ein TV-Journalist habe Abel nach einem einstündigen Gespräch gefragt: "Wo ist denn die gesperrte Autobahnbrücke?" Die Wasserwirtschaft biete keinen dramatischen Aufhänger. Die eigentliche Botschaft, dass man jetzt handeln müsse, damit in 20 Jahren das Netz nicht kollabiert, sei schwer zu vermitteln: "Wir stellen jetzt die Weichen, damit wir nicht zu einem Gesprächsthema werden, wie es die Deutsche Bahn heute ist", sagte Abel. "Wasserwirtschaft ist ein Infrastrukturthema und nicht nur ein Umweltthema." 

Keine Steuerung, aber Unterstützung von oben 

Für die Zuhörer:innen stellt sich die dringliche Frage nach Koordination und überregionaler Zusammenarbeit. Eine Vertreterin eines regionalen Versorgers aus Nord-Brandenburg forderte eine landesweite Entwicklungsagentur für Wasser und Finanzierung. Die kommunalen Unternehmen müssten mehr bei der Koordination unterstützt werden.  

Abel verteidigte das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung: "Ich bin immer noch ein Fan davon, dass man das in der Kommune entscheidet." Andererseits unterstütze er es, wenn Kommunen mehr kooperieren wollten, um voneinander zu lernen. Wollenberg unterstrich, dass Versorgungsaufträge schon längst über Ländergrenzen hinausgehen: "Es ist uns völlig egal, welches Bundesland wir versorgen." 

Mehr dazu lesen Sie hier: Wasserbeschaffungsverband gibt Update

Anke Herrmann, Abteilungsleiterin im brandenburgischen Umweltministerium, beschrieb die Rolle ihres Hauses: "Wir sehen uns in Teilen in der zweiten Reihe, weil Wasserversorgung kommunale Selbstverwaltungsaufgabe ist." Das Kommunalabgabengesetz liege beim Innenministerium, die Wasserbehörde beim Umweltressort. Das erschwere klare Zuständigkeiten und schnelle Entscheidungen. 

Dennoch betonte Herrmann, dass ihr Ministerium mit Fördermitteln Kooperation unterstützen möchte: "Regionale und länderübergreifende Verbünde werden immer wichtiger. Es gibt Bereiche, die sich nicht mehr selbst versorgen können." 

Ammermüller verwies auf die Nationale Wasserstrategie als politischen Rahmen und kündigte Pilotprojekte an. Diese sollen neue Strukturmodelle erproben.  

Die Wasserstrategie wurde im März 2023 vom Bundestag beschlossen. Sie benennt die klassischen Finanzierungswege: Wassergebühren und Abgaben sollen Investitionsbedarf und Infrastrukturerhalt abdecken. Auch andere Abgaben, wie etwa das von Ammermüller erwähnte bundeseinheitliche Wasserentnahmeentgelt, sind als zweckgebundene Finanzierungsquelle vorgesehen. Doch konkrete Fördermittel des Bundes für die Wasserinfrastruktur gibt es bislang kaum. 

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper