Höhere Temperaturen begünstigen grundsätzlich das Keimwachstum – doch wie stark sich das in der Praxis niederschlägt, ist eine offene Forschungsfrage.

Höhere Temperaturen begünstigen grundsätzlich das Keimwachstum – doch wie stark sich das in der Praxis niederschlägt, ist eine offene Forschungsfrage.

Bild: © Chithambo/peopleimages.com/AdobeStock

Der Rhein hat sich seit den 1970er-Jahren um rund drei Grad Celsius erwärmt, die Sommerabflüsse sinken stetig. Die Arbeitsgemeinschaft Wasserwerke Bodensee-Rhein (AWBR), ein Zusammenschluss von etwa 60 Wasserversorgungsunternehmen aus der Schweiz, Österreich, dem Fürstentum Liechtenstein, Frankreich und Deutschland, die das umfangreichste Gewässer-Messnetz am Hoch- und Oberrhein betreibt, hat ihren neuen Rhein-Bericht 2025 in dieser Woche veröffentlicht.

Der Befund ist eindeutig: Der Klimawandel ist im Trinkwassersystem angekommen, und er manifestiert sich vielschichtiger, als die reine Temperaturkurve vermuten lässt. Er setzt das Trinkwasser gleich mehrfach unter Druck: durch höhere Temperaturen, zeitweise Knappheit, steigende Schadstoffkonzentrationen.

Welche Folgen das für die Wasserqualität konkret hat, ist vielfach noch unklar. Klar ist für den internationalen Trinkwasserverband nur eines: Die Politik schaue zu lange weg.

Die Messreihe bei Karlsruhe-Maxau, die der Rhein-Bericht 2025 über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg dokumentiert, zeigt einen kontinuierlichen Anstieg der Wassertemperaturen – und parallel dazu sinkende Sommerabflüsse.

Die Grafik zeit den Anstieg der Wassertemperaturen des Rheins an einer Messstelle bei Karlsruhe.Grafik: © AWBR

Folgen der fehlenden Verdünnung

Steigende Wassertemperaturen sind dabei nur der sichtbarste Befund. Der Bericht dokumentiert zu niedrige Sauerstoffgehalte, ökotoxische Zustände in den Gewässern, veränderte Abflussdynamiken und eine ganze Palette konstanter Schadstofffrachten, die zeitweise zeitgleich auftreten.

Das Spektrum reicht von Industriechemikalien über Pharmazeutika – darunter Antidiabetika, Schmerzmittel und Blutverdünner – bis zu Pestizidrückständen und den als "Ewigkeitschemikalien" bekannten PFAS-Verbindungen.

Brisant wird diese Mischung vor allem bei Niedrigwasser. Werden Schadstoffe unverändert eingeleitet, während der Fluss weniger Wasser führt, entfällt der Verdünnungseffekt – und die Konzentrationen schnellen in die Höhe.

Derselbe Mechanismus zeigt sich im Grundwasser: In Trockenphasen steigen vielerorts die Nitrat- und Pestizidkonzentrationen, mit denen die Wasserversorger im Trinkwasser umgehen müssen. Die Versorgungssicherheit gerät damit gleich von zwei Seiten unter Druck – über die Menge und über die Qualität des Rohwassers.

Der 25-Grad-Grenzwert wackelt

Besonders greifbar wird die Erwärmung am Wasserhahn. In der Schweiz, in Deutschland und in Österreich gilt die Vorgabe, dass die Kaltwassertemperatur am Hahn maximal 25 Grad Celsius betragen soll. Schon heute lässt sich dieser Wert nicht mehr überall und jederzeit einhalten. Mit jedem weiteren warmen Sommer dürfte der Spielraum kleiner werden.

Interessant ist dabei ein Befund, den eine Studie der Wasserversorgung Zürich liefert: Nicht die Wassertemperatur an der Quelle ist der entscheidende Faktor, sondern die Bodentemperatur im jeweiligen Versorgungsnetz.

Das Wasser erwärmt sich also eher auf dem Weg durch die Leitungen im aufgeheizten Untergrund als dort, wo es gewonnen wird. Für die Wasserversorger verschiebt das den Fokus – weg von der reinen Ressourcenbetrachtung, hin zur Frage, wie sich Verteilnetze in einer wärmeren Welt überhaupt noch kühl halten lassen.

Welche Auswirkungen die erhöhten Temperaturen am Ende auf die Trinkwasserqualität haben, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt. Höhere Temperaturen begünstigen grundsätzlich das Keimwachstum – doch wie stark sich das in der Praxis niederschlägt, bleibt eine offene Forschungsfrage. Die zunehmende Erwärmung des Trinkwassers ist, so formuliert es der Bericht sinngemäß, ein Fakt mit noch unklaren Folgen.

Keine Regeln für Wasserknappheit

Hinter den Messwerten steht eine Verteilungsfrage, die in den kommenden Jahren an Schärfe gewinnen dürfte: Wer erhält Wasser, wenn es knapp wird? Und wie lässt sich die Qualität sichern, wenn Verdünnungseffekte wegfallen und die Temperatur das Keimwachstum antreibt? Die AWBR sieht Europa für diese Nutzungskonkurrenzen schlecht gerüstet.

Ein Grundproblem ist die Zersplitterung der Zuständigkeiten. Je nach Bundesland, Département oder Kanton werden Gewässer unterschiedlich bewirtschaftet, und die Zulassung von Wassernutzungen erfolgt teils ohne verlässliche Daten- und Entscheidungsgrundlagen.

Der Verband nennt ein konkretes Beispiel: Bei der landwirtschaftlichen Bewässerung – mengenmäßig durchaus relevant – werde praktisch kaum kontrolliert, ob die Entnahmen mit dem Naturhaushalt im Einklang stehen und ob genügend Wasser für die Trinkwasserversorgung übrig bleibt.

Deutliche Kritik an der Politik

Mit der Politik geht die AWBR hart ins Gericht. Statt vorzusorgen, dominiere vielerorts das "Vogel-Strauß-Prinzip". Der Verband untermauert den Vorwurf mit einer Reihe abgelehnter oder zurückgenommener Vorhaben.

In der Schweiz seien jüngst eine Langzeitstudie zu den gesundheitlichen Auswirkungen von PFAS, die digitale Erfassung von Nährstoff- und Pestizideinträgen sowie die Eindämmung nachweislich umwelttoxischer Stoffe wie Deltamethrin abgelehnt worden. In Deutschland wiederum sei die Stoffstrombilanz abgeschafft worden – ein Instrument, das die Nitratbelastung hätte begrenzen sollen.

Ein Glyphosat-Verbot, eine PFAS-Exit-Strategie, die proaktive Entschärfung wasserbezogener Nutzungskonflikte und wirksame Klimaschutz-Maßnahmen scheinen aus Sicht der Arbeitsgemeinschaft gesamteuropäisch in weiter Ferne. Die Konsequenzen, so die Warnung, würden künftige Generationen tragen.

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