Sehr früh müssen in diesem Jahr die "Wasserampeln" symbolisch auf Rot gestellt werden.

Sehr früh müssen in diesem Jahr die "Wasserampeln" symbolisch auf Rot gestellt werden.

Bild: © fotomek/AdobeStock

Es ist erst Mai, und schon arbeitet die Wasserversorgung vielerorts am Anschlag. In Jülich im Kreis Düren teilten die Stadtwerke am Wochenende mit, dass die Wasservorräte in den Speichern schwinden. Aufgrund des Temperaturanstiegs habe sich der Verbrauch rasant erhöht und liege beinahe durchgehend auf höchstem Niveau.

Besonders heikel: Ausgerechnet in den Nachtstunden, in denen sich die Hochbehälter sonst wieder füllen, hat sich der Verbrauch nach Angaben der Stadtwerke mehr als verdoppelt. Der Technische Leiter Uwe Macharey appellierte an die Bürger:innen, auf das Wässern von Rasen und Tennisplätzen sowie das Befüllen von Pools zu verzichten.

Über Pfingsten spitzte sich die Lage zur Knappheit zu – woraufhin kollegiale Hilfe griff: Seit 27. Mai hat nun das benachbarte Verbandswasserwerk Aldenhoven Unterstützung zugesagt. Es übernimmt die Versorgung der Jülicher Stadtteile Kirchberg, Bourheim und Koslar – und zwar so lange wie nötig.

Folgen des Kohleabbaus

"Damit entlasten uns die Aldenhovener sehr, denn so kann sich der Wasserstand unserer Trinkwasserspeicher besser erholen", sagt Macharey. Genau solche Notverbünde zählen zu den wirksamsten Instrumenten gegen sommerliche Engpässe.

Der Fall Jülich hat zudem eine strukturelle Komponente. Die Stadt liegt im Rheinischen Revier, wo jahrzehntelang enorme Mengen Grundwasser abgepumpt wurden, um die Braunkohletagebaue trocken zu halten.

Regionale Wasserinitiativen verweisen darauf, dass die Grundwasserleiter dadurch nachhaltig aus dem Gleichgewicht geraten sind – und die anstehende Flutung der Tagebaurestlöcher über Jahrzehnte weitere große Wassermengen binden wird. Akuter Spitzenverbrauch trifft hier auf eine geschwächte Ressourcenbasis.

Regionaler Schwerpunkt zeichnet sich ab

Jülich ist kein Einzelfall. In Ostwestfalen-Lippe hat der Wasserbeschaffungsverband "Am Wiehen" seine Trinkwasserampel am Sonntag, 24. Mai, auf Rot geschaltet. Betroffen sind die Mitgliedskommunen Bad Oeynhausen, Hüllhorst, Löhne und Hille sowie Teile von Minden.

Gegenüber dem 21. Mai lag der Mehrverbrauch je nach Kommune bei bis zu 40 Prozent, und binnen 24 Stunden fehlten dem Verband rund 700.000 Liter, um die Spitzen auszugleichen – bei bereits voll ausgelasteten Brunnen.

Nur zwei Tage später folgte die VGW (Vereinigte Gas- und Wasserversorgung) im Raum Beckum/Rheda-Wiedenbrück mit der "Phase Rot mit Warnung", in der notfalls die Lieferung an Industriebetriebe auf das zugesicherte Minimum gedrosselt wird. Eine Stufe darunter steht das benachbarte Verl, das am 26. Mai Gelb zeigte – mit dem Appell, Gärten nur frühmorgens bis 7 Uhr zu bewässern, Rasen gar nicht und Pools nicht nachzufüllen.

Schwellenwerte für Eingriffe

Der Wasserversorger in Verl macht dabei auch seine Vorgehensweise transparent: Maßgeblich ist die Netzauslastung – ab 85 Prozent greift Gelb, ab 95 Prozent Rot, kommt eine Hitzeprognose hinzu, folgt "Rot mit Warnung". Solche definierten Schwellen machen die Ampelschaltung für Verbraucher wie Aufsichtsgremien nachvollziehbar.

Der Schwerpunkt der derzeitigen Trockenheitsprobleme liegt damit klar in Nordrhein-Westfalen – im Westen das Revier um Jülich, im Osten das Dreieck Minden-Lübbecke, Herford und Gütersloh. In anderen Bundesländern ergab eine Recherche keine Rot-Schaltungen. Eine bundesweite Übersicht aller Ampeln gibt es allerdings nicht; das Instrument ist dezentral, jeder Versorger handelt eigenständig.

Wassertiefstand am Bodensee

Dass die Anspannung schon im Mai einsetzt, hängt auch mit einer schwachen Wasserneubildung zusammen. Sinnbild ist der Bodensee: Der Pegel Konstanz liegt derzeit bei etwa 305 Zentimetern – 66 unter dem langjährigen Mittel für diesen Tag. Einen solchen Stand gab es laut Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) zuletzt vor 15 Jahren.

Normalerweise steigen die Pegel im Frühjahr durch Regen und Schmelzwasser – dieser Effekt bleibt bislang aus. Im Einzugsgebiet des Alpenrheins fiel im Winter erheblich weniger Schnee als üblich. Fehlt die Schneerücklage, verschiebt sich die Last auf Grundwasser und Talsperren – jene Speicher, die im Sommer ohnehin am stärksten beansprucht werden.

Kein Ausreißer, sondern Vorbote

Der Befund fügt sich in eine längerfristige Entwicklung. 2024 war das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, doch der Rekord dürfte laut einem Bericht der Weltwetterorganisation (WMO) bald fallen. Demnach wird die globale bodennahe Lufttemperatur in diesem und den drei kommenden Jahren voraussichtlich 1,3 bis 1,9 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen. Mit über 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit überschreitet mindestens eines dieser Jahre – wie schon 2024 – die im Pariser Abkommen angestrebte Grenze von 1,5 Grad.

Für die Versorgung heißt das: Was in Jülich und am Wiehen als Ausnahmezustand gilt, rückt näher an den Normalfall. Die Trinkwasserampel hat sich als Frühwarn- und Kommunikationsinstrument bewährt, ändert aber nichts an der Engstelle zwischen maximaler Förderleistung und Spitzenbedarf. Gerade in sehr heißen Wetterlagen bereiten diese hohen Entnahmen den Wasserlieferanten immer größere Probleme.

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