In der Rheinwasseraufbereitungsanlage im südhessischen Biebesheim ist es im Hochsommer ähnlich heiß wie draußen: «Der Rhein hat jetzt ungefähr 28 Grad», nennt Abteilungsleiter Walter Klupp vom Wasserversorger Hessenwasser den Grund. Weil es so lange nicht geregnet hat, sei das Rheinwasser auch besonders klar. «Es besteht fast nur noch aus gereinigtem Abwasser und Gletscherwasser.» In der Anlage wird in acht Stufen aus Rheinwasser Brauchwasser für das Grundwasser.
«Die Rheinwasseraufbereitung ist qualitativ sehr hochwertig», heißt es im Umweltministerium in Wiesbaden. «Hier werden bis zu 40 Mio. Kubikmeter Rheinwasser im Jahr in einem mehrstufigen Verfahren zu Trinkwasserqualität aufbereitet.»
40 Prozent des Wassers kommt aus dem Ried
Das Wasser reiche daher trotz der anhaltenden Hitzewelle auch für die belieferten rund 2,2 Mio. Menschen im Ballungsraum Rhein/Main, sagt der Sprecher von Hessenwasser, Hubert Schreiber. Bis zu 40 Prozent des Trinkwasserbedarfs in der Metropolregion decken die Wasserwerke im Hessischen Ried ab. «Wir sind nicht an der Ressourcengrenze, aber in der Nähe der technischen Kapazitätsgrenze. Da ist nicht mehr viel Luft nach oben.»
Die rund 35 Kilometer lange Riedleitung, die das Trinkwasser von den Wasserwerken im Ried in den Ballungsraum bringt, ist schon 55 Jahre alt. Mit dem Alter wachse das Risiko eines Rohrbruchs, sagt Schreiber. Die Folge könnte eine eingeschränkte Wasserversorgung oder gar irgendwo ein Ausfall sein. Und das Gebiet ist groß: Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt und 50 andere Kommunen gehören dazu. Dazu kommt: Der Wasserbedarf in der Boom-Region Rhein/Main steigt und steigt.
Vier Kilometer langer Bypass
Um die Versorgung zu sichern, wurde vor rund einem Jahr mit dem Bau eines vier Kilometer langen Bypasses begonnen – von Rüsselsheim-Haßloch nach Raunheim – unter der Autobahn 67 und der Bundesstraße 486 hindurch. In Rüsselsheim-Haßloch stehen vier Behälter mit bis zu 40 Mio. Litern Trinkwasser. Das entspreche dem Jahresbedarf von 800 Single-Haushalten. «Bei Spitzenbedarf rauscht diese Menge in weniger als acht Stunden durch die Behälter», heißt es bei Hessenwasser.
Der Bypass hat einen Durchmesser von einem Meter und verläuft parallel zur bestehenden Riedleitung. Die offizielle Inbetriebnahme der zweiten Leitung, die auch die CO2-Bilanz verbessern soll, sei in den nächsten Wochen geplant, sagt Schreiber. Der Energiebedarf für die Pumpen werde dadurch erheblich gesenkt: Rund 815 000 kWh Strom könnten pro Jahr gespart werden. Das entspreche dem mittleren Stromverbrauch von fast 300 Haushalten.
Zweite Leitung soll noch kommen
Allerdings reicht der Bypass nicht aus. Eine komplette zweite Leitung soll die Riedleitung in den nächsten Jahren ergänzen und zuverlässiger machen: Der Baubeginn werde aber noch einige Jahre auf sich warten lassen. Hessenwasser hofft, dass der zweite Abschnitt von 17 Kilometern in zehn Jahren fertig ist, sagt Schreiber.
Wie wird aus dem Rhein Brauchwasser zur Anreicherung des Grundwassers? In der 1989 gebauten Rheinwasseraufbereitungsanlage in Biebesheim produziert der Wasserverband Hessisches Ried jährlich bis zu 43 Mio. Kubikmeter Brauchwasser. Das Rheinwasser wird bei Kilometer 463,6 entnommen und zunächst in einem Rohrwasserpumpwerk mechanisch gereinigt: Rechen entfernen die groben Partikel, auf einem Siebband werden dann alle kleineren Teilchen aussortiert, die größer als ein Millimeter sind.
"Vom Groben ins immer Feinere"
Über Rohre wird das mechanisch gereinigte Rheinwasser in die Aufbereitungsanlage gebracht, die etwa einen Kilometer vom Flussufer entfernt liegt, wie Klupp sagt. Dort setzt sich der «Prozess vom Groben ins immer Feinere» in mehreren Stufen fort.
Dabei werden mit Hilfe von Eisen-III-Chlorid als Flockungsmittel fein verteilte Substanzen aus dem Wasser gezogen: Die meist elektrisch negativ geladenen Flocken stoßen sich gegenseitig ab, ziehen aber feinste Partikel aus dem Rheinwasser an sich. «Das sind chemisch-physikalische Prozesse, die die Natur auch kennt», sagt Klupp. Ozon kommt in dem Aufbereitungsverfahren auch zum Einsatz: «Es tötet Bakterien, inaktiviert Viren und bricht organische Moleküle auf», erklärt Klupp. Das extrem hochkonzentrierte Ozon wird aus der Biebesheimer Luft in dem Werk hergestellt.
Die Aktivkohle als letzte Rettung
Aktivkohlefilter stehen am Ende des Prozesses, an dem fast alle unerwünschten Stoffe aus dem Rhein herausgezogen sind. Bis auf wenige Ausnahmen: Röntgenkontrastmittel etwa seien aufgrund der feinen Analytik auch in kleinsten Spuren noch zu finden, sagt Klupp. Dies führe immer wieder zu Diskussionen, sei aber ein gesellschaftliches Thema: «Da stellt man einen Anspruch von Reinheit ans Wasser, den man sonst nirgendwo hat.» (dpa/al)
