"Ich weiß, dass ich nichts weiß" – diese alte philosophische Grunderkenntnis hätte die Überschrift sein können zum Panel "Substanz- und Werterhalt der Wasserinfrastruktur" auf dem diesjährigen Kongress "gat I wat" in Köln. Denn ganz gleich, ob Städtetag, Stadt München oder IWW – in einem waren sich die Referenten des Panels einig: Die Branche braucht eine Transparenz-Initiative, begleitet von mehr Mut zur Innovation.
Was darunter allerdings genau zu verstehen sein könnte, darüber gingen die Meinungen auseinander. Insbesondere Tim Bagner vom Deutschen Städtetag vertrat die Auffassung, dass es tatsächlich an branchenweiten Daten zum Zustand der Infrastruktur mangele; dennoch sei auf Ebene der Kommunen im Großen und Ganzen klar, welcher Erneuerungs- oder Renovierungsbedarf konkret bestehe. Das wiederum brachte Wolf Merkel vom IWW Zentrum Wasser leicht in Wallung, der wissen wollte, warum denn dann eben diese kommunalen Daten nicht branchenweit vorliegen oder zumindest nicht hinreichend ausgetauscht werden.
Konkreter Handlungsbedarf schwer abzuschätzen
Wie entscheidend eine solche Transparenz für die Zukunft der Wasserversorgung sein kann, machte er zuvor in seinem Beitrag am Beispiel NRW klar. Für das bevölkerungsreichste Bundesland, so sein Fazit, herrsche akuter Zahlenmangel. Es fehle an Struktur- und Leistungsdaten ebenso wie an wirtschaftlichen Eckdaten etwa zum Gebührenaufkommen oder zur Investitionsquote. Für rund 80 Prozent der Wasserversorger in NRW sei daher derzeit keine wirklich fundierte Beurteilung möglich, was den konkreten Handlungsbedarf für Erneuerungs- oder Instandhaltungsinvestitionen betrifft – eine Diagnose, die Merkel ausdrücklich auch auf das restliche Bundesgebiet ausweitet, solange die von ihm geforderte Transparenz-Initiative ausbleibt.
Pauschale Aussagen etwa anhand der häufig zitierten Reha-Quote von 0,67 Prozent hingegen seien wenig hilfreich. Stattdessen müssten beispielsweise für die Netze Materialien und Verlegezeiträume genau analysiert werden, um am Ende zu einer risikobasierten Instandhaltungs-Strategie zu kommen. Bis dahin sei man, so Merkel, "nicht sprech- und bewertungsfähig".
Etwa 50 Jahre halten die allermeisten Leitungen
Mehr Transparenz wünschte sich auch Thomas Prein, der in Köln die Münchner Stadtwerke vertrat, wenngleich er dabei eher die Transparenz der Leitungen im Auge hatte. Rund 50 Jahre betrage zwar offiziell die Lebenserwartung der allermeisten Netzleitungen. Die unterirdische Wirklichkeit in einer Stadt wie München sei diesbezüglich aber viel komplexer. Tatsächlich habe man es mit zahlreichen Leitungen zu tun, die deutlich älter seien, ihren Dienst aber noch tadellos versähen.
Einzige Frage: Wie lange genau geht das noch so weiter? Im Blick auf viele Leitungskilometer lässt sich diese Frage heute schlechterdings nicht beantworten. Es sei denn, die Leitungen sind mit kathodischem Korrisionsschutz ausgerüstet. In diesen Fällen nämlich ergibt die regelmäßige Auswertung ein recht genaues Bild des akuten Zustands der Leitungen und im Wiederholungsfalle somit auch über die Entwicklung des Materials.
Neue Forschungserkenntnisse zur Netzdiagnose notwendig
Aber: Nur etwa 20 Prozent des Münchner Netzes sind aus Stahl und mit dieser segensreichen Technologie ausgerüstet. Auch an dieser Stelle, so die dringende Mahnung von Prein, müsse die geforderte Innovationsoffensive ansetzen: Gebraucht würden neue Forschungserkenntnisse zur Netzdiagnose, die verlässliche Daten über den tatsächlichen Zustand der Leitung liefern. Nur dann sei eine gezielte Instandhaltung machbar, die – so die Botschaft aus Bayern – in jedem Fall der Erneuerung vorzuziehen sei. Neben den volkswirtschaftlich geringeren Kosten spreche dafür vor allem das Akzeptanzrisiko bei Neubau-Projekten. "Sauberes Wasser", so Prein, "wollen alle, aber wenn neue Leitungen vor der eigenen Haus- oder Ladentür verlegt werden müssen, werden wir immer häufiger verklagt und schadensersatzpflichtig gemacht." (spr)


