Von Elwine Happ-Frank
Die zunehmende Lithiumgewinnung und -verarbeitung für die Batterieproduktion stellt eine wachsende Bedrohung für die Rheinwasserqualität dar. Die niederländischen Trinkwasserversorger, die auf Rheinwasser angewiesen sind, haben deshalb einen eindringlichen Appell an die Europäische Kommission gerichtet: Sie fordern die Einführung verbindlicher Umweltqualitätsnormen für Lithium in Oberflächengewässern.
Der Hintergrund dieser Initiative ist alarmierend: An immer mehr Standorten in Europa und entlang des Rheins wird Lithium für die boomende Batterieproduktion gewonnen und verarbeitet. Dies birgt erhebliche Risiken für die Wasserqualität und damit direkt für die Trinkwasserversorgung von Millionen Menschen. Wie der aktuelle Jahresbericht 2024 der RIWA-Rijn, ein Zusammenschluss der niederländischen Wasserversorger, zeigt, stammte das im niederländischen Rheinwasser nachgewiesene Lithium bislang hauptsächlich aus dem Oberrhein, also nach dem Bodensee bis zur Einmündung der Nahe in Bingen. Der Jahresbericht wurde am 2. September veröffentlicht.
Zwar ist in den vergangenen Jahren aufgrund rückläufiger Bergbauaktivitäten im Rheineinzugsgebiet ein leichter Rückgang der Lithiumkonzentrationen zu beobachten gewesen, doch diese Entwicklung wird sich nach Ansicht der RIWA-Rijn dramatisch umkehren.
Grenzwerte bereits heute überschritten
Die Prognosen sind eindeutig: In den kommenden Jahren bis 2028 sollen allein im Rheingebiet 200.000 Tonnen Lithiumsalze gewonnen, verarbeitet und recycelt werden. Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die Dimension: In Dormagen ist eine Lithium-Recyclinganlage geplant, die ab 2026 jährlich 30.000 Tonnen Lithiumabfälle verarbeiten soll.
Bei einer erwarteten Verarbeitungseffizienz von 90 Prozent werden die verbleibenden zehn Prozent voraussichtlich in das Oberflächenwasser eingeleitet. Allein diese eine Anlage könnte die Lithiumkonzentration im Rheinwasser bei Lobith um acht Mikrogramm pro Liter erhöhen.
Besonders besorgniserregend: Die aktuellen Messwerte liegen bereits über den als sicher geltenden Konzentrationen. Das niederländische Nationale Institut für Gesundheit und Umwelt (RIVM) hat für 2023 eine sichere Lithiumkonzentration von elf Mikrogramm pro Liter für die langfristige Exposition von Pflanzen und Tieren festgelegt.
Dieser Wert gilt als indikativer Risikogrenzwert und wird vom RIVM auf Basis begrenzter Daten auch als sicher für Menschen eingeschätzt. Die aktuelle Lithiumkonzentration im Rhein bei Lobith beträgt jedoch bereits etwa 13 Mikrogramm pro Liter und liegt damit über diesem Richtwert.
Kostensteigerungen für Verbraucher
Ein zentrales Problem ist das Fehlen wissenschaftlich fundierter, offizieller Normen für Lithiumkonzentrationen in Oberflächengewässern. Während für viele andere Metalle wie Zink, Kupfer und Chrom längst verbindliche Grenzwerte existieren, befindet sich die Lithium-Regulierung noch in den Anfängen. Diese Regelungslücke müsse dringend geschlossen werden, bevor die geplante massive Ausweitung der Lithiumproduktion zu irreversiblen Schäden führt, so der Verband.
Die Folgen unzureichender Präventionsmaßnahmen tragen letztendlich die Bürger und Unternehmen: Die niederländischen Trinkwasserversorger stehen vor der Herausforderung, einen wachsenden Bedarf an sauberem und zuverlässigem Trinkwasser zu decken, während industrielle Einleitungen aus Deutschland die Aufbereitungskosten kontinuierlich in die Höhe treiben. Bereits im vergangenen Jahr hatte RIWA-Rijn auf die problematischen PFAS-Einleitungen in das Rheinwasser hingewiesen.
Der am 2. September 2025 veröffentlichte RIWA-Rijn-Jahresbericht 2024 zeichnet ein ernüchterndes Bild der Rheinwasserqualität. An den Messstellen bei Lobith, Nieuwegein, Nieuwersluis und Andijk sowie den neuen Standorten Ridderkerk und Katerveer überschreitet eine große Anzahl von Stoffen die Zielwerte des europäischen Flussmemorandums.
Dies macht es für die Trinkwasserunternehmen unmöglich, mit einfachen natürlichen Reinigungsmethoden sauberes Trinkwasser herzustellen. Auch das Ziel von Artikel 7.3 der Wasserrahmenrichtlinie – die Verringerung des für die Trinkwassergewinnung erforderlichen Aufbereitungsumfangs – wird verfehlt.
Medikamentenrückstände sind ein weiteres Problem
Parallel zur Lithium-Problematik beobachten die Experten einen kontinuierlich steigenden Schadstoffgehalt in städtischen Abwässern, insbesondere durch Arzneimittelrückstände. Diese Entwicklung steht im direkten Widerspruch zum 30-prozentigen Reduktionsziel der Rheinministerkonferenz von 2020. Zur Lösung dieses Problems ist der Ausbau der Kläranlagen um eine vierte Reinigungsstufe erforderlich.
Die Botschaft der niederländischen Wasserversorger ist klar: Prävention ist der Schlüssel. Was nicht stromaufwärts in das Rheinwasser eingeleitet wird, muss auch nicht von den Trinkwasserversorgungsunternehmen kostenaufwendig herausgefiltert werden. RIWA-Rijn setzt daher auf internationale Zusammenarbeit und die konsequente Festlegung sowie Durchsetzung von Vorschriften. Entscheidend ist dabei, dass in industriellen Einleitungsgenehmigungen Emissionsgrenzwerte festgelegt werden, die die Trinkwasserfunktion des Flusses nachhaltig schützen.
Die Zeit für präventive Maßnahmen läuft davon. Nur durch schnelles und entschiedenes Handeln auf europäischer Ebene kann verhindert werden, dass die Energiewende zur Belastung für die Trinkwasserversorgung wird, stellt RIWA-Rijn fest.
Hier geht es zum RIVM-Bericht zum Thema "Indikative Umweltrisikogrenzen für Lithium in Oberflächengewässern"
Hier geht es zum gesamten RIWA-Rijn-Jahresbericht 2024
