Die gesamte Branche investiert derzeit rund neun Milliarden Euro pro Jahr in die Wasser- und Abwasserinfrastruktur. Doch in Zukunft muss dieser Betrag deutlich steigen.
 

Die gesamte Branche investiert derzeit rund neun Milliarden Euro pro Jahr in die Wasser- und Abwasserinfrastruktur. Doch in Zukunft muss dieser Betrag deutlich steigen.  

Bild: © Anoo/AdobeStock

Von Elwine Happ-Frank

Viele Leitungen, Kanäle und Anlagen in der Wasserwirtschaft wurden nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut und nähern sich dem Ende ihrer Lebensdauer. Dadurch steigen die Kosten für Instandhaltung und Erneuerung. Gleichzeitig erfordert der Klimawandel umfangreiche Anpassungen.

Um auf Hitzeperioden und Extremwetterereignisse vorbereitet zu sein, müssen Infrastrukturen ausgebaut und widerstandsfähiger gemacht werden. Dazu kommen demografische Entwicklungen, die dazu führen, dass vor allem Großstädte stark wachsen, während manche Regionen mit Bevölkerungsrückgängen zu kämpfen haben – was zu sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen vor Ort führt.

Die Unternehmen müssen sich vor diesem Hintergrund auf erhebliche Steigerungen der Investitionen einstellen. Karsten Specht, Geschäftsführer des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbandes (OOWV), sagte auf der Veranstaltung, dass sein Unternehmen in diesem Jahr rund 50 Millionen Euro nur für Klimaanpassungsmaßnahmen investiert hat. Das entspricht etwa der Hälfte der gesamten Investitionen des OOWV, wobei ein Großteil dieser Mittel für Ersatzinvestitionen verwendet wurde.

Genehmigungsverfahren müssen schneller werden

Am Beispiel seines Unternehmens verdeutlichte der VKU-Vizepräsident, dass sich das Investitionsvolumen in den letzten Jahren verdoppelt hat und in naher Zukunft weitere deutliche Steigerungen erforderlich sein werden. Specht machte zudem deutlich, dass es nur mit beschleunigten Genehmigungsverfahren klappt, die bestehende Infrastruktur instand zu halten und gleichzeitig schnell an klimatische und demografische Veränderungen anzupassen.

Die gesamte Branche investiert derzeit rund neun Milliarden Euro pro Jahr in die Wasser- und Abwasserinfrastruktur. Doch die Diskussionen in Berlin zeigten, dass diese Summe angesichts der wachsenden Herausforderungen durch eine alternde Infrastruktur sowie zunehmendem Klimawandel nicht ausreichen wird. "Das wird die Wasserwirtschaft nicht aus eigenen Mitteln stemmen können. Dafür brauchen wir die Unterstützung der politischen Ebene", sagte Specht, "nicht nur ideell, sondern auch finanziell."

Gutachten zum Investitionsbedarf

Die Unternehmen steht angesichts der Herausforderungen vor der Frage, wie die Finanzierung dieser Aufgaben in Zukunft gestemmt werden kann. Deshalb hat der VKU bei Becker Büttner Held (BBH) ein Gutachten in Auftrag gegeben, das den Investitionsbedarf der Wasserwirtschaft in den nächsten zehn bis 20 Jahren prognostizieren soll.

Thomas Straßer, Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, stellte in Berlin erste Ergebnisse vor. Er berichtete, dass das Investitionsvolumen im Trinkwasserbereich bereits in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf rund dreieinhalb Milliarden Euro pro Jahr gestiegen ist. Im Abwasserbereich liegt der Finanzbedarf sogar bei 6,5 Milliarden Euro jährlich – verursacht durch Ersatzinvestitionen und zusätzliche Herausforderungen wie die Vorsorge vor Starkregenereignissen. "Und die Tendenz aus unseren Beratungen zeigt deutlich, dass die Investitionen weiter steigen", so Straßer.

Anforderungen an Kreditfinanzierung steigen

Eine entscheidende Frage, so Straßer, sei auch, wie die steigenden Investitionskosten finanziert werden können. "In der Vergangenheit nutzen viele Unternehmen traditionell Bankkredite, aber wir sehen zunehmend, dass die Anforderungen an die Unternehmen deutlich anspruchsvoller geworden sind, sei es was die Finanzkennzahlen, sei es was das Thema Nachhaltigkeit betrifft." Eine weitere Herausforderung sei die Langfristigkeit sowohl des Geschäftsmodells als auch der Finanzierung. Das hätten viele Banker nicht auf dem Schirm.

Deshalb sei eine wichtige Aufgabe, diese Themen besser zu kommunizieren und aufzubereiten. Straßer schlug vor, Finanzierungsmodelle wie Fondsstrukturen zu prüfen, die in anderen Sektoren bereits erfolgreich eingesetzt werden. Auch steuerliche Anreize und Förderbankkredite könnten helfen. Schlussendlich werde es aber ohne eine Unterstützung aus der Politik sicherlich nicht gehen, meinte Straßer. "Am Ende des Tages werden wir alle Bausteine brauchen, um das Ganze stemmen zu können."
 
Ähnlich äußerte sich auch Jan Kastenschmidt, Bereichsleiter Öffentliche Hand bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Der Finanzierungsexperte verwies darauf, dass große Unternehmen Expertenteams haben, die genau wissen, was der Banken- und Kapitalmarkt braucht.

Kapitalmarktfähigkeit in den Blick nehmen

Unterstützung benötigen die mittelgroßen und kleineren Unternehmen. Deshalb rät er "Stadtwerken in diesen Tagen immer, dass sie sich kapitalmarktfähig machen müssen". Sie müssten sich so aufstellen, dass der nationale und möglichst auch der europäische Kapitalmarkt sie versteht.
 
Denn ein portugiesischer Investor kenne beispielsweise den steuerlichen Querverbund in Deutschland nicht. Wenn er sich länger als fünf Minuten damit beschäftigen muss, findet er ein einfacheres Investment, das er schneller eingeht.

"Aber ich sehe auch, dass in der Branche in der Richtung viel passiert", sagte Kastenschmidt. Es gebe eine hohe Professionalisierung bei diesen Themen, bei der es die Zusammenarbeit aller Beteiligten, der kommunalen Träger, der privaten Banken und der Förderbanken brauche.
 
Wie wichtig Wasser für die Wirtschaft ist, verdeutlichte Sebastian Bolay vom DIHK, und verwies auf den hohen Wasserbedarf der Wirtschaft, für den auch die Unternehmen hohe Rechnungen erhalten. "Das zahlen unsere Unternehmen nicht aus der Portokasse." Die gleichzeitige Belastung durch Investitionen in andere Infrastrukturen bringe Staatshaushalte an ihre Grenzen.

Dabei fällt auf, dass die Wasserwirtschaft in der Diskussion auf Bundesebene häufig eine untergeordnete Rolle spiele, auch "weil wir technisch hier nicht auf ein "Bundesnetz", sondern auf lokal und regional verortete Ver- und Entsorgungsstrukturen schauen". Dort finde die Diskussion über steigende Kosten aber sehr wohl statt und müsste deshalb auch in Berlin stärker in den Fokus rücken.

Gemeinschaftsaufgabe für Klimaanpassung

Bettina Hoffmann, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, betonte auf der Veranstaltung die Bedeutung der Nationalen Wasserstrategie. Dieses Programm wurde in einem breit angelegten Dialogprozess entwickelt und enthält konkrete Maßnahmen zur Finanzierung der Wasserversorgung.

Hoffmann sprach sich für die Einführung einer Gemeinschaftsaufgabe für Klimaanpassung aus, um Kommunen gezielt zu unterstützen. Denn die Finanzierung über Nutzerentgelte stoße an ihre Grenzen. Wasser dürfe nicht zum Luxusgut werden, sondern müsse bezahlbar und immer verfügbar bleiben.

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