Herr May, Sie sind seit 1. September 2024 alleiniger Geschäftsführer bei Powercloud und kommen vom Mutterkonzern Hansen Technologies, inwiefern hat sich die Struktur bei Powercloud verändert?
John May, Geschäftsführer Powercloud: Seit ich die Rolle des Geschäftsführers nach der Übernahme durch Hansen im Februar 2024 übernommen habe, wurde schnell klar, dass einige wesentliche Anpassungen erforderlich waren, um das Unternehmen auf seine Kernkompetenzen und Marktchancen auszurichten. Dies führte zu der Entscheidung, unsere Belegschaft neu auszurichten, um den Fokus auf die DACH-Region und unser Vorzeigeprodukt, den Retail Core Service (RCS), zu legen, der von unseren Kunden sehr geschätzt wird und in dem wir Wachstumspotenzial sehen.
Powercloud besinnt sich jetzt auf seine Wurzeln, das heißt, es wird nur noch die Abrechnungslösung vorangetrieben. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen? Es war ja die Rede von Verlusten in Millionenhöhe.
Die Entscheidung, sich auf das RCS-Produkt zu konzentrieren, basierte auf einer gründlichen Überprüfung durch das Powercloud Management, die eine Bewertung der Geschäftsstrategie, der Produkt-Roadmap und des Kundenfeedbacks einschloss. Als Hansen im Februar 2024 Powercloud übernahm, wurde klar, dass die vorherige Geschäftsstrategie nicht nachhaltig war und eine Re-Fokussierung erforderlich war. Ich kann nicht vollständig zu den spezifischen Herausforderungen oder Verlusten Stellung nehmen, die das Unternehmen vor der Hansen-Übernahme erlebte, aber sie waren offensichtlich erheblich. Unser Fokus liegt nun darauf, eine nachhaltige Zukunft für Powercloud aufzubauen.
Frau Quiring, die Meldung, dass man sich aus dem Produkt Power-flex verabschiedet, war ja ein Branchenbeben. Welche Funktionen umfasste Power-flex? Wird die Marktkommunikation auch nicht mehr in der Abrechnungslösung angeboten?
Lena Quiring, Senior Vice President Sales and Marketing: Das FCS- oder Flex-Produkt war Teil einer Strategie, die vor der Übernahme durch Hansen implementiert wurde. Nach einer gründlichen Überprüfung des Geschäfts und der Produkte – einschließlich einer Bewertung der Technologiearchitektur und der Produkt-Roadmap – kamen wir zu dem Schluss, dass unsere Ressourcen besser auf das RCS-Produkt ausgerichtet werden sollten. Die Marktkommunikation wird den Kunden weiterhin bereitgestellt und mit unserer RCS-Lösung angeboten. In Zukunft werden potenzielle neue Produkte und Entwicklungsmöglichkeiten vollständig evaluiert, indem Hansen-Prozesse zur Bewertung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten genutzt werden.
Hat diese Rückbesinnung auf den Abrechnungsteil tatsächlich daran gelegen, wie in der Branche kolportiert, dass der Netzbereich für powercloud zu kompliziert war?
Quiring: Nein, der Fokus auf RCS hatte nichts mit der Komplexität von Grid zu tun, sondern war vielmehr eine strategische Entscheidung, uns auf unsere Kernkompetenz zu konzentrieren. Wir planen, Grid-bezogene Anforderungen durch ein integriertes, aber separates Produkt zu adressieren, das in Zusammenarbeit mit Hansen entwickelt wird.
Ist powercloud nach dieser Neubesinnung noch ein ERP-System?
Quiring: Powercloud wird weiterhin ein spezialisierter ERP-Anbieter bleiben, jedoch mit einem konzentrierten Schwerpunkt auf der Abrechnung für Energievertriebe und Stadtwerke. Wir bieten weiterhin robuste Funktionalitäten in diesem Bereich an, die speziell auf die Bedürfnisse unserer Kunden in der DACH-Region zugeschnitten sind. Powercloud wird zudem die Schlüsselkomponente in einer umfassenden Energy Suite sein, die in Verbindung mit Hansen-Angeboten genutzt wird.
Sie wollen neue innovative Produkte mit Hilfe von Hansen Technologies entwickeln. Was ist der fachliche Hintergrund von Hansen Technologies, dass das Unternehmen die deutsche bzw. die Energiewirtschaft und ihre Anforderungen in der DACH-Region versteht? Welche Produkte sind hier geplant?
May: Hansen hat über 50 Jahre hinweg umfassende Erfahrung aufgebaut. Hansen ist ein globaler Anbieter von geschäftskritischen Lösungen, die auf die Versorgungs- und Kommunikationssektoren zugeschnitten sind, und unterstützt weltweit mehr als 600 Kunden, darunter große, in mehreren Märkten tätige Energieunternehmen wie Fortum, ENGIE, Exelon und Xcel Energy. Noch wichtiger: In der DACH-Region unterstützt Hansen prominente Betreiber wie Vattenfall, SwissGrid, BKW und Axpo sowie über 80 Stadtwerke in ganz Deutschland mit seiner Energy Suite, die Marktkommunikation, Zählerdatenmanagement (MDM), Energiedatenmanagement (EDM), Abrechnung und Stromhandel umfasst. Wir freuen uns darauf, Hansens Expertise in einigen der technologisch fortschrittlichsten Märkte der Welt mit der lokalen Marktkenntnis von Powercloud zu kombinieren, um innovative Produkte und Lösungen zu schaffen, die den sich wandelnden Bedürfnissen unserer Kunden gerecht werden.
Mit EWE haben Sie einen Kunden, der bereits betont, weiter mit Powercloud zusammenarbeiten zu wollen. Wie sieht es bei der TAP – Thüga Abrechnungsplattform aus?
May: Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir keine spezifischen Details zu einzelnen Kunden besprechen können. Wir freuen uns aber sehr, unsere Partnerschaft mit EWE durch einen neuen Vertrag bis 2030 verlängert zu haben und bleiben weiterhin engagiert, ihre Bedürfnisse zu unterstützen.
Der plötzliche Rauswurf von Mitarbeitern kam in den Medien eher nicht so gut an. Würden Sie das künftig anders handhaben?
May: Wir erkennen an, dass umfangreiche Entlassungen für alle Beteiligten eine Herausforderung darstellen, und selbstverständlich fühlen wir uns verpflichtet, alle betroffenen Mitarbeiter zu unterstützen. Die Koordination einer zeitnahen Kommunikation über mehrere Büros und Remote-Teams in einem Softwareentwicklungs-Umfeld bringt Herausforderungen mit sich, insbesondere beim Umgang mit sensiblen persönlichen und Kundendaten. Wir haben alle Anstrengungen unternommen, um diese Entscheidung mit Transparenz und Mitgefühl zu kommunizieren.
Die Fragen stellte Stephanie Gust



