Der Energievertrieb steht vor einem Umbruch. Stadtwerke müssen schneller neue Kundengruppen erschließen, regional flexibler agieren und zugleich Kosten, Daten und Partnerbeziehungen kontrollieren. Klassische Vertriebsmodelle mit individuellen Schnittstellen, manuellen Abstimmungen und zwischengeschalteten Vermittlern stoßen dabei zunehmend an ihre Grenzen.
Der Energievertrieb steht heute vor strukturellen Herausforderungen: Vertriebspartner verlieren häufig bis zu 30 Prozent Provision an Zwischenhändler und müssen parallel mehrere Portale bedienen. Versorger benötigen währenddessen Monate für die Integration neuer Partner und haben keine Transparenz bei der Vertriebsperformance.
Modulare Softwarelösung für zentrale Vertriebsprozesse
Vor diesem Hintergrund hat die Kraftwerk Software Gruppe auf der E-World 2026 eine neue Erweiterung ihrer Vertriebsplattform Joules vorgestellt. Joules ist eine modulare Softwarelösung für Stadtwerke und Energieversorger, mit der sich zentrale Vertriebsprozesse digital abbilden und steuern lassen – von der Tarifverwaltung über Abschlussstrecken bis hin zur Organisation von Vertriebsstrukturen. Anders als Vergleichsportale oder externe Marktplätze dient Joules als internes Steuerungsinstrument auf Versorgerseite.
Vertriebspartner erhalten mit der vom Gruppenunternehmen Eins+Null entwickelten Lösung über eine einzige App Zugang zu allen Versorgern und können dabei direkte Provisionsvereinbarungen abschließen.
Neues Modul für Partnervertrieb
Mit Joules Direkt erweitert Kraftwerk die Plattform nun gezielt um den Partnervertrieb. Ziel ist es, Energieversorger und externe Vertriebspartner direkt miteinander zu verbinden – ohne zwischengeschaltete Aggregatoren. Stadtwerke sollen so neue Partnerschaften schneller aufsetzen, transparenter steuern und zugleich die Hoheit über Preise, Provisionen und Kundendaten behalten.
"Viele Stadtwerke verlieren heute Zeit und Kontrolle durch komplexe Vermittlerstrukturen", sagt Jean-Michel Vierthaler, Key-Account-Manager bei Kraftwerk.
Vertriebspartner schneller anbinden
Ein zentrales Argument für Joules Direkt sei die Geschwindigkeit beim Onboarding neuer Vertriebspartner. Wie schnell dieser Prozess abläuft, hängt laut Vierthaler von der bestehenden Systemlandschaft ab. "Nutzen Stadtwerke bereits Joules, lassen sich neue Vertriebspartner innerhalb weniger Minuten anbinden. Der Prozess ist dann vollständig automatisiert", erklärt er.
Für Versorger ohne bestehendes Joules-System bietet Kraftwerk eine vorkonfigurierte Standardlösung an. In der Praxis liege der Zeitbedarf hier bei unter vier Wochen – inklusive Anforderungsmanagement, technischer Einrichtung sowie Tests und Abnahme. Technisch erforderlich sei lediglich eine zentrale Schnittstelle zum Abrechnungssystem sowie die Hinterlegung von Tarifen und Provisionssätzen.
Direkte Zusammenarbeit statt Mittelsmänner
Hinter dem Plattformansatz steht die Idee, den Energievertrieb zu entflechten. Individuelle Schnittstellen, manuelle Preisabstimmungen und eingeschränkte Transparenz über die Performance einzelner Partner gelten in vielen Stadtwerken als Hemmnis.
Durch die direkte Zusammenarbeit über Joules Direkt entfallen mehrere dieser Komplexitätsebenen. Versorger entscheiden selbst, mit welchen Partnern sie zusammenarbeiten, welche Produkte angeboten werden und in welchen Regionen diese vertrieben werden sollen. "Diese Entscheidungen können unmittelbar in der Plattform getroffen und angepasst werden", so Vierthaler.
Ergänzt wird das Modell durch einen Marktplatzansatz. Stadtwerke können Tarife und Provisionsmodelle freigeben, Vertriebspartner bewerben sich direkt auf eine Zusammenarbeit. Die Kooperationsvereinbarung wird digital abgeschlossen.
Datenhoheit bleibt beim Stadtwerk
Ein sensibles Thema für viele kommunale Unternehmen ist die Datenhoheit. Nach Angaben von Kraftwerk ist diese bei Joules Direkt so umgesetzt, dass Vertriebspartner ausschließlich in Echtzeit über Programmierschnittstellen auf die Systeme des jeweiligen Versorgers zugreifen. Eine zentrale Datenhaltung oder Datenkopien auf der Plattform gebe es nicht.
Das hat auch praktische Konsequenzen für Datenschutz und Governance. Wird ein Datensatz gesperrt, etwa im Zuge einer DSGVO-Anfrage, ist dieser automatisch auch für alle angebundenen Partner nicht mehr zugänglich. Endet eine Zusammenarbeit, wird der Zugriff sofort entzogen. "Alle personenbezogenen und kritischen Daten verbleiben bewusst ausschließlich in den Systemen der Versorger", sagt Vierthaler.
"Null IT-Aufwand" mit Einschränkung
Der häufig verwendete Begriff des "null IT-Aufwands" bezieht sich demnach ausdrücklich auf das Onboarding neuer Vertriebspartner. Ist Joules einmal eingerichtet, seien für zusätzliche Partner keine weiteren IT-Projekte erforderlich.
Bei bestehenden Joules-Installationen reicht laut Vierthaler eine zentrale Schnittstelle zum Abrechnungssystem aus. Für Stadtwerke ohne Joules wird diese Struktur im Rahmen der Erstimplementierung geschaffen. Danach laufen Anbindung, Steuerung und Betrieb der Vertriebspartner automatisiert über die Plattform.
Plattform für große und kleine Stadtwerke
Adressiert werden mit Joules Direkt sowohl große Vertriebsorganisationen als auch kleinere kommunale Versorger. Große Stadtwerke profitieren vor allem von einer einheitlichen Steuerung und der Reduzierung administrativer Aufwände. Kleinere Häuser erhalten einen vergleichsweise risikoarmen Einstieg in den Vertriebspartnerkanal, ohne selbst ein Netzwerk aufbauen zu müssen.
Gerade für Stadtwerke, die regionale Expansionen testen oder punktuell zusätzliche Vertriebskapazitäten aufbauen wollen, könne das ein Vorteil sein, so Vierthaler.
Perspektive über Strom und Gas hinaus
Zum Start fokussiert sich Joules Direkt auf Strom- und Gastarife. Perspektivisch soll die Plattform jedoch auch den Vertrieb von Energiewende-Produkten abbilden – etwa Photovoltaik, Speicher oder Wallboxen. Der Fokus liegt dabei auf dem Individualvertrieb, also auf persönlicher Beratung im Außen- oder Telefonvertrieb.
Langfristig sollen Vertriebspartner zudem stärker in die Betreuung der gewonnenen Kunden eingebunden werden – inklusive Up- und Cross-Selling. Ziel sei es, Vertriebspartner nicht nur als Vermittler, sondern als verlängerten Arm des Versorgers im Kundenkontakt zu etablieren.



