"Das, was wir jetzt machen, ist eine neue Art der Zusammenarbeit zu schaffen. Hier setzen wir auf Design-Thinking-Methoden, um Probleme, die heute schon existieren bzw. die unsere Kunden beschäftigen, zu lösen", sagt Sabine Erlinghagen, CEO Grid Software bei Siemens.

"Das, was wir jetzt machen, ist eine neue Art der Zusammenarbeit zu schaffen. Hier setzen wir auf Design-Thinking-Methoden, um Probleme, die heute schon existieren bzw. die unsere Kunden beschäftigen, zu lösen", sagt Sabine Erlinghagen, CEO Grid Software bei Siemens.

Bild: © Siemens

Frau Erlinghagen, Siemens hat branchenweit eine erste offene Grid-Softwaresuite entwickelt. Wie kann man sich diese Lösung vorstellen? Wurden bisherige Funktionen zu einer Suite zusammengestellt und zugleich neue Anwendungen entwickelt?
Sabine Erlinghagen, CEO Grid Software bei Siemens: Es ist tatsächlich ein Mix aus beidem. Das heißt, wir haben traditionell ein sehr starkes Software Portfolio als Siemens. Wir haben bereits heute eine marktführende Position bei einzelnen Software-Produkten und auch ein sehr breites Portfolio, was bei den meisten anderen Marktteilnehmer in der Breite nicht der Fall ist. Diese Startposition haben wir genutzt, um a) unsere Software noch besser zu machen und b) sie zusammenspielen zu lassen. Wir fügen fehlende Puzzlesteine, die jetzt durch die neuen Herausforderungen der Energiewende entstehen, hinzu.

Was ist denn konkret neu an der Suite?
Neu ist erst mal das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Elementen. Wie kann ich etwa Zählerdaten nicht nur nutzen, um die richtige Rechnung an meinen Kunden zu schicken, sondern wie kann ich diese Informationen auch nutzen um Transparenz in der Niederspannung zu bekommen? Oder wie kann ich Zählerdaten nutzen für die Netzplanung? Das sind Themen die passieren heute häufig noch nicht, weil es pro Abteilung gedacht wird. Da kauft die Planungsabteilung Planungs-Software, die Netzleitstelle kauft Software für ihre Leitsysteme und ein Metering-Department kauft Zählerdaten-Software. Hier arbeiten wir mit unseren Kunden zusammen, dass diese Systemlandschaften durchgängiger gedacht werden. Wir sehen uns hier auch als Vordenker, denn das ist ein Organisations-Transformations Projekt. Und wir als Siemens können unseren Kunden helfen, dass diese Transformation einfacher für sie wird.

Könnten Sie das mit den Zählerdaten genauer erläutern?
Wie nutzt man Zählerdaten für die Simulation und die Netzplanung? Wenn ich Zähler-Daten nutze für die Simulation und die Netzplanung dann bekomme ich akkurate Ergebnisse. Das heißt, ich kann Netze präziser planen, kann sie mit weniger Ressourcen ausstatten und näher an den physikalischen Limits fahren. Das heißt, ich kann mir Netzausbau sparen und identifizieren, wo sogenannte Transport Verluste entstehen.

Schaffe ich es, 0,1 Prozent Transportverlust im Stromnetz in Europa zu reduzieren, dann spare ich mir ein ganzes Kraftwerk von mittlerer Größe. Das heißt, wenn ich ein Prozent Transportverlust reduzieren kann, indem ich schlauer mit Daten arbeite, bessere Analysen habe, kann ich zehn Kraftwerke sparen oder zehn Kraftwerke schneller herunterfahren. So sparen wir entsprechend die Energieproduktion an der Stelle. Das zweite ist, dass wir unsere Simulation schneller machen. Das führt dann ultimativ dazu, dass ich das nicht nur jedes Quartal oder einmal im Jahr oder einmal im Monat durchführe, sondern ich das parallel zum Netzbetrieb machen kann. Dadurch kann der Netzbetreiber und der Operator, der für die Netzstabilität zuständig ist, online direkt Ergebnisse abrufen, damit er besser arbeiten kann und die Komplexität, die durch die erneuerbaren Energien und die dezentralen Energien entsteht, besser managen kann.

Neue Grid-Software von Siemens

Hintergrund

Siemens Smart Infrastructure hat nach eigenen Angaben als erstes Unternehmen der Branche eine offene, modulare Grid-Software-Suite angekündigt, die die Energiewende unterstützen soll. Die Suite soll sowohl etablierten als auch neuen Akteuren im Energiesektor helfen, bestehende und künftige Herausforderungen schnell, agil und flexibel zu meistern.

So habe man schon wichtige Schritte unternommen, um das Angebot für das Datenmanagement von intelligenten Zählern zu verbessern, etwa durch Einführung einer nativen Cloud-Option. Zudem beschleunige die Software Netzschutzsimulationen um den Faktor 6 und steigert die Effizienz von Netzmanagementaufgaben um bis zu 85 Prozent.

Alle künftigen Module der Softwaresuite wurden laut Pressemitteilung nach speziellen Designprinzipien entwickelt. Sie sollen eine nahtlose Interaktion und Agilität ebenso wie einen digitalen Zwiling des Netzes ermöglichen. Kunden sollen ihre Daten über ihre IT- und OT-Systeme wie Netzplanungssoftware, Zählerdatenmanagementsysteme, geografische Informationssysteme (GIS) und Advanced Distribution Management Systeme (ADMS) hinweg synchronisieren können. HInzu kommen Erkenntnisse aus Analytik und KI, die sich direkt in Maßnahmen umsetzen lassen und zu einer deutlichen Verbesserung des Netzbetriebs führen sollen.

Der Konzern sei zudem offen für eine Zusammenarbeit mit komplementären Produktpartnern, um Innovationen im Bereich Grid-Software anzustreben. Man wolle das Partnernetzwerk weiter ausbauen, um die Workflows von Kunden durchgängig zu unterstützen.

Wenn ich als Netzbetreiber jetzt schon Software von Siemens nutze, muss ich dann für die Suite alles nochmals neu aufsetzen oder kann ich diese Lösungen darin integrieren?
Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Erstens: die Software Suite ist modular. Das heißt, ich kaufe nicht die ganze Suite, sondern einzelne Bestandteile davon und implementierte die, je nachdem, wo ich in meiner Transformation stehe. Denn jeder Netzbetreiber steht ja vor einer Transformation von seiner IT und OT. Jetzt hängt es davon ab, wo ich stehe. Da helfen wir als Siemens erst einmal, dies rauszufinden und was der nächste beste Schritt ist. Dann baut man das System Schritt für Schritt um. Und wir helfen, diese sogenannten Legacy-Systeme abzulösen. Das machen wir schrittweise, sodass alles nicht mit einem großen Knall neu ist, sondern sukzessive sehr gute Verbesserungen erzielt werden und ich als Kunde nicht lange warten muss, bis alles perfekt ist.

So kommen wir von manuell geführten Netzen zu autonomen. Das ist ungefähr wie beim beim Autofahren. Früher hatte ich keine Assistenzsysteme. Dann kam das ABS-System dazu. Mittlerweile kann ich meine Hände vom Lenkrad schon ein wenig weglassen und das Lenkrad lenkt selber. Irgendwann werden wir autonom Fahren. Und das ist genau das Gleiche: Man geht vom manuellen Betrieb zum Assistenten, und letztlich zu autonomen Systemen. Diesen Weg beschreiten wir, indem wir diese Module umbauen und interoperabel machen.

Sie verfolgen auch den offenen Plattform-Gedanken, sprich, ich kann auch Lösungen von anderen Herstellern in der Suite verwenden?
Genau, wir wissen – auch wenn wir das vielleicht manchmal gerne hätten – dass kein Kunde nur Siemens-Produkte im Einsatz hat; bei der Hardware schon gar nicht. Auch bei der Software sind es keine reinen Siemens-System-Landschaften. Hier arbeiten wir mit allen gängigen Systemen. Und wir machen das einerseits, indem wir sogenannte APIs, das sind die Schnittstellen zwischen den Software-Produkten, so gestalten, dass sie gut mit fremder Software arbeiten können. Andererseits nutzen wir offene Standards. Zum Beispiel der CIM-Sandard („Common Information Model“), der es ermöglicht, zwischen Simulation und Control-Daten auszutauschen. Alle Hersteller, die diesen CIM-Standard nutzen, mit denen arbeiten unsere Systeme sehr gut zusammen.

Siemens arbeitet in diesem Zusammenhang mit den Stadtwerken Flensburg zusammen, daneben auch mit CEST Limited aus Indien, CMY Solutions und Quanta Technology aus den USA sowie Statnett aus Norwegen. Wieso haben Sie sich für die Stadtwerke Flensburg entschieden?
Wir arbeiten mit vielen Partnern in Deutschland zusammen. Es gibt ganz unterschiedliche Partnerschaften und Zusammenarbeits-Modelle. Das, was wir jetzt machen, ist eine neue Art der Zusammenarbeit zu schaffen. Hier setzen wir auf Design-Thinking-Methoden, um Probleme, die heute schon existieren bzw. die unsere Kunden beschäftigen, zu lösen. Das sind Methoden aus der Softwareentwicklung, die sich durchgesetzt haben.

Das Thema Design Thinking erlaubt auf tieferliegende Problemstellungen einzugehen und ganz neue Antworten zu finden. Hier suchen wir Kunden, die mit der gleichen Problemstellung beschäftigt sind und die eine Lösung suchen. Dann arbeiten wir mit drei, vier solcher Kunden an dem gleichen Problem. So finden wir erstens ganz neue Antworten. Und zweitens erlaubt es uns, dass wir eben nicht eine spezifische Software für Flensburg bauen, sondern wirklich eine Software, die man bei ganz vielen Kunden global skalieren kann. So können von den Innovationen, die bei den Stadtwerken Flensburg entstehen, viele profitieren.

Haben Sie ein Beispiel für eine solche Problemstellung?
Dazu gehört das Thema Transparenz in der Niederspannung. Es gibt hier am Markt wenige wirklich gute Lösungen, weil das eine Herausforderung ist, die sich auch erst neu stellt. Vorher war es in Ordnung, keine Transparenz in der Niederspannung zu haben. Jetzt, wo die erneuerbaren Ressourcen und die Ladestationen im Netz so massiv dazukommen, benötigen wird hier eine wirklich gute Lösung. Hier denken wir wirklich nochmal ganz neu drüber nach und übersetzen nicht einfach das, was man aus der Hochspannung kennt, auf die Niederspannung, sondern wir probieren ganz andere Methoden aus.

Ein weiterer Punkt ist das Thema Management von Netzwerk-Daten, also die Bereitstellung eines einheitlichen Netzwerkmodells für die verschiedensten IT-Systeme mit ihren ganz unterschiedlichen Anforderungen an solche Daten zu bauen. Das sind vor allem diese neuen Herausforderungen, an die wir angehen.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

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