Zuletzt war es etwas still geworden um die Thüga Abrechnungsplattform. Nun vermeldet die TAP Steuerungsgesellschaft Fortschritte in der Entwicklung. Für den Abrechnungskern hat man inzwischen SAP für sich gewonnen. Einer der beiden Geschäftsführer der TAP SG, Jan-Wilm Buschkamp erläutert im ZfK-Interview wie es zu diesem Schritt kam und wie es weitergehen wird.
Herr Buschkamp, die TAP wechselt von Powercloud zu SAP, was ist passiert?
Wir hatten uns mit der TAP und den TAP-Partnern 2021 aufgemacht, eine Lösung für die Digitalisierung der energiewirtschaftlichen Kernprozesse zu finden. Unser Ziel war, dass wir uns als Energieversorgungsunternehmen stärker auf die Energiewende und unsere Kunden konzentrieren können – und nicht mehr so sehr auf die Umsetzung von regulatorischen Vorgaben. In der Verbandsübergreifenden Initiative (VÜI) hatten wir uns schon zuvor für eine Software-as-a-Service ausgesprochen, mit der wir diese Prozesse einfach abwickeln können. Nach der dazu gestarteten Ausschreibung haben wir uns für Accenture als Generalunternehmer entschieden. Und die ursprüngliche Idee von Accenture war, die Technologie von Powercloud als Kern zu nutzen.
Für uns war es enorm wichtig, dass die Technologie für kleine, mittlere und große Stadtwerke geeignet ist. Denn wir decken alle Marktrollen ab – vom Vertrieb über das Netz bis hin zum Messstellenbetrieb – über alle Sparten: Strom, Gas, Wasser, Wärme und Abwasser. Es geht also um ein Paket, das alles umfasst, was ein Stadtwerk für seine Kernprozesse braucht.
Was ging dann schief?
Wir sind mit unheimlich viel Elan in das Projekt gestartet. Accenture hat viel Arbeit in das Projekt gesteckt, genauso wie wir als TAP-Steuerungsgesellschaft. Im vergangenen Jahr sind wir tatsächlich in ein schweres Gewitter geraten, weil der neue Eigentümer der Powercloud Hansen Technologies für das Los 2, also den Netzbetrieb, keine verbindlichen Bereitstellungstermine nennen konnte. Das war ein Riesenproblem, weil viele unserer Häuser SAP IS-U nutzen. Und diese Technologie läuft bekanntlich zum 31. Dezember 2027 aus der Wartung. Wir hatten also einen gewissen Zeitdruck, dieses Projekt umzusetzen.
Nach ausgiebigen Diskussionen hat sich Accenture entschlossen, nochmals nach einem neuen Technologie-Partner Ausschau zu halten. Fündig geworden sind sie bei SAP mit S/4 HANA. Und damit begann auch schon die eigentliche Arbeit, die sich sehr intensiv gestaltete. Ich selbst war bis Ende des vergangenen Jahres Teilzeitgeschäftsführer bei der TAP-Steuerungsgesellschaft und habe parallel meine Rolle IT-Leiter bei der Mainova weitergeführt. Inzwischen bin ich zum 1.1. in Vollzeit zur TAP gewechselt.
Das hat man gar nicht so mitbekommen, es war insgesamt medial sehr still um die TAP.
Ja, wir haben im letzten dreiviertelten Jahr sehr intensiv daran gearbeitet, das Projekt umzuschichten und uns mit Accenture zu überlegen, wie die TAP auch mit einer SAP-Technologie unter der Motorhaube funktionieren könnte. Deswegen war unser oberstes Ziel, erst einmal unser Projekt voranzutreiben und wieder auf die Füße zu kommen. Dafür haben wir unsere gesamte Energie eingesetzt.
Viel Zeit ist ja nicht mehr bis Ende 2027? Wie geht es denn jetzt weiter?
Wir sind sehr gut vorangekommen und mittlerweile schon wieder in der Entwicklung. Erste Blöcke sind zum Jahresende ausgeliefert worden. Accenture und SAP harmonieren sehr gut und wir sind deswegen wieder auf der Erfolgsspur. Die ersten Go-Lives sind 2026 sowohl für Lieferanten, das Netz und den MSB geplant.
Aber wollte die TAP anfangs nicht weg von SAP und jetzt bleibt man bei SAP?
Nein, so war das nicht. Wir wollen einfach eine Plattform, bei der wir uns nicht um Themen wie Formatwechsel oder weitere Regulatorik kümmern müssen. Das ist weniger eine Frage der Technologie als des Betriebsmodells. Wir wollen uns mit unseren Fähigkeiten um Themen der Energiewende kümmern. Also: Wie kann ich dynamische Tarife abwickeln, wie kann ich Prosumer besser bedienen oder meine Kunden generell direkter ansprechen? Das sind die Themen, um die sich Energieversorger kümmern sollten, aber nicht um die Anpassung eines Edifact-Formats.
Wir hatten 2021 auch eine offene Ausschreibung und SAP nie ausgeschlossen. 2021 steckte in Powercloud sehr viel Potenzial, damals war die Plattform der Rising-Star und wurde bei Eon, EnBW, EWE eingesetzt und da hatten wir schon die Hoffnung, dass das bei uns auch passt. Powercloud konnte auch nachweisen, dass sie einen klaren Plan haben, um unsere Vision auf die Straße zu bekommen. Es ist nun leider anders gekommen.
Sicherlich ist es in der aktuellen Situation auch ein Vorteil, dass S4 HANA Utilities keine komplett neue Lösung ist, sondern auf den langjährigen globalen Erfahrungen von SAP IS-U aufbaut. Es bietet ein stabiles Fundament und wir haben nun eine Software gefunden, die mit der TAP funktioniert. Es hilft natürlich auch, dass Accenture Global der größte Partner von SAP ist. Unsere Anforderungen wurden bis in die Vorstandsebenen der beiden Unternehmen diskutiert und jetzt haben wir eine gute Lösung, um den Turnaround relativ schnell hinzubekommen.
Welche Rolle spielt Accenture bei der TAP?
Accenture setzt als Generalunternehmen unsere Anforderungen um. Dazu haben wir einen umfangreichen Anforderungskatalog erstellt. Darin steht, welche Funktionalitäten die TAP enthalten soll. Zusätzlich haben wir jetzt noch die Anforderungen um ein detailliertes Prozessmodell sowohl für die Marktrolle Lieferant als auch für die Netzseite ergänzt. Das ist entsprechend dokumentiert und nach diesen prozessualen Vorgaben übersetzt Accenture unsere Anforderungen und überlegt, was muss man parametrisieren und was gegebenenfalls noch selbst entwickeln.
Accenture finanziert die Plattform vollständig vor. Die Mitgliedsunternehmen werden dann mit einem Pay-per-Use-Preis abgerechnet. Unsere Häuser haben parallel dazu ebenfalls selbst viel Arbeit in das Projekt gesteckt, indem wir zum Beispiel mit Accenture ein vollständiges Prozessmodell definiert haben.
Haben denn alle Stadtwerke, die ursprünglich Mitglieder bei der TAP waren, mitgezogen?
29 Partnerunternehmen haben sich entschlossen, den Weg weiter mit uns zu gehen. Unsere Häuser sind teilweise relativ kleine Stadtwerke mit wenigen 10.000 Zählpunkten, aber auch solche mit 200.000 bis 400.000 Zählpunkten bis hin zur Mainova, die im Moment unser größter Einzelkunde ist. Ein paar wenigen – wir waren vorher 39 Mitglieder – hatte der Prozess zur Klärung allerdings zu lange gedauert und sie haben sich für andere Optionen entschieden. Auf der E-World haben wir jedoch gemerkt, dass das Interesse an unserer Lösung sehr groß ist. Es gibt immer noch zahlreiche Häuser, die nach einer Lösung suchen und hier sind wir mit vielen potenziellen neuen Partnern im Gespräch.
Was sind die Gründe, dass manche Stadtwerke noch auf der Suche nach einem neuen System sind?
Viele IT-Prozesse sind historisch gewachsen, weil man sie irgendwann mal eingeführt hat. Aber in der Energiewirtschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten viel getan: Mit der Marktliberalisierung wurden Vertrieb und Netz getrennt, später kamen Anforderungen für intelligente Messsysteme hinzu. Man musste immer wieder an diesen Prozessen und Systemen schrauben. Deswegen sind sie nicht vollständig digitalisiert und laufen nicht automatisiert ab, sondern es entstehen immer noch Systembrüche und manuelle Arbeit. Daher der Bedarf, sich zu optimieren und bessere Lösungen zu finden. Mit der Abkündigung von IS-U sind einige gezwungen, jetzt zu handeln. Und ganz allgemein will jedes Haus seine Cost-to-Serv senken: Also, was kostet es mich, den Kunden zu servicieren.
Viele Häuser haben hier noch keine Lösungen gefunden. Man muss auch sagen, dass solche Projekte nicht einfach sind, denn man wechselt in voller Fahrt den Motor. Sie können ja nicht aufhören, Zählerstände zu sammeln, Rechnungen rauszuschicken und Zahlungen zu verbuchen. Sie müssen quasi bei voller Fahrt all diese Prozesse einmal umstellen auf ein neues System. Das sind sehr große Transformationsprojekte in den Häusern.
Wenn jetzt noch ein Stadtwerk zu Ihnen kommt und ein SAP-IS-U-Stadtwerk ist. Reicht die Zeit noch?
Wir sind eine offene Plattform und freuen uns über jeden weiteren Kunden – unabhängig davon, ob er schon SAP einsetzt. Plattformen funktionieren immer dann gut, wenn sie wachsen und möglichst viele daran beteiligt sind. Das sieht man bei anderen Plattformen wie Facebook oder Instagram. Wir leben von der Gemeinsamkeit. Die Prozesse, die wir abbilden sind standardisierbar.
Wir konzentrieren uns ganz auf den Kern und haben bewusst keine erweiterten Kundenmanagement-Fähigkeiten wie ein Kampagnenmanagement oder eine Abschlussstrecke oder Landing-Page. Das sind Punkte, in denen sich die Stadtwerke voneinander differenzieren wollen. Wir kümmern uns – so nennen wir es – um den Backoffice-Teil, der im Hintergrund des Vorhangs stattfindet. Und das ist standardisierbar. Sprich, die Häuser bekommen von uns eine standardisierte Leistung, an die sie individuell ihre Umsysteme anbinden können. Dieses Modell ist skalierbar und wir haben auch noch entsprechende Slots bis zum Ende 2027. Nicht unendlich viele, aber aktuell haben wir auf jeden Fall noch freie Migrationsfenster.
Wie unterstützen Sie die Stadtwerke bei der Migration?
Das Erste, was ein Stadtwerk für sich selbst lösen muss, ist die Frage: Wie möchte ich meine Prozesse künftig abwickeln? Dann sollte es möglichst unterschiedliche Lösungen vergleichen, also nicht nur die TAP, sondern auch die Konkurrenz und sich fragen, wo bekomme ich das beste Paket? Wir sind so selbstbewusst und optimistisch, dass wir davon ausgehen, dass sich die meisten für die TAP entscheiden, weil es für uns das Paket mit der größten Sicherheit ist. Unser Betriebsmodell ist dabei essenziell: Im Normalfall kauft ein Stadtwerk Software ein, kauft Berater dazu und Kapazitäten, damit sie diese Software anpassen. Schließlich muss noch die Migration gestemmt werden. Dieser ganze Prozess muss vom Versorger selbst finanziert werden – somit liegt das Risiko komplett bei ihm.
Bei uns wird die Plattformentwicklung von Accenture geleistet und der Versorger muss lediglich migrieren und seine Daten aus dem Altsystem extrahieren und kann schließlich unsere Plattform nutzen. Wir sind eine umfassende Lösung für Stadtwerke und decken alle Marktrollen sowie alle Sparten ab. Gleichzeitig bringen wir energiewirtschaftliches Know-how einer Thüga mit dem technologischen Know-how von Accenture sowie die Sicherheit einer etablierten Software von SAP zusammen. Und das auch noch zu einem günstigen Preis: Bei uns wird wie gesagt nur die Nutzung pro Zählpunkt bezahlt. Die wesentliche Leistung der Häuser ist also die Extraktion und Bereitstellung der Daten. Und auch hier bieten wir mit Partnern standardisierte Lösungen an, so dass es für jedes Unternehmen kalkulier- und auch planbar ist.
Das Interview führte Stephanie Gust



