
Von: Udo Ziemer, Senior Consultant beim Spezialisten für digitales Gefahrenmanagement und Leitstellentechnologie Vomatec
„Brand zerstört Busdepot der ÜSTRA“ – Solche Schlagzeilen will niemand lesen. In den Flammen verbrannten Mitte 2021 bei den Hannoverschen Verkehrsbetrieben unter anderem neun Busse, darunter fünf neue Elektrobusse. Gänzlich auszuschließen sind solche Vorfälle trotz effektiver Maßnahmen im vorbeugenden Brandschutz nicht. Aber neue Technologien können das Risiko derartig folgenreicher Großbrände mit Millionenschäden signifikant minimieren.
Gerade in Bereichen der Kritischen Infrastrukturen (KRITIS) und öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Schulen nehmen Brandschutzmaßnahmen traditionell einen hohen Stellenwert ein. Kontinuierliche Überprüfungen und die Nutzung von Sicherungsmaßnahmen gemäß dem Stand der Technik sind hierbei grundlegende Anforderungen aller einschlägigen Brandschutzleitfäden.
Building Information Modeling als Unterstützung
Und die Entwicklung bleibt dabei nicht stehen. Gerade die Digitalisierung eröffnet völlig neue Möglichkeiten, etwa im vorbeugenden Brandschutz, der den baulichen, anlagentechnischen und betrieblich-organisatorischen und in letzter Konsequenz den abwehrenden Brandschutz umfasst. Ein Beispiel liefert das Building Information Modeling (BIM), das in vielen Ländern bereits ein wesentlicher Bestandteil der Gebäudeplanung ist.
Mit BIM können sogenannte digitale Zwillinge von Gebäuden erstellt werden. Es handelt sich dabei um virtuelle 3D-Modelle, die alle Räumlichkeiten und vorhandenen Gegenstände exakt abbilden. Anhand dieser digitalen Zwillinge können Sicherheitsexperten beim vorbeugenden Brandschutz detaillierte Simulationen erstellen, zum Beispiel hinsichtlich möglicher Personenströme im Brandfall bei der Gebäuderäumung. Auf dieser Informationsbasis können der Einsatz von Löschtrupps oder die Fluchtwegeplanung optimiert und so insgesamt Evakuierungsmaßnahmen verbessert werden.
Bund fördert BIM
Die Bauwerksdatenmodellierung gewinnt auch in Deutschland derzeit an Bedeutung. So gibt es bereits verschiedene BIM-Initiativen des Bundes. Im Auftrag des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV) und des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) wird etwa ein BIM-Portal für die Digitalisierung des Bauwesens bei Bundesbauten aufgebaut. Es sollen künftig Informationen, Anwendungen und einheitliche Daten für alle BIM-Anwender zentral zur Verfügung stellen, zum Beispiel Datenbibliotheken oder Bauteileinformationen.
KI verbessert den Brandschutz
Prinzipiell ist die Digitalisierung darüber hinaus der Wegbereiter für die stärkere Vernetzung von Daten und Einsatzkräften – und damit auch für mehr Geschwindigkeit bei Löscharbeiten oder Rettungsaktivitäten. Dabei rücken insbesondere neue Technologien wie KI, Big-Data-Analytics oder Data Mining ins Blickfeld. Sie unterstützen eine effiziente Datennutzung und -verknüpfung – und zwar im Hinblick auf einen Datenbestand, der in immer größerer Quantität und Qualität zur Verfügung steht.
KI ist ein gutes Beispiel für die Vorteile, die neue Technologien bieten. So unterstützen KI-Anwendungen die Videoanalyse und damit die Reduzierung von Fehlalarmen. Auch beim interaktiven Brandschutz bringt der KI-Einsatz einen erheblichen Nutzen. Es ist beispielsweise möglich, eine KI auf die Erkennung von Bränden hin zu trainieren. In Verbindung mit einer optischen Unterstützung durch Kameras kann damit automatisch eine Rauchentwicklung untersucht, die Gefahrenlage eingeschätzt und gegebenenfalls ein Alarm ausgelöst werden – und zwar deutlich schneller als bei einer Alarmierung durch einen Brandmelder. KI kann in Zukunft auch dazu dienen, nicht nur aus einem Sicherheitsgewerk, wie Videoüberwachung, Meldungen zu analysieren, sondern systemübergreifend durch die Verknüpfung unterschiedlicher Systeme mit weiteren Sensoren eine gezieltere Alarmidentifikation sicherzustellen.
Standardisierung gewährleistet Interoperabilität
Voraussetzung für die Umsetzung solch systemübergreifender Szenarien ist eine umfassende Datenvernetzung und -aggregation, basierend auf einer Standardisierung der Schnittstellen. Die Entwicklung geht bereits in diese Richtung. So haben sich Videosysteme mit der ONVIF(Open Network Video Interface Forum)-Schnittstelle zunehmend durchgesetzt.
Sie wird von fast allen Herstellern von Videokameras inzwischen unterstützt und gewährleistet die Interoperabilität verschiedener Systeme und damit auch eine problemlose Anbindung an Gefahrenmanagementsysteme. Darüber hinaus ist bei den Zutrittskontrollsystemen ein Trend in Richtung OSDP (Open Supervised Device Protocol) als neuer Standard für die Kommunikation zwischen Controller und Lesegerät erkennbar.
Datenerhebung erhöht Brandschutz
Insgesamt stehen durch die Digitalisierung, die Standardisierung und neue Technologien mehr Daten in der Sicherheitstechnik zur Verfügung. Nutzbar sind sie etwa im Katastrophenschutz, Krisenmanagement, Rettungswesen und auch im Brandschutz. Die zunehmend vernetzten Daten sind die entscheidenden Treiber für die Prozessoptimierung – und damit in direkter Folge für eine deutliche Erhöhung des Brandschutzes, sei es in der Privatwirtschaft oder in KRITIS-Organisationen und öffentlichen Einrichtungen. (sg)



