Plattformfähigkeit prägte die Gespräche auf der E-world 2026. Im Mittelpunkt standen durchgängige Systemlandschaften für Vertrieb, Netz, Abrechnung und Kundenservice. Mit dem SAP-S/4HANA-Endtermin Ende 2027 steigt der Handlungsdruck spürbar.
Hintergrund ist das Wartungsende der bisherigen SAP-ERP-Generation. Ab 31. Dezember 2027 stellt SAP die reguläre Wartung für ältere Systeme ein. Energieversorger, die bislang auf SAP IS-U beziehungsweise ECC setzen, müssen bis dahin auf SAP S/4HANA Utilities umgestellt haben oder eine Übergangslösung wählen. Für viele Häuser bedeutet das ein tiefgreifendes Transformationsprojekt.
S/4HANA: Endspurt mit unterschiedlichen Einschätzungen
Aus Sicht von Alexander Neuhaus, Vice President Customer Advisory Energy & Healthcare bei SAP, ist der Großteil der Energieversorger auf Kurs. "Über 90 Prozent unserer Bestandskunden haben den Umstieg auf SAP S/4HANA entweder bereits abgeschlossen oder sind aktuell in Projekten", erklärte der SAP-Fachmann. Die verbleibenden Häuser hätten größtenteils Umsetzungspartner gewählt oder befinden sich im Auswahlprozess. Grundsätzlich sei davon auszugehen, dass die kommenden zwei Jahre ausreichen. Auch mit dem Hintergrund, dass Plattformanbieter aktuell einen starken Kunden-Zustrom verzeichnen. "Migrationsprojekte zu Plattformanbietern sind üblicherweise schneller, da die Basisausprägung der Lösung bereits vorhanden ist."
Im Beratungs- und Plattformumfeld klingt das zurückhaltender. Peter Stock, Partner bei Valantic, hält den Termin für "sehr sportlich", vor allem für zukünftige Vergaben. Transformationsprojekte hätten erfahrungsgemäß eine Laufzeit von mindestens einem bis zwei Jahren. Bei manchen dauere es auch länger. Auch Timo Dell, Member of the Management Board, bei RKU.IT spricht davon, dass es nach wie vor Anfragen gebe. "Erstaunlich, da die Umsetzungsfrist immer enger wird."
Mit den eigenen SAP-basierten Templates habe man auf der eigenen Plattform beide Marktrollen samt grundzuständigen Messstellenbetreiber abgebildet. Die Lösungen sei bereits bei einigen Energieversorgern live im Einsatz. "Damit sind wir im Utilities-Markt führend. Weitere Umstellungsprojekte folgen in diesem und nächstem Jahr", so Dell.
Alternativen und Plattformanbieter gewinnen Profil
Deutlicher wird die Bewegung bei Anbietern außerhalb des SAP-Kerns: Sebastian Breuel, Business Development Manager bei SIV AG, berichtet von einem Trend, der nun seit mindestens vier Jahren deutlich ausgeprägt sei. "Viele Interessenten schätzen es besonders, dass wir ihnen die Sorge nehmen können, bis Ende 2027 zwingend wechseln zu müssen, und dass wir ein verlässliches Übergangsszenario anbieten." Weitere Energieversorger könnten aufgenommen werden.
Andreas Weber, CEO der Kraftwerk Software Gruppe, registriert steigende Anfragen seit vergangenem Jahr. Im Mittelpunkt stünden Prozesskosten und Migrationsaufwand. SAP-Ablösungen seien "natürlich von besonderem Interesse". Gleichzeitig verweist das Unternehmen auf ein standardisiertes Umstellungsverfahren mit ausreichenden Ressourcen.
Ähnlich positioniert sich Wilken. Tobias Mann, Chief Customer Officer bei Wilken, berichtet von einer weiterhin hohen Nachfrage im Kontext des SAP-Umstiegs. Nicht alle Energieversorger seien bereits zukunftssicher aufgestellt. Nachdem man für die Bestandskunden ein Standardverfahren zur Umstellung entwickelt habe, seien "ausreichend Ressourcen vorhanden, um auch neue Kunden bedienen zu können."
Auch bei Schleupen sei die Nachfrage vorhanden: "Es gibt immer wieder Anfragen aus diesem Bereich. Einen deutlichen Peak bemerkten wir jedoch nicht." Man helfe Energieversorgern gerne mit der eigenen Lösung. Allerdings könne man oftmals nicht deren Wunschtiming erfüllen.
Von einem massenhaften Wechsel könne jedoch keine Rede sein: Im Massenkundensegment sei SAP weiterhin stark positioniert, schätzt Peter Stock von Valantic. Vielmehr entsteht der Eindruck einer selektiven Marktverschiebung. Der S/4-Druck erzeugt Bewegung, aber kein flächendeckendes Abrücken.
Plattformfähigkeit als Leitmotiv
Auffällig war auf vielen Ständen ein gemeinsames Narrativ: weg vom Patchwork, hin zur integrierten Plattform. Die Versorgungswirtschaft stehe nicht mehr vor der Transformation, sondern sei "mitten drin", so Weber von Kraftwerk. Gesucht werde "weniger Komplexität, mehr Durchgängigkeit und regulatorische Sicherheit über alle Marktrollen hinweg".
Dell von RKU.IT verweist auf SAP-basierte Templates innerhalb einer Plattformstruktur. Diese seien "ready2market" und bereits live im Einsatz. Ziel sei es, als Projektbeschleuniger zu wirken. Breuel von SIV betont die durchgängige Meter-to-Cash-Abbildung über alle Marktrollen. SAP wiederum sieht in Plattformmigrationen einen Beschleuniger, da Basisausprägungen bereits vorhanden seien, so Neuhaus.
Bei Wilken stand die Lösungsplattform GY im Mittelpunkt. Mann spricht von einer "zukunftssicheren, langfristig tragfähigen Plattform" mit modernem Integration Layer und starkem Ökosystem. Zukunftssicherheit, Stabilität und Plattformfähigkeit seien zentrale Gesprächspunkte gewesen.
Add-on-Spezialisten wie Cortility berichten von starkem Interesse an Erweiterungen rund um dynamische Tarife, Reporting aus dem Hauptzollamt, Netzentgelte in der Endkundenabrechnung elektronischer Kontoauszug, Monitoring Zuordnungsprozesse Strom und den Digitalisierungsthemen, wie E-Invoicing. "Wir werden auch 2027 wieder dabei sein", so das Fazit von Sascha Dörr und Holger Geiger, den beiden Geschäftsführern.
KI: Präsenz hoch, Integration entscheidend
Künstliche Intelligenz war auf nahezu jedem Stand präsent. Neuhaus von SAP spricht von KI und Datenmanagement als "zwei Seiten einer Medaille". Gute Daten seien die Grundlage für gute KI. Kunden würden sich mit dem Umstieg zu S/4 Hana den KI Services zuwenden und erkennen, dass sich dadurch Kosten, Ressourcenengpässe und Kundeninteraktionen optimieren lassen. Peter Stock von Valantic zeigte auf der Messe konkrete Anwendungsfälle, etwa zur Kraftwerksoptimierung oder zur Effizienzsteigerung im Energiesystem.
Aber auch weitere Use Cases für kosteneffizientere Energiesysteme standen bei dem Unternehmen im Fokus. Ebenso brannten die Themen Netzinfrastruktur und Versorgungssicherheit den Besuchern unter den Nägeln. "Wie lassen sich resiliente Infrastrukturen erreichen und somit die Versorgungssicherheit und die Stabilität kritischer Energieinfrastrukturen erhöhen? Wie kann man Netzbau und -Inspektion mit digitalen Lösungen vereinfachen?", erläutert Stock. Insgesamt sei der Beratungsbedarf weiterhin hoch rund um die Transformation in den Bereichen SAP S/4HANA Utilities, SuccessFactors, SAP CX- und Portallösungen sowie Finance und Controlling.
Bei Kraftwerk standen zwei große Themen im Fokus: Zum einen die Plattformstrategie, in Verbindung mit dem Thema KI. "Hier bieten wir einen Ansatz, der deutlich weiter geht als marktüblich", so Weber. Zum anderen feierte sein Unternehmen auf der E-world mit Joules.DIREKT die neue Vertriebsplattform Premiere. Sie soll Energieversorger und Vertriebspartner direkt und ohne Mittelsmänner verbinden.
Und weiter: "Für uns war diese E-world die bisher beste E-world aller Zeiten – ein deutliches Signal an den Markt. Wir haben die Kraftwerk Gruppe erstmals geschlossen auf einem gemeinsamen Stand präsentiert und unser gesamtes Lösungsportfolio – von ERP, CRM, EAM und EDM über Billing bis hin zu E-Mobility – integriert gezeigt."
Auch Wilken hebt die "sinnvolle Einbindung von AI-Komponenten in bestehende Prozesse" hervor. Die Besucher auf dem Wilken-Stand diskutierten demnach intensiv vor allem über Themen wie Zukunftssicherheit, Stabilität und Plattformfähigkeit.
Doch bei aller Dynamik bleibt eine offene Frage. Schleupen beobachtet viele interessante Ideen, "oft aber nicht darüber nachgedacht wurde, wie die Lösungen eingebunden werden sollen". KI ist damit kein reines Innovationsthema mehr, sondern ein Integrations- und Architekturthema. Ohne saubere Prozess- und Systemanbindung bleibt sie Stückwerk.
Regulierungsdruck als Rahmenbedingung
Mehrere Anbieter verweisen auf steigenden Regulierungsstress und Fachkräftemangel. "Der steigende Regulierungsstress und der Fachkräftemangel werden immer stärker zur Innovationsbremse auf Kundenseite", so Schleupen. Hoch sei das Interesse an Lösungen im Kundenservice und Kundenbindung gewesen. "Gefragt ist alles, was im Wettbewerb hilft oder die Komplexität reduziert."
Parallel rücken operative Themen stärker in den Fokus. SIV nennt Mieterstrommodelle und die Umsetzung von § 14a EnWG. Bestandskunden beschäftigte vor allem die neue Produktgeneration "kVASy CUBES". Im Mittelpunkt standen dabei konkrete Klärungen zu Themen wie Digitalisierung, Prozessautomatisierung und dem Einsatz künstlicher Intelligenz in der energiewirtschaftlichen Systemlandschaft. RKU.IT verweist auf Managed Services für die eigene Plattform, KI und Automatisierung sowie Sovereign IT und Smart Meter. Valantic berichtet von großem Beratungsbedarf in Finance, Controlling und Supply Chain.
Fazit: Transformation als Dauerzustand
Der S/4HANA-Endtermin 2027 bleibt ein zentraler Taktgeber, auch wenn die Einschätzungen zur Umsetzbarkeit auseinandergehen. Plattformstrategien gewinnen an Gewicht, Alternativanbieter erhöhen ihre Sichtbarkeit und KI wird vom Buzzword zum Integrationsprojekt.



