Viele Versorger arbeiten mit 20 Jahre alten Systemlandschaften. Drumherum wurden zig Satelliten gebaut. So etwas lässt sich nur schwer an moderne digitale Angebote anbinden.

Viele Versorger arbeiten mit 20 Jahre alten Systemlandschaften. Drumherum wurden zig Satelliten gebaut. So etwas lässt sich nur schwer an moderne digitale Angebote anbinden.

Bild: © Roman/AdobeStock

Von Stephanie Gust

Photovoltaik, Speicher, Wärmepumpen und effizientere Verbraucher führen dazu, dass Stromabsatzmengen sinken. Gleichzeitig steigen die Prozesskosten, weil §-14a-Steuerlogiken, Preissignale, 15-Minuten-Werte und immer mehr Gerätedaten verarbeitet werden müssen. Viele Versorger stecken damit in einem Dilemma: Sinkende Erlöse treffen auf steigende Komplexität.

Wolfgang Maaßen von Factur fasst es treffend zusammen: "Die Anzahl von Erzeugungsanlagen nimmt zu, zeitgleich gehen die Absatzmengen zurück. Bei einer stetig steigenden Komplexität hinsichtlich der Prozesse, Datenmengen und Systemlandschaften, gilt es, diese Effekte beherrschbar zu machen."

Während viele Stadtwerke noch nachjustieren, treten neue Anbieter mit hoher Geschwindigkeit und digitalen Prozessen auf den Markt. Ein Beispiel dafür ist Enpal: Die Berliner haben Beratung, Installation und Plattformbetrieb vollständig digitalisiert – und sogar eine eigene Messstellenbetriebs-Tochter aufgebaut (siehe Infokasten unten).

Allerdings starten neue Anbieter auf der grünen Wiese. Stadtwerke hingegen müssen ihre Bestandslandschaften umbauen. Das kostet Zeit. Zeit, die digitale Wettbewerber oft besser nutzen. Ein Branchenkenner wird der ZfK gegenüber deutlich: "Viele Versorger arbeiten mit 20 Jahre alten Systemlandschaften. Drumherum wurden zig Satelliten gebaut. So etwas lässt sich nur schwer an moderne digitale Angebote anbinden."

Neue Lösungen für Kunden

Der größte Wandel findet bei den Menschen, sprich den Kunden, selbst statt. Haushalte werden zu aktiven Teilnehmern des Energiesystems. Eon beschreibt es so: "Unsere Kundinnen und Kunden entwickeln sich von reinen Consumern zu Prosumern und Flexumern – sie produzieren selbst und nutzen ihre Assets smart."

Heimspeicher, Wärmepumpen und E-Autos werden zur neuen Normalität. "Das Energie-Ökosystem auf Kundenseite ist heute vielschichtiger", sagt Eon. Mit Home-Energy-Management-Systemen (HEMS) würden Kunden "ihre Energiewende-Komponenten intelligent optimieren – auch finanziell".

Die Stadtwerke Kaiserslautern bestätigen diesen Wandel: "Der Kunde wird vom Verbraucher zum Prosumer. Sein Blick auf Energie verändert sich komplett." Das klassische Vertriebsgeschäft verschmilzt mit Komplettlösungen. Das Thema KI sei außerdem für viele Anwendungsbereiche interessant. "Wir sind dabei, einen Weg zu entwickeln, KI prozessual dort einzubinden, wo wir sichere Lösungen bieten können." Außerdem arbeite man weiter an dem Ausbau von automatisierten Bestellstrecken für die eigene Produktwelt und weiteren Digitalisierungsprozessen, die den Kunden alles rund um die Energieversorgung leichter machen sollen.

"Unsere Kund*innen arbeiten zunehmend selbst digital und haben hohe Erwartungen an einfache und flexible Services", so auch EnBW. Deshalb bietet der Konzern komplette Energielösungen vom öffentlichen Laden bis zum HEMS an – alles über digitale Touchpoints wie die EnBW "mobility+"-App oder die neue EnBW-Energiewelt. Die IT bildet dafür die technologische Basis.

Die Stadtwerke Osnabrück nutzen, um die neuen Anforderungen abzudecken, eine Plattform: "Über unsere zentrale Softwareplattform Epilot steuern wir den gesamten Kundenprozess – von der Klickstrecke bis zur Partnerkoordination."

Ein anderes Beispiel: Die MVV-Energie-Tochter Beegy zeigt mit ihrem White-Label-HEMS, wie Stadtwerke ohne eigene Technologieentwicklung schnell skalieren können und zugleich komplizierte regulatorische Anforderungen erfüllen. "Durch die digitale Prozesskette sinken Prozess- und Servicekosten deutlich. Gleichzeitig entsteht die Basis für neue Flex-Produkte." Das System sei §-14a- und §-9-kompatibel und setzt Netz- und Preissignale lokal um – ohne Anpassungsaufwand auf Stadtwerksseite.

Neue Produkte, neue Tarife – und neuer Wettbewerb

EnBW geht noch weiter und widerspricht der verbreiteten Sorge sinkender Absatzmengen. Wärmepumpen und Wallboxen könnten die Eigenverbrauchseffekte sogar überkompensieren: "Durch die steigende Elektrifizierung der Haushalte erwarten wir in Summe einen steigenden Stromverbrauch", so der Konzern.

Parallel wächst der Markt für dynamische und flexible Tarife. Energy Metering, Messstellentochter von Octopus Energy beschreibt die Entwicklung so: "Dynamische Tarife sowie intelligente Modelle wie Intelligent Octopus, Fan Club oder Zero Bills Home stehen bei uns im Fokus." Und weiter: "Unsere Kund*innen vertrauen darauf, dass wir Verbrauch intelligent steuern – vom E-Auto bis zur Wärmepumpe."

Energy Metering installiert intelligente Messsysteme nicht nur für sich selbst, sondern für andere Marktpartner – Smart Metering as a Service. Den technologischen Vorsprung sieht man in Kraken: eine Plattform, die Prozesse automatisiert und skaliert.

Wer Prozesse automatisiert und skaliert, verschiebt Erwartungen – bei Kunden und Wettbewerbern. Diese Dynamik hinterlässt Spuren: "Der Wettbewerbsdruck ist deutlich angestiegen", bestätigen die Stadtwerke Kaiserslautern. Osnabrück beschreibt die neuen Anbieter als digital stark und marketingseitig sehr offensiv. "Unsere Antwort darauf ist die regionale Verankerung und Kooperation mit etablierten Partnern, kombiniert mit einer modernen IT-Infrastruktur und der Einführung einer HEMS-Lösung, die uns wettbewerbsfähig macht und zusätzliche Differenzierung ermöglicht", heißt es aus Osnabrück. 

Netze BW hält dagegen: "Unsere Haltung in der digitalen Welt ist Kooperation vor Konfrontation." Die Stadtwerke Duisburg sowie derDVV-Konzern blicken pragmatisch auf die Lage: "Digitale Plattformen und aggressives Auftreten allein reichen nicht um das Vertrauen in renommierte Energieversorgungsunternehmen zu zerstören. Auf eine aggressive Vertriebsphase eines Wettbewerbers erfolgt in Regel irgendwann eine Phase der Ernüchterung beim Kunden. Wir sehen die Wettbewerber, aber wir empfinden keine Bedrohung, sondern einen Wettbewerb, der den Markt belebt."

Kosten, Daten, Komplexität

Die Transformation trifft auf IT-Landschaften, die selten dafür ausgelegt sind. Viele Häuser arbeiten mit Architekturen, die über Jahre gewachsen sind. Factur beschreibt das Problem: "Wer sich nicht mit Standards, Automation und klaren Architekturen beschäftigt, wird irgendwann untergehen." Die Stadtwerke Hanau setzen gezielt auf Automatisierung: "Neue Geschäftsmodelle erfordern moderne, flexible IT-Systeme. Robotic-Process-Automation wird für uns immer wichtiger." Aufgrund der Komplexität durch IT-Projekte bilden die Stadtwerke Hanau zudem ihr Personal gezielt selbst aus – mit einem ganzheitlichen Blick aufs Unternehmen und schnelleren, effizienteren Umsetzungen.

Duisburg ergänzt die wirtschaftliche Dimension: "Ohne eine passende IT-Infrastruktur und vor allem den geschickten Einsatz von KI wird es keine neuen Geschäftsmodelle geben." Aus Sicht der Stadtwerke Kaiserslautern ist vor allem das Tempo entscheidend: "Die Herausforderung wird sein, Entwicklungen schneller an den Markt zu bekommen." Wie das gelingt? "Wir müssen Prozesse und Abläufe neu denken. Deshalb haben wir auch ein Projekt zur Funktionsanalyse gestartet, dass sich intensiv mit den internen Prozessen beschäftigt und Verbesserungspotenzialen identifiziert."

Als eine der größten Hürden der Digitalisierung beschreibt EnBW zudem weniger die Technologie, sondern eher die Organisation: "Veränderungen erfordern Offenheit, Vertrauen und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Technologische Infrastruktur ist planbarer als kulturelle oder personelle Veränderungen."

Die Stadtwerke Osnabrück weisen auf einen weiteren Faktor hin: "Die Verfügbarkeit von benötigten IT-Dienstleister-Ressourcen ist am Markt derzeit ein Nadelöhr bei der zügigen Umsetzung von IT-Lösungen."

Neue IT – die stille Voraussetzung für jedes Geschäftsmodell

Ohne moderne IT lassen sich neue Lösungen nicht wirtschaftlich anbieten, ist der Tenor fast aller Stimmen. "Viele Bestandslösungen bieten nicht genügend Entwicklungspotenzial. Deshalb haben wir GY bewusst als Greenfield-Entwicklung ohne alten Code gestartet", gibt IT-Schmiede Wilken Einblicke in seine Strategie. Und weiter: "Dass ein Anbieter Spezialist für alles ist, ist unrealistisch. Kooperation ist der einzige Weg, neue Modelle end-to-end bereitzustellen."

Den Greenfield-Ansatz verfolgt auch die TAP der Thüga und will alte Zöpfe abschneiden. Mit SAP S/4HANA als Kern und einer cloudbasierten Prozessplattform sollen regulatorische Anforderungen zentral umgesetzt werden. "Durch die Synergien der 29 Partnerunternehmen bündeln wir Wissen und kommen gemeinsam schneller und qualitativ besser zum Ziel."

Allerdings: "Das Kerngeschäft muss stabil laufen. Darüber hinaus müssen Stadtwerke ohne großen Aufwand auf neue Kundenanforderungen reagieren können", spricht SAP einen wichtigen Punkt an. Offenheit, Flexibilität und Modularität würden Innovationen erst ermöglichen. Und nicht zu vergessen: Sicherheit und Souveränität spielen bei den Systemen eine immer größere Rolle. SAP verweist auf eigene deutsche Rechenzentren und zertifizierte Infrastrukturen.

Was Stadtwerke jetzt entscheiden müssen

Neue Produkte und Plattformen lassen sich nur realisieren, wenn Stadtwerke ihre strategische Ausrichtung klären. Es geht um grundsätzliche Entscheidungen. Welche Geschäftsmodelle sollen in fünf Jahren tragfähig sein? Welche Plattformen oder Partner braucht man dafür? Welche Prozesse müssen automatisiert werden – und wo lohnt sich noch Individualisierung? Ebenso zentral ist die Frage nach der Datenbasis: Wie lassen sich Stammdaten, Schnittstellen und Prozessketten so aufsetzen, dass neue Angebote nicht in der Umsetzung steckenbleiben?

Hinzu kommt der kulturelle Wandel. Viele Versorger fragen sich, wie der Schritt vom Tarifanbieter zum Lösungsanbieter gelingt – und welche Kompetenzen dafür intern aufgebaut werden müssen. Ob dynamische Tarife, Komplettlösungen, Flexibilitätsprodukte oder White-Label-Services: Der gemeinsame Nenner bleibt die IT.

Denn, was auch auffällt: Fast alle Unternehmen – von Factur bis EnBW, von den Stadtwerken Osnabrück bis SAP – nennen denselben Engpass. Die beste Idee nützt nichts, wenn Daten, Prozesse und Projektstrukturen nicht vorbereitet sind. Im vierten Teil unserer Serie schauen wir deshalb in die Praxis: Wie plant man IT-Projekte realistisch? Welche Standards helfen? Wann lohnt sich Individualisierung? Und warum scheitern viele Projekte an der Datenqualität?

Enpal – wenn Digitalisierung zum Motor eines neuen Geschäftsmodells wird

Wie radikal neue Geschäftsmodelle aussehen können, zeigt Enpal. Das Unternehmen begann 2017 mit einer einfachen, aber provokanten Frage: Warum ist es eigentlich so kompliziert, eine Solaranlage zu bekommen? Die Antwort der Gründer: Mach es digital, mach es verständlich – und mach es zu einem "No-Brainer". Also ein Produkt, das so vorteilhaft ist, dass der Kunde praktisch nicht darüber nachdenken muss.

"Solaranlagen haben zwei Eigenschaften: High Complexity und Low Interest", so Co-Founder Viktor Wingert. Genau daraus machte Enpal seine Mission. Beratung per Video statt Außendienst, digitaler Vertragsabschluss, durchgängige Prozesse vom Angebot bis zur Installation – und ein Mietmodell ohne Anzahlung, das die größte Hürde einfach beseitigte. Plötzlich wurde PV für zehntausende Haushalte zugänglich.

Der Weg dorthin war kein Zufall, sondern Ergebnis systematischen Lernens. "Wir testeten alles", erinnert sich Wingert. "Wie muss eine Präsentation aussehen? Wie unterschreibt man digital und rechtssicher? Wie verhindert man, dass Kunden unterwegs abspringen?" Enpal arbeitete nach dem Prinzip "Kriechen – Gehen – Rennen": erst kleine Schritte, dann stabile Abläufe, dann schnelles Skalieren. Als die Pandemie kam, waren die digitalen Prozesse so ausgereift, dass die Nachfrage explodierte.

Ein entscheidender Schritt war der Aufbau der Plattform Enpal.pro. Ursprünglich sollte sie nur Lieferengpässe während der Corona-Pandemie abfedern. Doch schnell wurde sie zu einer digitalen Drehscheibe für Solar- und Heizungsbetriebe – einschließlich jener, die direkt mit Enpal konkurrieren. "Ja, damit unterstützten wir die Konkurrenz und gingen das Risiko ein, das eigene Endkundengeschäft zu kannibalisieren", so Wingert. Die Plattform eröffnete neue Erlösmodelle und machte das Unternehmen weniger anfällig für Marktschwankungen. Sie zeigt, wie digitale Lösungen Wertschöpfung verschieben können, wenn man bereit ist, das eigene Geschäftsmodell mutig weiterzudenken.

Heute ist Enpal weit mehr als ein PV-Anbieter. Über 300.000 vernetzte Anlagen, Speicher, Wallboxen und Wärmepumpen arbeiten in einem eigenen Energie-Ökosystem zusammen. Die Vision dahinter: der Haushalt als Baustein eines virtuellen Kraftwerks. "Die Solaranlage ist nur der erste Schritt", sagt Wingert. "Das wahre Potenzial liegt im vernetzten Haushalt als Teil eines größeren Energiesystems."

Ein weiterer Baustein dieser Strategie ist der Einstieg in den wettbewerblichen Messstellenbetrieb. Aus dem eigenen Bedarf heraus entwickelte Enpal eine Smart-Meter-Tochter, die heute als wettbewerblicher Messstellenbetreiber agiert und mit Stadtwerken kooperiert. Die Idee dahinter: Ohne intelligente Messsysteme lassen sich vernetzte Haushalte nicht steuern, Lasten nicht verschieben und dezentrale Anlagen nicht in ein virtuelles Kraftwerk einbinden. Für Enpal ist der Messstellenbetrieb daher nicht ein Randthema, sondern ein strategischer Hebel – die digitale Infrastruktur wird zum Fundament des gesamten Systems.

Dass dieses Modell funktioniert, liegt an der konsequent umgesetzten Digitalisierung. Enpal baute neu, statt bestehende Energiewelt zu kopieren. Für Stadtwerke zeigt dieses Beispiel, wie eng Geschäftsmodell und IT heute miteinander verwoben sind. "Wer neue Produkte anbieten will, muss neue Prozesse denken."

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