Viele Stadtwerke stehen 2026 mitten in komplexen ERP-Transformationsprojekten. Der Umstieg auf SAP S/4HANA und andere neue Systeme ist dabei weniger ein reines IT-Vorhaben als ein organisatorischer Kraftakt. Michael Kopetzki, Partner bei PWC Deutschland, sieht die Branche in einer Phase tiefgreifender Veränderungen.
Große S/4HANA-Transformationsprojekte gingen "zumeist mit einer Neuaufstellung der IT-Architektur einher", sagt Kopetzki. Im Rahmen der Energiewende stünden viele Stadtwerke genau vor dieser Aufgabe. "Sie müssen ihre Geschäftsprozesse vor der Transformation komplett durchdenken und schaffen damit die Basis für die Transformation ihrer Organisation und IT." Für die IT sei dabei "eine klare Definition der Anforderungen an das jeweilige neue System und das Scope-Management besonders wichtig". Nur so entstehe ein gemeinsames Verständnis für das angestrebte Transformationsergebnis.
Entscheidend sei zudem die Rolle der Unternehmensführung. "Neben dem Zielbild sind ein klares Bekenntnis der Geschäftsleitung zum jeweiligen IT-Projekt und eine transparente Kommunikation für den Erfolg entscheidend", sagt Kopetzki. Seine Erfahrung: "Wenn die Geschäftsleitung ERP-Projekte zu ihrer Priorität macht, sind sie besonders erfolgreich." Diese Grundsätze ließen sich sinngemäß auch auf Transformationsprojekte anderer ERP-Anbieter übertragen.
Wenn die Geschäftsleitung ERP-Projekte zu ihrer Priorität macht, sind sie besonders erfolgreich.
Standardisierung als Schlüssel – mit klaren Grenzen
Für den IT-Betrieb gewinnt Standardisierung 2026 weiter an Bedeutung. "Standardisierung wird 2026 eine bedeutende Rolle spielen, denn viele Stadtwerke müssen ihre IT-Kosten senken und Personalengpässe ausgleichen", sagt Kopetzki. Standardisierte Lösungen könnten helfen, Automatisierung und einheitliche Prozesse durchzusetzen.
Viele Anbieter richteten sich deshalb strategisch neu aus, etwa mit "Fit-to-Standard"-Ansätzen, Cloud-basierten SaaS-Lösungen für die regulierte Marktkommunikation oder service-orientierten Architekturen. Gleichzeitig bleibt die Erwartungshaltung realistisch. "Dabei wird eine einzelne Lösung nie der Komplexität aller Stadtwerke gerecht werden und diese natürliche Grenze wird auch in Zukunft bestehen bleiben", so Kopetzki.
Cloud, Plattformen und neue Betriebsmodelle
Der Wandel der ERP-Systeme beschleunigt sich seit Jahren. Agilität werde dabei zum immer wichtigeren Wettbewerbsvorteil. Cloud-basierte ERP-Systeme entwickelten sich zunehmend zum Standard, aktuell setze sich insbesondere das SaaS-Modell durch. Durch Cloud-Lösungen lasse sich "der Zugang zu Innovationen sicherstellen und der interne Verwaltungsaufwand reduzieren".
Zugleich gewinne der Aufbau ganzheitlicher Ökosysteme an Bedeutung. Anbieter entwickelten sich stärker zu Implementierungspartnern, die standardisierte Erweiterungen über Herstellerplattformen bereitstellen.
KI, Daten und Sicherheit rücken in den Fokus
Technologisch sollten Stadtwerke 2026 vor allem KI und Datenanalyse priorisieren. "Der Fokus liegt klar auf KI und Datenanalyse zur Prozessoptimierung und Effizienzsteigerung", so Kopetzki. Viele ERP-Anbieter hätten bereits reagiert und KI in unterschiedlicher Tiefe in ihre Lösungen integriert.
Zusätzlich gelte es, weitere Bereiche in die IT-Ökosysteme einzubinden, "hier sind vor allem Smart Meter und weitere IoT-Plattformen zu nennen". Gleichzeitig müsse die Sicherheit der Systeme priorisiert werden. Cyberangriffe nähmen weiter zu.
Transformation ist Organisationsaufgabe
Aus Sicht von PWC entscheidet sich der Erfolg von ERP-Transformationen weniger an der Technologie als an der Organisation. "IT-Transformationsprojekte sind dann erfolgreich, wenn das gesamte Unternehmen an einem Strang zieht", sagt Kopetzki. Entsprechend wichtig sei professionelles Change-Management, das die Anwender im Unternehmen unterstützt.
Mitarbeitende müssten frühzeitig in die Gestaltung und Implementierung neuer Prozesse eingebunden werden. "Durch die frühzeitige Einbindung können Silos aufgebrochen werden, vor allem wenn gleichzeitig Schulungen aller Mitarbeitenden stattfinden." Ergänzend sei "die Implementierung eines robusten internen Kontrollsystems für die Einhaltung von Compliance-Vorgaben notwendig".



