Von: Stephanie Gust
Die Anforderungen an Stadtwerke wachsen – und mit ihnen die Erwartungen an die IT-Systeme im Hintergrund. Regulatorische Vorgaben ändern sich in immer kürzeren Zyklen, während der Fachkräftemangel das operative Geschäft zunehmend belastet. Gleichzeitig fordern Endkundinnen und -kunden digitale Services, Transparenz und Nachhaltigkeit. In diesem Spannungsfeld avancieren ERP-Systeme vom rein administrativen Werkzeug zum strategischen Steuerungsinstrument. Die ZfK hat die bekanntesten Anbieter befragt, wie sie Stadtwerke in dieser Transformation unterstützen – und welche Lösungen sie bieten, um regulatorische Sicherheit, Effizienz und Differenzierung zugleich zu ermöglichen.
Im Vergleich zum früheren Überblick hat sich zudem einiges getan auf dem Markt: Wilken hat mit GY eine neue Plattform neben den Bestandslösungen NTS.suite und Wilken:Energy geschaffen. IS Software und MSU Solutions firmieren inzwischen unter dem Dach der Kraftwerk Software Gruppe.
Fachkräftemangel und Regulatorik dominieren die Agenda
Einigkeit herrscht bei den Anbietern darüber, was die Stadtwerke derzeit am stärksten belastet: Der Mangel an qualifizierten Fachkräften trifft auf eine immer komplexer werdende Regulierungslandschaft. Ob AS4-Kommunikation, Web-API, Lieferantenwechsel binnen 24 Stunden oder die Energiepreisbremsen – die Anforderungen werden dichter und technischer. Gleichzeitig fehlt vielerorts das Personal, um diese Anpassungen termingerecht umzusetzen.
Hinweis: Die Angaben stammen von den jeweiligen Anbietern. Betont ein Software-Haus bestimmte Funktionen, die es abdeckt, heißt dies nicht, dass andere diese Leistungen nicht anbieten.
AKTIF unterstützt hier mit gezielten Backoffice-Services und Schulungen, um sowohl fachlich als auch systemseitig Know-how aufzubauen. Auch die Plausibilisierung und Automatisierung von Messwerten wird dort als entscheidender Hebel für mehr Prozesssicherheit gesehen.
Rhenag begegnet der Herausforderung mit einem integrierten Ansatz: In Lima setze man regulatorische Anforderungen fristgerecht um. Gleichzeitig bietet das Unternehmen intensive Schulungen, fachliche Begleitung und ein transparentes Preismodell mit inkludierten Weiterentwicklungen – inklusive der neuen Web-basierten Version lima® 2.0.
SDK verweist auf ein strukturelles Problem: Viele Vorgaben wie AS4 seien auf dem Papier verpflichtend, in der Praxis aber kaum testbar, da funktionierende und angebundene Testsysteme Mangelware seien. Das erschwere Implementierung und Qualitätssicherung massiv.
Schleupen, Somentec, SAP und Wilken setzen auf Automatisierung, moderne Plattform-Architekturen und SaaS-Modelle, um den Aufwand bei der Umsetzung regulatorischer Vorgaben zu reduzieren. Dabei helfen auch neue Technologien wie Künstliche Intelligenz und Process Mining, um Prozesse intelligenter und weniger personalintensiv zu gestalten.
Differenzierung im Wettbewerb: Kundenzentrierung, Flexibilität und Plattformstärke
Neben der Pflicht zur Compliance tritt immer stärker die Kür: die gezielte Differenzierung im Wettbewerb. Ein zentrales Instrument dafür ist das Endkundenerlebnis – digital, selbstbestimmt, schnell.
Powercloud ermöglicht Stadtwerken beispielsweise, neue Produkte in unter einer Stunde live zu schalten und bestehende Prozesse vollständig aus der Cloud zu betreiben. Das eröffnet eine enorme Agilität im Produkt- und Kundenmanagement.
Wilken positioniert seine neue Komplettlösung GY als "Transformationsbooster" für die Energiewirtschaft. Durch hohe Automatisierung, kurze Time-to-Market, skalierbare Architekturen und tiefe Integration spezialisierter Partnerlösungen – etwa aus den Bereichen Portale, CRM oder KI – sollen Stadtwerke echte Wettbewerbsvorteile generieren. KI-Tools wie der Voicebot AIVA übernehmen inzwischen vollständig automatisiert Standardanfragen im Kundenservice.
SIV und SAP setzen auf eine 360°-Sicht auf den Kunden. Sie ermöglichen eine ganzheitliche Kundenansprache, inklusive Non-Commodity-Produkten. SIV hebt dabei die Bedeutung digitaler Kundenprozesse und Selfservices hervor, während SAP zusätzlich Werkzeuge zur Prozessmodellierung (etwa LeanIX und Signavio) zur Verfügung stellt, um die interne Organisation agil und wandlungsfähig zu halten.
Rhenag verweist auf eine starke Standardisierung und eine enge Verzahnung mit den Kunden: Neue Anforderungen fließen über Gremienarbeit direkt in die Standardlösung ein, API-Offenheit erlaubt zudem die Anbindung vielfältiger Umsysteme.
Schleupen kombiniert Portale, Apps und digitale Kundenprozesse in Schleupen.CS mit einem Business-Service-Modell, bei dem ganze Prozessbereiche outgesourct werden können. Das senke dauerhaft die Cost-to-Serve und eröffnet neue Serviceperspektiven für Endkunden – auch durch Smartphone-Apps und HEMS-Anbindung.
Somentec sieht den Wettbewerbsvorteil in der Spartenbreite: Querverbundunternehmen können sämtliche Spartenprozesse über ein zentrales System abbilden – das reduziert Komplexität und erhöht die operative Effizienz. Gleichzeitig wird auf hohe Individualisierbarkeit im Standard geachtet – ohne die Risiken klassischer Insellösungen.
Fünf Trends im Endkundenerlebnis
Der Endkunde rückt ins Zentrum der Systemlogik – auch das zeigen die Antworten der Anbieter. Der Fokus liegt auf:
- Digitale Portale und Apps Anbieter wie Schleupen, Wilken, Rhenag und Powercloud bieten Stadtwerken intuitive Frontends, Netzkundenportale, mobile Apps oder HEMS-Integrationen.
- Selfservices und Automatisierung Von Vertragsabschluss bis Tarifwechsel – Powercloud, SAP, SIV und Schleupen setzen auf vollständig digitalisierte Kundenprozesse, um Serviceanfragen zu reduzieren.
- Echtzeitfähigkeit und Agilität Produkte oder Prozesse lassen sich bei Powercloud und SDK binnen Stunden umsetzen – eine klare Stärke im dynamischen Wettbewerb.
- Kundenzentrierte Datenmodelle SAP und SIV ermöglichen eine ganzheitliche Sicht auf Kundendaten – auch sparten- und produktübergreifend.
- KI-basierter Kundenservice Wilken zeigt mit dem Voicebot AIVA, wie Künstliche Intelligenz den Kundenkontakt revolutionieren kann – rund um die Uhr und ohne menschliches Eingreifen.
Fazit
Der klassische ERP-Gedanke – Prozesse abbilden und abrechnen – greift in der heutigen Energiewelt zu kurz. Die untersuchten Anbieter zeigen deutlich: Moderne ERP-Systeme sind integrative Plattformen, die den Fachkräftemangel abfedern, regulatorischen Druck absorbieren und Stadtwerken helfen, am Markt sichtbar zu bleiben. Wer regulatorisch stabil, digital anschlussfähig und kundenzentriert aufgestellt ist, verschafft sich Freiräume für Innovation und wirtschaftliche Nachhaltigkeit.



