Ziel ist es, eine neuartige höherdimensionale Optimierung aller Komponenten in Nah-Echtzeit – sprich unter einer Minute – zu entwickeln.

Ziel ist es, eine neuartige höherdimensionale Optimierung aller Komponenten in Nah-Echtzeit – sprich unter einer Minute – zu entwickeln.

Bild: © Dmitri/AdobeStock

Von Stephanie Gust

Der 6. Juni markierte einen weiteren Schritt Richtung digitalisierter Energiemarkt: Seitdem ist der Lieferantenwechsel im Strombereich grundsätzlich innerhalb eines Werktags möglich. Ein Monat nach dem Start zeigt sich: Der Markt ist in Bewegung, aber von Routinebetrieb noch weit entfernt.

Der Start verlief besser als befürchtet – aber keineswegs reibungslos. Versorger, Netzbetreiber und IT-Dienstleister berichten von ersten erfolgreichen Wechseln, aber auch von massiven Herausforderungen. "Der Start des 24-Stunden-Lieferantenwechsels im deutschen Energiemarkt verläuft insgesamt erwartungsgemäß – mit deutlichen Fortschritten, aber auch mit weiterhin bestehenden Problemen im technischen Detail", fasst Thomas Elbe vom Edna Bundesverband Energiemarkt & Kommunikation zusammen.

Ähnlich auch das Fazit des Bundesverbands der Energiemarktdienstleister BEMD: "Der 24-h-Lieferantenwechsel funktioniert nach einem holprigen Start inzwischen immer besser– allerdings konnte der – verschobene – Termin am 6.6. nur mit hohem personellen und prozessualen Aufwand umgesetzt werden", erklärte Dirk Briese auf einer Veranstaltung mit circa 60 Teilnehmern.

APIs, Signaturen, Zertifikate – ein holpriger Weg zur Interoperabilität

Besonders beim Verzeichnisdienst hakt es laut dem Edna Bundesverband. Unterschiedliche Interpretationen der OpenAPI-Spezifikationen führen zu abgelehnten Anfragen – etwa weil Datentypen wie ProviderID oder Revision uneinheitlich übermittelt werden. Auch bei Zertifikaten und Signaturen herrscht Verwirrung: Mindestens zwei Versionen sind im Umlauf, was die Kommunikation zusätzlich erschwert.

"Ein Grund dafür sind teils spät kommunizierte Klarstellungen zu technischen Spezifikationen, die erst Ende Mai veröffentlicht wurden, obwohl entsprechende Anfragen bereits im Herbst 2024 gestellt wurden", so Elbe. Die Nacharbeiten binden weiter erhebliche Ressourcen bei vielen Marktteilnehmern. Trotz dieser noch vorhandenen Hürden sei zu beobachten, dass die Abläufe im Markt von Tag zu Tag stabiler werden.

"Viele Unternehmen sind derzeit noch mit der Pflege und Korrektur ihrer Stammdaten beschäftigt", so Elbe weiter. Gleichzeitig fänden aber bereits Marktprozesse statt, bei denen Anfragen und Antworten erfolgreich ausgetauscht würden – sowohl mit positiven als auch mit negativen Rückmeldungen.

Die ersten beiden Wochen im Zeitraffer: 

Diesen Eindruck bestätigt auch der Bundesverband der Energiemarktdienstleister (BEMD): Zusammengefasst verlief der Formatwechsel besser als vermutet. Der Verband gewährt Einblicke auf die ersten Tage des Umstellungsprozesses aus Sicht der Lieferanten: Am Ende des ersten Vollarbeitstages, Dienstag den 10. Juni, ergab sich ein hochgradig defizitäres Bild, bezogen auf den MaLo-Ident-Prozess. Bei einem Sample von etwa 250 Netzbetreibern waren nur etwa 10 Prozent in der Lage, die neuen Nachrichten erfolgreich zu empfangen, zu verarbeiten und zu beantworten.

"Der Startprozess des Lieferantenwechsels konnte also bei diesen 10 Prozent formal und fachlich korrekt abgewickelt werden", heißt es von Seiten des Verbandes. "Allerdings konnten überproportional viele MaLo-Ident-Anfragen gar nicht erst empfangen werden bzw. wurden sie inhaltlich so beantwortet, dass sie nicht erfolgreich waren. Insofern lag der Anteil der sachlich korrekt durchgeführten Lieferantenwechsel noch niedriger."

Die Lage am Mittwoch sei ähnlich gewesen, verbesserte sich dann aber am Donnerstag und insbesondere am Freitag. Die Tagesbilanz vom Freitag 13.6. ergab folgendes Bild: Etwa 80 Prozent der Testmenge – die übrigens alle größeren und großen Netzbetreiber beinhaltet – antwortete technisch und fachlich korrekt. Dieses Bild verstärkt sich auch in den letzten Tagen. Die Positivquote steigt nur langsam, aber kontinuierlich.

Gleichzeitig sei nach nun zwei Arbeitswochen im neuen Regime folgendes festzustellen: "Es zeigt sich eine deutliche Instabilität im Marktdatenaustausch. Hat ein Netzbetreiber noch die letzte Anfrage empfangen und beantworten können, so kann schon die nächste Anfrage – quasi eine Verarbeitungsstufe 'tiefer' – erneut auf einen Fehler laufen." Und es verbleibt ein weiteres Problem: Die Quote erfolgreicher Lieferantenwechsel liegt – bezogen auf die Gesamtmenge aller initiierten Lieferantenwechsel – nach wie vor deutlich unter dem Durchschnittswert der letzten Monate. Hier sei jedoch bislang noch kein eindeutiges Ursachen- bzw. Fehlerbild erkennbar. Die Untersuchungen dauern an, so der BEMD.

Ähnlich lief es aus der Sicht der Verteilnetzbetreiber: Die Stabilität der Prozesse nahm in der ersten Woche gegen Ende deutlich zu, so die Beobachtung des Verbands. Die geänderten Prozesse wie Lieferbeginn, Netznutzungsabrechnung oder Stammdatenänderungen befinden sich in vielen Häusern nahezu im operativen Normalzustand. Dennoch bereitet der neue Prozess zum MaLo – Ident vielen Lieferanten deutliche Probleme. "Zwar erhalten wir als Verteilnetzbetreiber die Anfragen, aber diese sind oftmals fehlerhaft und werden aus diesem Grund abgelehnt und können nicht verarbeitet werden", heißt es weiter. 

Die ZfK hat bei weiteren Akteuren des Lieferantenwechsels direkt nachgefragt:

Marktnachrichten: Flut mit Folgen

Ein deutlich spürbarer Effekt des neuen Prozesses ist die rasant gestiegene Zahl der Marktnachrichten. Bei den Stadtwerken München hat sich die Zahl der bilateralen Klärfälle laut eigener Aussage "fast verzehnfacht“. Das bedeutet: Hoher manueller Aufwand, verpasste Fristen und viele Prozesse, die (noch) nicht rundlaufen. Insgesamt habe sich die Anzahl der Marktnachrichten schlagartig vervielfacht, "was unterschiedliche Auswirkungen auf unsere Systeme und Prozesse hat". 

Es gebe auch einige Marktpartner, die eine längere Produktivsetzungsphase angekündigt hätten und zum Teil immer noch nicht marktkonform kommunizieren können. Davon betroffen seien viele Messstellenbetreiber. "Fast bei allen Marktteilnehmern gibt es noch Prozesse, die fehlerhaft sind oder noch nicht ausgeprägt", heißt es aus München. Eine Umsetzung zum ursprünglich geplanten Termin im April hätte laut SWM dazu geführt, "dass nur ein Bruchteil der Marktpartner die Prozesse hätte verarbeiten können".

Die Münchner bemängeln zudem, dass Konzeption und Entwicklung unter enormen Druck standen, "da Vorgaben und Entwicklungen erst kurz vor dem Umsetzungszeitpunkt bekannt bzw. fertig waren". Tests seien daher nur sehr eingeschränkt möglich gewesen. 

Auch Prozess- und IT-Dienstleister FACTUR bestätigt: "Nach der erfolgten Umsetzung bzw. Produktivsetzung befinden wir uns weiterhin in der Stabilisierungsphase. Das heißt, dass wir die (System-)Prozesse einem engmaschigen Monitoring unterziehen, um zeitnah reagieren zu können." So wurden unter anderem die Prozesse portionsweise gestartet und Reaktionen der Marktpartner sowie der Systeme überwacht. Dies soll ein Aufkommen einer hohen Anzahl von Klärfällen entgegenwirken.

"Wir wollen vermeiden, dass wir eine hohe Anzahl von Marktnachrichten einfach so rausschicken und im Nachgang sowohl bei uns als auch bei unseren Marktpartnern manuellen Aufwand generieren. Was wir in jedem Fall feststellen, ist die Tatsache, dass der Großteil der Endkunden das Thema 'Lieferantenwechsel in 24 Stunden' nicht kennt. Nicht weiter verwunderlich, aber dies sorgt natürlich auch für entsprechende Rückfragen bei unseren Mitarbeitenden im Kundenservice".

Erfahrungswerte aus der Praxis: Licht und Schatten

Einige Unternehmen berichten von einem gelungenen Start. "Bei der EAM aus Kassel ist die Umstellung der Systeme erfolgreich verlaufen. Unsere Prozesse funktionieren problemlos, die ersten Wechsel liefen bereits in der Woche nach dem Go-live an", erklärt ein Sprecher. Auch die Entega zeigt sich zufrieden: "Die technische Umstellung konnten wir wie geplant und erwartet erfolgreich durchführen. Wir fühlen uns gut aufgestellt und haben eine intensive HyperCare-Phase eingeplant", so Michael Ortmanns, Unternehmenssprecher der Entega und E-netz Südhessen.

Die Lechwerke berichten ebenfalls von einer planmäßigen Einführung. "Der hohe Einsatz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter war ein wesentlicher Erfolgsfaktor", heißt es aus Augsburg. Aktuell befinden wir uns in einer intensiven Begleitphase nach dem Start sowie in einer operativen Einschwingphase im Markt. Die Stadtwerke Jena beobachten, dass sich Systeme und Abläufe allmählich stabilisieren. "Wir sind arbeitsfähig, auch wenn viele Prozesse derzeit noch mit erhöhtem Aufwand verbunden sind."

 Die Städtischen Werke Kassel sind ebenfalls zufrieden, auch wenn es einige Punkte gebe, an denen man nachsteuern musste. Allerdings habe der Prozess den Markt durcheinander gewirbelt. »Einige Netzbetreiber haben die Umstellung nicht ganz so schnell umsetzen können«. Ähnliches Fazit bei Enercity: "Wir haben die die Umstellung erfolgreich umgesetzt. Mit einer intensiven Vorbereitung, dank starker Partner und des großen Einsatzes unseres Teams konnten wir die neuen Prozesse stabil etablieren." Gleichzeitig zeigt sich: Der Markt befindet sich noch in einer Übergangsphase – nicht alle Marktpartner sind bereits vollständig auf das neue Format vorbereitet. Enercity rechnet damit, dass sich das Zusammenspiel in den kommenden Wochen weiter verbessern wird. 

Deutlicher Mehraufwand

Etwas holpriger verlief es bei den Stadtwerken Kaiserslautern: "Gemeinsam mit unserem IT-Dienstleister arbeiten wir aktuell noch mit Hochdruck an einer fehlerfreien Umsetzung des LFW24 in unserem IT-System. Die größte Herausforderung ist derzeit eine funktionierende Marktkommunikation in unseren R3-Systemen. In unserem S4 System (Netz), mit dem wir erst vor kurzem in Rekordzeit an den Start gegangen sind, konnten wir die von SAP ausgelieferten Standard-Prozesse noch nicht komplett implementieren sowie vorab nicht im notwendigen Umfang testen."

Zwar gingen die Stadtwerke Kaiserslautern davon aus, dass zum Start wenige Prozesse fehlerfrei funktionieren würden und viel Mehrarbeit sowie hoher Abstimmungsbedarf bestehen würde: "Dennoch hatten weder wir noch unser IT-Dienstleister ein solches Volumen an Abstimmungen und erforderlichen Optimierungen erwartet. Das bindet unglaublich viele Ressourcen in unseren Teams und verursacht eine Vielzahl an manueller Arbeiten (z.B. An- und Abmeldungen, EoG) und damit verbunden einen deutlichen Mehraufwand", so ein Sprecher. Eine belastbare Aussage, wann der LFW24 dort fehlerfrei laufen wird, sei derzeit nicht möglich. 

Mangelnde Verfügbarkeit von externen Dienstleistern zur Unterstützung

Die funktionierende Marktkommunikation habe höchste Priorität. "Um zügige Lösungen zu finden, plant unser IT-Dienstleister hier auf weitere externe Unterstützung durch spezifizierte Entwicklerteams zurückzugreifen. Allerdings ist die Verfügbarkeit am Markt kurzfristig kaum möglich.“

Sachsenenergie wiederum meldet: "Grundsätzlich können wir alle Wechselanfragen technisch beantworten, aber die Verteilung der Stammdaten funktioniert noch nicht reibungslos zwischen den Marktpartnern." Die Folge: Rückstau bei Kundenanliegen und zusätzlicher manueller Aufwand – wenn auch ohne nennenswerte Auswirkungen im Kundenservice bislang. "Im Kundenservice sind die Auswirkungen bislang nicht so groß, wie erwartet. Die Kundenanliegen haben sich aktuell nicht erhöht, so dass wir für unsere Kunden weiterhin sehr gut erreichbar sind."

Kritik an Zeitplan und Sinnhaftigkeit

Kritik gibt es weiterhin an der politischen Umsetzung. "Die gesamte Branche ist durch die Umstellung stark gefordert", so die Stadtwerke Jena. Die Systeme seien arbeitsfähig, aber mit erhöhtem Aufwand. Die Stadtwerke München halten den Zeitdruck durch den vorgezogenen Start für unnötig. Schließlich hätte die EU-Richtlinie erst ab Januar 2026 einen Tageswechsel gefordert.

Noch deutlicher wird Timo Dell von rku.it auf LinkedIn: "Die volks- und betriebswirtschaftliche Sinnhaftigkeit dieser regulatorischen Maßnahme wurde unternehmensübergreifend deutlich in Frage gestellt." Zwar seien nur wenige technische Mängel feststellbar, doch deren Auswirkungen seien gravierend. Viele Marktpartner lieferten "inhaltlich nicht die für den Prozess erforderlichen Daten", was wiederum Ablehnungen und manuelle Nacharbeit verursache. Ähnlich der BEMD, der den geringen Mehrwert für den Kunden in Frage stellt – "zumindest was die Komplexität der deutschen Vorgabe sowie der Synchronisation innerhalb der EU betrifft."

Lieferantenwechsel in 24 Stunden für Gas

Die Bundesnetzagentur äußerte sich auf Anfrage der ZfK wohlwollend gegenüber dem aktuellen Prozess: "Umfangreiche Prozessumstrukturierungen bedürfen im tatsächlichen Betrieb gewisser Stabilisierungsphasen. Der Bundesnetzagentur liegen derzeit nur vereinzelte Beschwerden vor", heißt es aus Bonn.

Die Behörde machte allerdings auch klar, dass als Nächstes der Prozess im Bereich Gas ansteht. Auf Nachfrage, bis wann der Lieferantenwechsel in 24 Stunden für Erdgas umzusetzen sei, antwortet die Bundesnetzagentur vage: "Es besteht eine europäische Vorgabe dazu, die einer Umsetzung ins nationale Recht durch den Gesetzgeber bedarf." Diese Umsetzung sei bislang jedoch noch nicht erfolgt.

Der BEMD plädiert dafür, die jetzt gesammelten Erfahrungen aus der Implementierung des 24-Stunden-Lieferantenwechsels unbedingt für die anderen Sparten wie Gas zu übernehmen – und zwar von allen Beteiligten, auch dem Gesetzgeber und dem Regulator.

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