Ziel des MaBiS-Hubs ist es, Marktprozesse zu vereinfachen, Schnittstellen zu reduzieren und die Abrechnung effizienter zu machen. Doch das gelingt nur, wenn gleichzeitig Transparenz und Reaktionsmöglichkeiten für alle Beteiligten gewahrt bleiben.

Ziel des MaBiS-Hubs ist es, Marktprozesse zu vereinfachen, Schnittstellen zu reduzieren und die Abrechnung effizienter zu machen. Doch das gelingt nur, wenn gleichzeitig Transparenz und Reaktionsmöglichkeiten für alle Beteiligten gewahrt bleiben.

Bild: © Unicorns/AdobeStock

Von Stephanie Gust

Für Verteilnetzbetreiber (VNB) ist die Bilanzkreisabrechnung kein Randthema – sie ist integraler Bestandteil des Energiemarkts. Doch ausgerechnet in diesem sensiblen Bereich droht durch die geplante Einführung des sogenannten MaBiS-Hubs ein Risiko-Ungleichgewicht: Die Verantwortung für Daten und Fehler verbleibt beim Verteilnetzbetreiber – auch wenn er keinen Einfluss mehr auf deren Verarbeitung hat. Der Bundesverband Edna warnt deshalb vor einem "Paradigmenwechsel mit einseitigen Lasten" und fordert klare Regeln beim Clearing von Abweichungen.

Was ist der MaBiS-Hub?

Hinter dem Begriff steht eine tiefgreifende Umstellung im Strommarkt. Bisher verantworten die Netzbetreiber dezentral die Bildung und Prüfung der sogenannten Zeitreihen – also die Daten darüber, wie viel Strom in einem Netzgebiet tatsächlich geflossen ist. Diese Zeitreihen werden mit den prognostizierten/gemessenen Werten abgeglichen, um Differenzen zu erkennen und auszugleichen. Die Regeln dafür sind in den "Marktregeln für die Durchführung der Bilanzkreisabrechnung Strom" (MaBiS) festgelegt.

Mit dem geplanten MaBiS-Hub soll dieses System zentralisiert werden. Künftig würden die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) alle bilanzierungsrelevanten Daten an einer zentralen Stelle aggregieren und abrechnen. Die Verteilnetzbetreiber hätten dann nur noch die Aufgabe, ihre Stammdaten zuzuliefern. Kontrolle, Einsicht in die Bildung der Summenzeitreihen und die Möglichkeit zur Detailprüfung wären stark eingeschränkt. Für viele Netzbetreiber bedeutet das einen erheblichen Verlust an Datenhoheit.

Deltazeitreihenübertrag: Verantwortung ohne Zugriff

Ein besonders kritischer Punkt ist der sogenannte Deltazeitreihenübertrag (DZÜ). Dabei handelt es sich um eine Art Differenzmeldung: Stimmt etwas bei den gelieferten oder aggregierten Zeitreihen nicht, entsteht eine Abweichung – diese wird per DZÜ übertragen.

Aktuell weist der Verteilnetzbetreiber Abweichungen aktiv zurück oder akzeptiert diese. Unmöglich wird dieses Vorgehen, wenn er nur an einem (ggf. kleinen) Teil schuld hat. Es kann nur in Gänze akzeptiert oder abgelehnt werden. Eine Ablehnung wird von den Übertragungsnetzbetreibern nicht ohne weiteres akzeptiert, sodass man das Gefühl bekommt, dass auch schon jetzt Verteilnetzbetreiber eher zu einer vollständigen Übernahme der Abweichungen "gedrängt" werden.  "Schon heute ist das ein Risiko, weil das manuelle Clearing dieser Fälle aufwendig ist", sagt Oliver Kunz, Prokurist bei der Ene't GmbH und Mitglied der Edna-Projektgruppe MaBiS-Hub. "Doch mit dem zentralen MaBiS-Hub würde dieser Mechanismus der Übernahme der Abweichungen zur Regel – bei gleichzeitig sinkender Transparenz."

Denn die Verteilnetzbetreiber können künftig nicht mehr selbst rekonstruieren, wie eine zentrale Summenzeitreihe zustande kam. Sie erhalten lediglich das Ergebnis – aber nicht die einzelnen Schritte der Aggregation. Dadurch fehlen ihnen wichtige Informationen, um Fehler überhaupt erkennen und begründet zurückweisen zu können.

Kostenrisiken ohne Verursacherprüfung

Die Folge: Der Verteilnetzbetreiber trägt nicht nur die Verantwortung, sondern auch die finanziellen Risiken. Kommt es zu einer fehlerhaften Bilanzierung, etwa durch falsche Zeitreihen oder aggregierte Werte, entstehen Kosten – etwa durch zu bezahlende Ausgleichsenergie. Darauf weist der Edna Bundesverband hin. Diese Kosten trägt derzeit derjenige, der die Abweichung nicht erfolgreich gecleart hat. In der Praxis sind das fast immer die Verteilnetzbetreiber, weil ihnen der Einblick fehlt oder das Clearing zu aufwendig ist.

"Ohne eine faire Regelung wird es künftig kein signifikantes Clearing mehr geben. Alle Risiken landen automatisch beim Verteilnetzbetreiber", warnt Kunz. Der Edna-Bundesverband fordert deshalb, das Verursacherprinzip gesetzlich oder regulatorisch zu verankern: Wer einen Fehler in der Datenverarbeitung verursacht, muss auch die Konsequenzen tragen – und nicht derjenige, der die Stammdaten "nur" zugeliefert hat.

Gefahr für den Marktprozess

Die Kritik der Projektgruppe richtet sich nicht gegen das Prinzip der Zentralisierung an sich. Ziel des MaBiS-Hubs ist es, Marktprozesse zu vereinfachen, Schnittstellen zu reduzieren und die Abrechnung effizienter zu machen. Doch das gelingt nur, wenn gleichzeitig Transparenz und Reaktionsmöglichkeiten für alle Beteiligten gewahrt bleiben. Andernfalls entsteht ein System, das zwar formal korrekt arbeitet – aber informell die Kontrolle einzelner Marktrollen einschränkt.

Für viele Netzbetreiber steht deshalb mehr auf dem Spiel als nur eine technische Umstellung. Es geht um die Frage, wer in einem hochgradig datengetriebenen Marktmodell Verantwortung trägt – und wer nicht. Ohne tiefen Einblick in die zentralen Prozesse ist eine sachgerechte Bilanzierung kaum möglich.

Projektgruppe sucht Mitstreiter

Die Edna-Projektgruppe MaBiS-Hub arbeitet derzeit an Vorschlägen für eine ausgewogenere Umsetzung. Ziel ist es, die Interessen der VNB gegenüber der zentralen Stelle zu stärken und praktikable Wege für ein faires Clearing zu entwickeln. "Wir wollen konstruktiv mitarbeiten, damit die geplanten Änderungen nicht zu einem dauerhaften Nachteil für Netzbetreiber werden", betont Kunz.

Unternehmen, die sich an der Projektarbeit beteiligen möchten, können sich direkt an die Edna-Geschäftsstelle wenden (Kontakt: richard.plum@edna-bundesverband.de).

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