Die Energiewirtschaft muss nicht nur unter den Vorzeichen des russischen Angriffskrieges ihre Geschäftsbeziehungen neu sortieren – die Stakeholder erwarten auch, dass Unternehmen mit neuen Geschäftsmodellen und innovativen Lösungen für die Dekarbonisierung den Weg in die Zukunft bereiten. Damit gehen auch neue Anforderungen an die Enterprise-Resource-Planning-Lösungen (ERP) der Unternehmen einher.
Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland (PwC) hat daher mit der Neuauflage ihrer ERP-Studie für die Energiewirtschaft untersucht, inwiefern aktuelle Lösungen führender ERP-Anbieter diese Anforderung erfüllen können. Grundlage bildet eine Befragung von insgesamt 16 Anbietern. Die Studienergebnisse sollen Unternehmen aus der Energiewirtschaft einen transparenten Überblick über die am Markt verfügbaren ERP-Lösungen bieten.
Teilnehmer der ERP-Studie von PwC
Teilgenommen haben die Unternehmen: Aktif Technology, ArcMind Technologies, AXP Consulting, iS Software, IT Vision Technology, Klafka & Hinz Energieinformations-Systeme, Lynqtech, msu.solutions, Powercloud, Robotron Datenbank-Software, SAP Deutschland, Schleupen, SDK, SIV.AG, Somentec Software, Wilken Holding
Ergebnisse
Besonders überraschend bewertete Michael Kopetzki, Partner, Energy & Utilities bei PwC Deutschland und einer der Mitautoren der Studie, die mittlerweile beeindruckende Anzahl Anbieter, die weg von der reinen Abrechnungsorientierung hin zu einer Produkt- und End-to-End-Prozessorientierung gefunden und dies so in ihren Lösungen auch ausgeprägt haben.
Gegenüber der Studie von 2020 haben die Anbieter Kopetzki zufolge noch deutlicher geäußert, dass Plattformen und Ökosysteme mit der damit verbundenen Modularität eine immer größere Rolle spielen und dass sich grundsätzlich alle Anbieter diesem Thema in ihren Architekturen widmen.
Ziel der Studie sei es gewesen, den Interessierten die Chance geben, die zu ihrem individuellen Bedarf – wie die Suche nach spezifischer Teilfunktion für ein neues Geschäftsmodell, komplette Ablösung der ERP-Landschaft, Wechsel der Lösung nur für eine bestimmte Marktrolle – am besten passenden Lösungsanbieter zu finden.
Gewinneinbrüche stehen nötigen Investitionen in die IT-Landschaft gegenüber
Gängige Lösungen werden dabei von den Anbietern zunehmend auf Webservices und Betriebsmodelle in der Cloud umgestellt. Lieferanten, Netzbetreiber, Messstellenbetreiber und andere Energiedienstleister müssen auf diesen Veränderungsdruck reagieren und ihre ERP-Systeme modernisieren, so PwC.
Ein notwendiger Schritt, der allerdings nicht ganz unproblematisch sei: „Den notwendigen Investitionen in die Modernisierung der IT-Landschaft stehen die zum Teil drastischen Gewinneinbrüche durch die angespannte Lage am Rohstoffmarkt und die Pflicht zur Grund- und Ersatzversorgung entgegen“, erklärte dazu Folker Trepte, Leiter Energiewirtschaft bei PwC Deutschland.
Architekturen
So war eine der Erkenntnisse bei den Lösungsarchitekturen, dass sich moderne Archtekturen dunter anderem durch wesentlich kürzere, agile Entwicklungszyklen, eine hohe Modularität und Integrationsfähigkeit auf allen Ebenen sowie die Einbettung in ein ganzheitliches Enterprise-Achitecture-Management auszeichnen. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen demnach , dass auch die klassischen Lösungsanbieter diesem Trend folgen bzw. gefolgt sind. So stellen alle betrachteten Lösungen webservice-orientierte Zugriffsmöglichkeiten bereit, teilweise auch mit einem komplett Microservice-orientierten Design.
Einige Anbieter verwenden zudem Open-Source-basierte Module und betten diese in ihre Produkte ein. Die Integrationskonzepte der Lösungsanbieter unterscheiden sich allerdings. So verwenden manche Anbieter kommerzielle Integrationslösungen, die das komplette Spektrum von der Middleware bis zur umfassenden Enterprise-Service-Bus-Lösung abdecken können. Andere Lösungsanbieter stellen Application Programming Interfaces (APIs) bereit, die in der Regel eine Mischung aus File-Schnittstellen, gängigen Markt- und Herstellerformaten und punktuellen Webservices darstellen.
Betriebsmodelle
On-Premsies spielen noch immer eine wichtige Rolle, weil ein EVU beispielsweise selbst Rechenzentren betreibt und diese auslasten möchte. Oder die Wahl fällt aus Akzeptanzgründen auf eine On-Premise-Lösung, weil das EVU trotz der heute durchaus möglichen hohen Informationssicherheit und der freien Serverstandortwahl bei großen Plattformanbietern, auch Hyperscaler genannt, die Steuerung der Datenflüsse möglichst weitgehend in der eigenen Hand behalten möchte.
Vor allem die traditionellen ERP-Komplettanbieter haben daher weiterhin On-Premise-Lösungen im Portfolio. Einen deutlichen Zuwachs haben laut Studie Cloud-Modelle gefunden, bei denen die Hardwareressourcen nicht beim Kunden, sondern im Extremfall beliebig im Netzwerk verteilt sind. Für energiewirtschaftliche ERP-Lösungen zeichnen sich einige wesentliche Trends ab.
Digitalisierungstrends
Die Kundenerwartung ist, das komplette Angebot eines EVU über alle digitalen Kanäle stets in gleicher Qualität und Konsistenz in Anspruch nehmen zu können. Bestellungen und Aufträge sollen unabhängig von Ort und Zeit verfolgt und bearbeitet werden können. Im energiewirtschaftlichen Umfeld verfügen vor allem die Lösungen für Workforce-Management über entsprechende Funktionen, es gibt aber auch den Trend, diese Möglichkeiten im Customer-Selfservice-Bereich der ERP-Lösungen bereitzustellen, heißt es weiter.
Eher schleppend gestaltet sich die Digitalisierung im Bereich Messen, Zählen und Steuern. Intelligente Messsysteme sollen hier eine zentrale Rolle spielen. Mangels Verfügbarkeit beschränken sich die ERP-Lösungen heute eher auf die Abbildung der regulatorisch vorgegebenen Datenaustauschprozesse.
Allerdings sei bei den ERP-Lösungen der Trend zu beobachten, weniger in Abrechnungen und mehr in Produkten zu denken. Schon heute bedingt die Digitalisierung Produkte und Geschäftsmodelle, die weit über den Vertrieb von Commodity-Produkten (Strom, Gas, Wasser, Wärme) hinausgehen. Zudem müssen EVUs in der Lage sein, komplexe Leistungsangebote wie die Kopplung von Energielieferung, Wärme-Contracting, Überwachungsaufgaben und Energieoptimierung anzubieten, zu liefern, fehlerfrei abzurechnen und zu verbuchen.
Viele Anbieter haben ihre Lösungen mit leistungsfähigen Produktgeneratoren angereichert, die die Gestaltung sehr komplexer Produkte und deren unmittelbare Abwicklung und Abrechnung sehr gut integrieren. Dadurch werden integrierte Produkte auch in den Bereichen E-Mobilität, autonomes Fahren, Smart City, Sharing Economy, Heizkraftwerke, Wärmelieferung, Wasserabrechnung, Bauleistungen, ÖPNV etc. ermöglicht, heißt es weiter.
Ein weiterer bereits heute im ERP-Umfeld wirkender Digitalisierungstrend ist die Automatisierung der Energienetze auf Letztverbraucher-Ebene, das heißt die Nutzung intelligenter Stromnetze (Smart Grids). So entsteht derzeit aus der Umsetzung der Redispatch-2.0-Anforderungen die Notwendigkeit, Echtzeitprozesse mit ERP-typischen Funktionsbereichen zu verknüpfen. Auch diese Prozesse benötigen für ihre Abwicklung Stammdaten aus den Verträgen zwischen Marktteilnehmern. Deren automatisierte Verarbeitung ist zwingende Voraussetzung für die Beherrschung der großen Menge an Akteuren und Anlagen im dezentralen Bereich.
Im Bereich der energiewirtschaftlichen ERP-Lösungen sind dort erste Lösungsansätze erkennbar, wo die Anbieter mit entsprechend aufgestellten Netzbetreibern oder Anlagenaggregatoren zusammenarbeiten
Schrittweise Modernisierung eröffnet neue Potenziale
„Um in Anbetracht des Kostendrucks gangbare Kompromisse bei der Modernisierung der ERP-Landschaften zu finden, empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen. Modulare, plattformbasierte Lösungen begünstigen eine solche Strategie. Sie erlauben die Implementierung neuer Funktionen wie zum Beispiel für die Personalplanung oder Verbrauchsabrechnung, ohne das komplette System aktualisieren zu müssen“, erklärt Michael Kopetzki.
Über einen mehrstufigen Roll-Out neuer Funktionen lassen sich bei vielen Anbietern auch die Schnittstellen zu den Kunden digitalisieren, ohne die dahinterliegende Architektur auszutauschen. So haben sich in den letzten Jahren neue Anbieter in Bereichen wie der Abrechnungssoftware für energiewirtschaftliche Prozesse etabliert und in diesem Segment deutliche Marktanteile gewonnen. Die neu aufgelegte ERP-Studie für die Energiewirtschaft zeige solche Entwicklungen transparent auf, biete Orientierung und vereinfache damit die Lösungsfindung für Unternehmen aus der Branche. Die Studie finden Sie hier. (sg)



