Große, steuerbare Einspeiseanlage am Logport in Duisburg

Große, steuerbare Einspeiseanlage am Logport in Duisburg

Bild: © Stadtwerke Duisburg

Von Stephanie Gust

Datenlücken, fehlende Steuerbarkeit, unausgereifte Bilanzierungsmodelle: Bei der Umsetzung von Redispatch 2.0 stehen viele Verteilnetzbetreiber immer noch vor großen Herausforderungen. Während die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) das neue Regime bereits etabliert haben, ringen kleinere Netzbetreiber mit der technischen und organisatorischen Umsetzung. Die Netze Duisburg zeigen, wie sich auch in dieser Gemengelage praxistaugliche Lösungen entwickeln lassen – und wie die Lösung andere Stadtwerke unterstützen kann.  

Redispatch 2.0 – Aktueller Stand

Hintergrund

Was ist Redispatch 2.0?
Ein neues, netzübergreifendes Verfahren zur Vermeidung von Netzengpässen, das auch Erneuerbare-Energien- und KWK-Anlagen ab 100 kW einbezieht

Rechtsgrundlagen:
EnWG §§ 13, 13a, 14; StromNZV § 11a; seit 2025 ergänzt durch § 12 EnWG (Anlagen-TÜV)

Status Übertragungsnetz:
✓ Redispatch mit Planwertmodell und bilanzieller Abwicklung erfolgreich umgesetzt

Status Verteilnetz:
✕ Bilanzierung durch VNB gescheitert; Pilotprojekte abgebrochen
→ Übergangsweise übernimmt der Bilanzkreisverantwortliche (BKV) die Abrechnung

Neuer Vorschlag:
→ Festlegungsverfahren BK6-23-241 sieht vor, das Planwertmodell auch im Verteilnetz einzuführen
→ Steuerbarkeits-Check für alle relevanten Anlagen ist verpflichtend (§ 12 EnWG)
→ ÜNB sollen künftig maßgeblich an der Prozessentwicklung mitwirken


Zeithorizont:
Es gibt keine verbindliche Deadline, aber eine Umsetzung "bis spätestens 2030" gilt als wahrscheinlich. Die Bundesnetzagentur verzichtet bewusst auf starre Fristen, um praxisgerechte Lösungen zu ermöglichen.

Michael Hoffmann, Projektverantwortlicher bei den Netzen Duisburg

© Netze Duisburg

Technische Umsetzung als Daueraufgabe

"Eigentlich ist Redispatch 2.0 ein System, das nie ganz fertig wird", sagt Michael Hoffmann, Projektverantwortlicher bei den Netzen Duisburg. Seit 2020 arbeitet das Unternehmen an der Einführung der neuen Prozesse – für den eigenen Netzbetrieb ebenso wie als Dienstleister für kleinere Stadtwerke. Immer wieder mussten Formate angepasst, Systeme erweitert und Steuerprozesse überarbeitet werden. Die größte Herausforderung liegt aus seiner Sicht in der ständigen Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen. "Alle sechs Monate bringt der BDEW neue Vorgaben, die uns zu kontinuierlicher Nacharbeit zwingen. Es gibt keinen stabilen Zustand."

Schon vor dem offiziellen Starttermin im Oktober 2021 war klar, dass viele Anlagen im Verteilnetz technisch gar nicht für den Redispatch geeignet sind. Entweder fehlte die Fernsteuerbarkeit oder die Datenqualität war unzureichend. Das bestätigt auch die Bundesnetzagentur in einer Stellungnahme. Die ursprünglich vorgesehene bilanzielle Abwicklung durch Verteilnetzbetreiber konnte nicht umgesetzt werden. Pilotprojekte, die unter anderem mit Übertragungsnetzbetreibern durchgeführt wurden, mussten abgebrochen werden. Stattdessen gilt bis heute die sogenannte BDEW-Übergangslösung. Dabei erfolgt der bilanzielle Ausgleich über den Bilanzkreisverantwortlichen des Stromlieferanten. Der Netzbetreiber trägt die Verantwortung und erstattet die Kosten.

Vom Test zum TÜV: Steuerbarkeit rückt in den Fokus

Als einer der zentralen Hebel zur Verbesserung der Lage gilt der sogenannte "Anlagen-TÜV", der seit 2025 für alle relevanten Erzeugungsanlagen verpflichtend ist. Nach § 12 EnWG müssen die Betreiber jährlich die technische Fernsteuerbarkeit nachweisen – eine Reaktion auf die massiven Umsetzungsprobleme der vergangenen Jahre. Hoffmann: "Wir hatten bei uns schon vorab ein internes Projekt gestartet, um unsere Anlagen durchzuprüfen. Dass es jetzt einen rechtlich verpflichtenden Steuerbarkeitscheck gibt, bestätigt unsere Herangehensweise."

Auch die Übertragungsnetzbetreiber sehen darin einen wichtigen Baustein. In ihren Umsetzungsleitlinien zum § 12 EnWG definieren sie konkrete Verfahren, wie die technische Erreichbarkeit überprüft und gegebenenfalls nachgerüstet werden soll. Ziel ist es, sowohl die Steuerbarkeit der Anlagen als auch die Datenqualität zu erhöhen. Parallel dazu wollen die Übertragungsnetzbetreiber die Komplexität der bestehenden Prozesse reduzieren und für alle Beteiligten handhabbarer machen.

Sebastian Heye, einer der Mitentwickler

© Netze Duisburg

Von Netzbetreiber zu Netzbetreiber: Duisburgs Softwarelösung

Um anderen Netzbetreibern die Integration von Redispatch 2.0 zu erleichtern, haben die Netze Duisburg eine eigene Softwarelösung entwickelt. Diese unterstützt bei der technischen und organisatorischen Umsetzung. Sie übernimmt unter anderem die automatisierte Anbindung an die Kommunikationsplattform Connect Plus, die Erstellung von Einspeiseprognosen, die Planung netztechnischer Einsatzzeiten sowie auf Wunsch die Steuerung der Anlagen. 

"Unser Ziel war es, die Einstiegshürden so niedrig wie möglich zu halten", sagt Sebastian Heye, einer der Mitentwickler. "Die Netzbetreiber müssen nur die steuerbaren Ressourcen identifizieren. Die Abwicklung übernehmen wir."

Für kleinere Stadtwerke, die oft nur wenige Fachkräfte für Netzprozesse haben, sei das ein wichtiger Vorteil. "Viele sind froh, wenn sie sich nicht allein durch Formatwechsel, IT-Prozesse und Schnittstellen quälen müssen", sagt Michael Krämer, Vertriebsleiter bei Stadtwerke Duisburg Metering. "Wir verstehen uns nicht als typischer Dienstleister, der kurz durchhuscht und dann verschwindet, sondern als Partner auf Augenhöhe."

Michael Krämer, Vertriebsleiter bei Stadtwerke Duisburg Metering

@ Stadtwerke Duisburg Metering

So funktioniert es im Detail

Die Lösung der Netze Duisburg ist modular aufgebaut und bildet den gesamten Redispatch-2.0-Prozess ab – von der Stammdatenpflege über die Prognoseerstellung bis hin zur Abrufkommunikation und Steuerung. Herzstück ist die Anbindung an Connect Plus, über die automatisiert die Kommunikation mit Einsatzverantwortlichen, Bilanzkreisverantwortlichen und anderen Netzbetreibern erfolgt.

Für jede steuerbare Ressource werden Einspeiseprognosen berechnet und regelmäßig aktualisiert. Die Lösung verarbeitet die Planungsdaten der Einsatzverantwortlichen, ermittelt netztechnische Zeitreihen und stellt diese wiederum über Connect Plus zur Verfügung. Wenn Redispatch-Maßnahmen erforderlich sind, können Abrufe entweder manuell durch den Netzbetreiber ausgelöst oder automatisiert über die Software abgewickelt werden – sofern entsprechende Steuertechnik vorhanden ist.

Ergänzend bietet das System ein strukturiertes Ressourcenregister, in dem alle relevanten Anlagen geführt werden. Dieses unterstützt nicht nur beim Redispatch, sondern auch bei der Umsetzung des § 12 EnWG, etwa durch Nachweisführung über die technische Erreichbarkeit und Steuerbarkeit. Ein internes Monitoring prüft regelmäßig, ob die Anlagen wie vorgesehen reagieren, und dokumentiert die Ergebnisse zur weiteren Auswertung.

Die Lösung ist bei den Netzen Duisburg selbst im Einsatz, wird aber auch im Rahmen eines Dienstleistungsangebots für andere Netzbetreiber betrieben – etwa für kleinere Stadtwerke, die keine eigene Redispatch-Infrastruktur aufbauen wollen.

Bundesnetzagentur und Übertragungsnetzbetreiber fordern Neuausrichtung

Derzeit läuft bei der Bundesnetzagentur das Festlegungsverfahren BK6-23-241. Ziel ist es, die gescheiterte VNB-Bilanzierung durch eine neue, pragmatischere Lösung zu ersetzen. Vorgesehen ist unter anderem eine Ausweitung des Planwertmodells auf das Verteilnetz. Die Auswahl konkreter Anlagen soll durch die Verteilnetzbetreiber erfolgen – aber auf Basis von Vorgaben der Übertragungsnetzbetreiber.

Diese begrüßen ihre neue Rolle ausdrücklich. "Die Systemsicherheit verlangt ein einheitliches, massengeschäftstaugliches Verfahren. Wir bringen unsere Erfahrungen ein, um gemeinsam mit den Verteilnetzbetreibern die Prozesse weiterzuentwickeln", erklärten die vier Übertragungsnetzbetreiber gegenüber der ZfK.

Jens Kiefel, Kaufmännischer Prokurist bei den Netzen Duisburg

© Netze Duisburg

Dass Redispatch 2.0 trotz einiger dieser Unabwägbarkeiten nicht auf die lange Bank geschoben werden sollte, macht Jens Kiefel, Kaufmännischer Prokurist bei den Netzen Duisburg, deutlich: "Viele unterschätzen die Dynamik. Klar gibt es keine harten Fristen – aber wer jetzt nicht handelt, wird später unter Zeitdruck geraten.“ Die Einführung intelligenter Messsysteme, der PV-Zubau und § 14a EnWG sorgten schon bald für neue Herausforderungen. "Wir sehen es als Teil unserer Verantwortung, hier nicht nur mitzugehen, sondern anderen dabei zu helfen, ebenfalls rechtzeitig bereit zu sein."

Was ist Connect+?

Hintergrund

Connect+ ist die zentrale Kommunikationsplattform für Redispatch 2.0 in Deutschland. Sie dient dem standardisierten Datenaustausch zwischen Netzbetreibern, Einsatzverantwortlichen (zum Beispiel Direktvermarktern), Bilanzkreisverantwortlichen und weiteren Marktteilnehmern.

Funktionen:

  • Übermittlung von Stammdaten, Planwerten und Prognosen
  • Austausch von Abrufinformationen für Redispatch-Maßnahmen
  • Koordination des bilanziellen Ausgleichs zwischen Marktrollen
  • Schnittstelle zu IT-Systemen der Netzbetreiber

Betrieb:
Connect+ wird gemeinschaftlich von den vier Übertragungsnetzbetreibern in Kooperation mit dem BDEW und weiteren Branchenakteuren betrieben.

Ziel:
Einheitliche, massengeschäftstaugliche Prozesse für Redispatch-Meldungen und höhere Transparenz im Netzengpassmanagement.

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