In den Netzgebieten von rund 99 Prozent der deutschen Netzbetreiber erfolgt der bilanzielle Ausgleich von Redispatch-2.0-Maßnahmen weiterhin durch den Bilanzkreisverantwortlichen (BKV) des Lieferanten und nicht durch den anfordernden Netzbetreiber.

In den Netzgebieten von rund 99 Prozent der deutschen Netzbetreiber erfolgt der bilanzielle Ausgleich von Redispatch-2.0-Maßnahmen weiterhin durch den Bilanzkreisverantwortlichen (BKV) des Lieferanten und nicht durch den anfordernden Netzbetreiber.

Bild: © kosssmosss/AdobeStock

Von: Carlo Weckelmann und
Frank Hirschi (Co-Autor), Horizonte-Group

Nachdem das Einführungsszenario zum Redispatch 2.0 am 31. August 2021 veröffentlicht wurde, kam kurz vor dem Go-Live am 20. September 2021 die vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) erarbeitete und mit der Bundesnetzagentur (BNetzA) abgestimmte Übergangslösung zum gesicherten Einstieg in den Redispatch 2.0. Diese BDEW-Übergangslösung regelt im Wesentlichen, dass der bilanzielle Ausgleich weiterhin durch den Bilanzkreisverantwortlichen (BKV) des Lieferanten durchgeführt wird und wie dies durch den Netzbetreiber zu entschädigen ist.

Das Ende dieser BDEW-Übergangslösung war der 31. Mai 2022. Seitdem befindet sich der Markt in einem „leeren Raum“, da weder die Übergangslösung an sich verlängert wurde noch ein flächendeckender bilanzieller Ausgleich durch die Netzbetreiber erfolgt.

Warum geht es noch nicht los?

Die wesentlichen Gründe für einen verzögerten, ganzheitlichen Start von Redispatch 2.0 sieht die Horizonte-Group AG (HG) in den Systembilanzrisiken und der Notwendigkeit, dass ggf. die ganze Kaskade den bilanziellen Ausgleich können muss. Ersteres gefährdet besonders die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Elektrizitätsversorgungssystems und kann bei einem falsch ausgeführten oder ausbleibenden bilanziellen Ausgleich entstehen.

Der zweite Grund tritt ein, sobald in einer Kaskade vom ÜNB über die VNB ersten und zweiten Grades bis hin zum VNB dritten Grades nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch der letzte VNB Abrufe umsetzen muss. Somit müssen alle in dieser Kette den bilanziellen Ausgleich durchführen können, da eine solche Kaskade mit gleichzeitiger Anwendung der Übergangslösung und der Ziellösung nicht funktioniert.

Um unter anderem diese Risiken und Probleme abschätzen zu können, laufen derzeit Pilotprojekte, welche bereits am 1. Juni 2022 starteten. Beteiligungt sind dabei zwei der vier Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) – namentlich die 50Hertz Transmission GmbH und die Amprion GmbH – und vier Verteilnetzbetreiber (VNB). Dabei werden Erfahrungen für den Live-Betrieb des Redispatch 2.0 gesammelt. Leider gibt es bisher keine offizielle Wasserstandsmeldung aus dieser Pilotphase für die Branche.

Was geht?

Die ersten beiden Use-Cases der Reispatch-2.0-Prozesse scheinen vom Großteil der Branche beherrscht zu werden. So sind Stammdatenmeldungen laut den KPI von Connect+ zum überwiegenden Teil erfolgt. Anlagenbetreiber, die bisher noch keine Stammdaten über RAIDA (Connect+) geschickt haben werden dringend dazu aufgefordert dies zu tun, um eine möglichst hohe Stammdatengrundlage zu haben.

Darüber hinaus sind viele Netzbetreiber in der Lage Planungsdaten zu erstellen und mit betroffenen NB auszutauschen. Ebenfalls haben viele VNB mit ihren jeweiligen vorgelagerten NB Abruftests durchgeführt. Außerdem wurde sich mit dem letzten Prozessschritt – der NB-NB-Abrechnung Redispatch-2.0-Maßnahmen – beschäftigt. Hierzu stimmten sich bereits viele VNB mit ihren vorgelagerten NB ab und schlossen Vereinbarungen ab. Bei diesem Prozess muss zwischen den Weiterberechnungen von Entschädigungen gegenüber dem Betreiber technischer Ressourcen und der finanziellen Kompensation des nicht vorgenommenen bilanziellen Ausgleiches gegenüber dem BKV unterschieden werden. Letzteres wird es in den Zielprozessen nicht mehr geben.

Was geht nicht?

In den Netzgebieten von rund 99 Prozent der deutschen Netzbetreiber erfolgt der bilanzielle Ausgleich von Redispatch-2.0-Maßnahmen weiterhin durch den BKV des Lieferanten und nicht durch den anfordernden Netzbetreiber. Das ist der wesentlichste Punkt, der noch nicht funktioniert. Derzeit wird der Zielprozess lediglich in den oben genannten Pilotprojekten von insgesamt sechs Netzbetreibern gelebt.

Weiterhin ist der im letzten Abschnitt erwähnte Punkt zu den bereits durchgeführten Abruftests ist mit Vorsicht zu genießen. Einerseits funktionieren die Abruftests vereinzelt und dort auch möglicherweise zuverlässig, aber vermehrt kommt es hierbei noch immer wieder zu Fehlern und verzögerten Übermittlungen der Abrufe. Besonders letzteres ist kritisch zu sehen, da davon auszugehen ist, dass die Abruftests der NB nur vereinzelt und nicht als gleichzeitig stattfindende Massentests von vielen NB durchgeführt wurden. Dementsprechend ist die Stabilität der neuen Prozesse über die Datendrehscheibe RAIDA, bzw. Connect+, noch nicht final abschätzbar.

Darüber hinaus läuft die sehr komplexe Netzzustandsanalyse samt Wetterprognosen, mit der Maßnahmendimensionierung das Herz des Redispatch 2.0, oft nicht zuverlässig. Maßnahmen werden teilweise zu hoch oder zu niedrig dimensioniert. Dies kann wiederum zu einer Gefährdung der Zuverlässigkeit des Elektrizitätsversorgungssystems führen und teure Ad-hoc-Notfallmaßnahmen nach sich ziehen – im schlimmsten Fall könnte es sogar zu lokalen Blackouts kommen.

Ein Ausblick in die Glaskugel

Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es kein offizielles Datum, an dem der vollumfängliche und flächendeckende Redispatch 2.0 mit allen Marktpartnern starten soll. Jedoch ist abzusehen, dass weitere, regionale Verteilnetzbetreiber als Piloten in den Regelzonen der beiden ÜNB Tennet TSO GmbH und TransnetBW GmbH hinzugezogen werden.

Ein zeitnaher Einbezug aller Netzbetreiber in den bilanziellen Ausgleich in diesem Jahr und auch in der ersten Hälfte des kommenden Jahres ist derzeit nicht abzusehen. Gerade weil sich der Großteil der Branche aktuell noch darum bemüht, unter großen Kraftanstrengungen die Fehler auszumerzen, die bei operativen Tests mit Marktpartnern auftauchen und stabil laufende Systeme, die performant die täglich hohe Datenflut bewältigen, mit den Systemdienstleistern zu implementieren.

Ein denkbares Szenario zur Einführung des bilanziellen Ausgleichs sieht die HG in einer stufenweise ablaufenden Einführung als Kaskade nach Dringlichkeit und Redispatch-Volumen. Hierbei würden zunächst alle Verteilnetzbetreiber, die eigene Redispatch-Maßnahmen erwarten, mit der Ziellösung des bilanziellen Ausgleichs im Prognosemodell beginnen. Im nächsten Schritt kämen die Verteilnetzbetreiber dazu, die vorgelagerte NB mit Redispatch-Maßnahmen haben. Und zu guter Letzt starten alle übrigen VNB mit der Ziellösung im Prognosemodell. (sg)

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