Von Stephanie Gust
Die Energiewirtschaft steht am Wendepunkt ihrer eigenen Digitalisierung. Kaum ein Bereich ist so stark von Regulierung, Fristen und technischen Vorgaben getrieben wie die IT der Energieversorger und Netzbetreiber. Jede neue Festlegung zieht Dutzende Projekte nach sich – und jede Frist bringt Systeme und Menschen an ihre Grenzen.
Mit der Serie "Der große Umbruch – IT am Limit" beleuchtet die ZfK, wie kommunale Unternehmen, Energieversorger und Softwarehäuser versuchen, diesen Spagat zu meistern. Zwischen neuen regulatorischen Anforderungen, alter Systemlandschaft, Fachkräftemangel und wachsender Komplexität.
Den Auftakt bildet der 24-Stunden-Lieferantenwechsel – politisch als Schritt zu mehr Wettbewerb gedacht, in der Praxis jedoch zu einem Symbol einer überlasteten IT geworden. Hinter dem Ziel, Kundinnen und Kunden den schnellen Anbieterwechsel zu ermöglichen, steht ein beispielloser Aufwand in den Rechenzentren und Projektteams der Branche.
Verbände: Der Markt unter Druck
Die Verbände BEMD und Edna ziehen eine kritische Bilanz. "Der Start verlief für viele unserer Mitglieder holprig", sagt Dirk Briese vom Bundesverband der Energiemarktdienstleister (BEMD). Laut Verbandsumfrage bewerten zudem viele Unternehmen die Leistungsfähigkeit der Dienstleister deutlich kritischer als ihre eigene. "Die Zahl der Lieferantenwechsel ist eher zurückgegangen – bei gleichzeitig enormem Aufwand, der in keinem Verhältnis zum Nutzen steht."
Auch der Bundesverband Energiemarkt und Kommunikation (Edna) sieht erhebliche Probleme. Zwischen den beteiligten Unternehmen liefen die Prozesse zwar zunehmend stabil, vor allem in der Marktrolle Lieferant. Doch im Detail hakt es weiter. "Einige Marktpartner tun sich nach wie vor schwer, Antworten auf die MaLo-Identifikationsprozesse korrekt zu verarbeiten", so Christian Berg und Thomas Elbe, Leiter der Edna-Projektgruppe LFW24.
Beide Verbände halten den geplanten Gas-Lieferantenwechsel zum 1. Januar 2026 für unrealistisch. Der BEMD nennt frühestens Mitte bis Ende 2026 als realistischen Zeitraum, Edna verweist auf die notwendige Entwicklungs- und Testzeit.
Energieversorger, Netzbetreiber und MSB: Zwischen Pflicht und Überlastung
Bei den Stadtwerken Karlsruhe war der Start "mit großem organisatorischem und technischem Einsatz" verbunden. Viele Marktteilnehmer hätten die Prozesse noch nicht vollständig implementiert, vorgeschriebene Antworten kämen verspätet oder gar nicht. Besonders die Abschaffung rückwirkender Meldungen führe zu Unverständnis bei Kundinnen und Kunden.
Auch die Kasseler Verkehrs- und Versorgungsbetriebe (KVV) berichten von einer anspruchsvollen Einführung. Zwar liefen die Prozesse inzwischen stabiler, doch „das enge Zusammenspiel der Marktrollen ist noch nicht durchgängig gewährleistet“. Strom sei praxistauglich, Gas innerhalb von sechs Monaten jedoch "unrealistisch".
Die Stadtwerke München sprechen von einem Projekt unter hohem Zeitdruck. Tests seien kaum möglich gewesen, der bilaterale Klärfallbedarf habe sich "nahezu verzehnfacht". Eine vollständige Prozessreife aller Marktpartner sei erst Ende 2025 zu erwarten.
Eins Energie berichtet von einer holprigen Umsetzung und höherem manuellem Aufwand. Der Entfall rückwirkender Ein- und Auszüge wirke sich negativ auf Kundenprozesse aus. Eine Gas-Umsetzung sei frühestens ab April 2026 realistisch.
Die EnBW meldet stabile eigene Prozesse, aber massive Anfangsprobleme bei Marktpartnern. "Einige Verteilnetzbetreiber konnten Wechselprozesse nur unzureichend bearbeiten", teilt das Unternehmen mit. Der Aufwand, fehlerhafte Daten zu bereinigen, sei erheblich gewesen.
Auch Netze BW, die Duisburger Verkehrs- und Versorgungsgesellschaft (DVV) und Stadtwerke Kaiserslautern sprechen von hoher Belastung in der Startphase. Die Mainova nennt den Nutzen für Kundinnen und Kunden für "fraglich", da der rückwirkende Wechsel entfalle.
Noch kritischer äußert sich Sebastian Jurczyk, Geschäftsführer der Stadtwerke Münster: "Den 24-Stunden-Lieferantenwechsel braucht kein Mensch. Er schafft viel unnötigen Aufwand und bringt keinen spürbaren Vorteil."
Für kleinere Häuser wie Osnabrück war das Projekt eine Mammutaufgabe. Fehler und Rückstände konnten nur durch zusätzliche Servicekapazitäten und automatisierte Plausibilitätsprüfungen aufgefangen werden.
Auch Energy Metering, Messstellenbetreiber der Octopus-Gruppe, erlebte Systemstörungen, gestoppte Marktkommunikation und tausende manuelle Nacharbeiten. Über 12.000 fehlende Zählerdaten zeigen, wie groß die Differenz zwischen Anspruch und Realität war.
Ein gemeinsamer Nenner verbindet alle: Der 24-Stunden-Wechsel hat die Branche technisch, personell und organisatorisch an die Grenzen geführt. Den Lieferantenwechsel für die Sparte Gas zum 1. Januar 2026 hält kaum jemand für realistisch.
Dienstleister: Wenn Systeme an Grenzen stoßen
Bei Factur zeigt sich, wie tiefgreifend die Veränderungen waren. "Der Markt ist heute noch dabei, sich in einzelnen Prozessen einzupendeln bzw. zu stabilisieren", sagt Wolfgang Maaßen, Leiter Vertrieb. Etwa 95 Prozent der Prozesse liefen stabil, doch Sonderfälle, komplexe Konstellationen und der deutliche Anstieg von Marktnachrichten verursachten weiterhin hohe Fehler- bzw. Klärfallquoten. Somit gehen sowohl die Umsetzung als auch der Regelbetrieb mit einem höheren Personaleinsatz einher, als ursprünglich vermutet. Den Gas-Start zum 1. Januar hält Factur für "illusorisch": Finale, verbindliche Vorgaben liegen noch nicht vor und somit ist eine Realisierung nicht belastbar einzuplanen.
Auch Aktif-Geschäftsführer Lars Ehrler spricht von einem "echten Kraftakt". Das Projekt sei technisch gelungen, aber überladen. Zusätzliche Funktionen hätten Prozesse unnötig verkompliziert. Positiv sei die gestiegene Datenqualität, doch zugleich steige die Eintrittshürde für neue Marktteilnehmer.
Die Wilken Software Group sieht im 24-Stunden-Wechsel ein Sinnbild wachsender Komplexität. "Komplexität trifft auf fehlende Ressourcen", sagt Tobias Mann, Chief Commercial Officer. Wilken entwickelt daher eine cloud-native Komplettlösung, um regulatorische Anpassungen künftig schneller umsetzen zu können. Manns Lösung: "IT-Anbieter müssen Technologiepartner ihrer Kunden werden."
Beratungshäuser: Komplexität sichtbar gemacht
"Für viele Kundinnen und Kunden wirkt der 24-Stunden-Wechsel wie ein echter Fortschritt", sagt Marion Schulte, globale Leiterin Utilities bei BearingPoint. Doch der Schein trüge: "Damit der Wechsel vom ersten Klick an funktioniert, müssen Prozesse fehlerfrei laufen. Nachträgliche Korrekturen sind künftig kaum möglich."
Sie stellt die politische Logik in Frage. "Ein Wechsel in wenigen Tagen hätte vermutlich denselben Effekt gehabt, ohne dass die Marktteilnehmer so stark unter Druck geraten." Der 24h-Wechsel habe gezeigt, wie komplex Marktprozesse und IT-Landschaften geworden seien. Themen wie Datenqualität und Automatisierung entschieden heute über Erfolg oder Stillstand.
Für Schulte geht es um mehr als diese eine Vorgabe: "Entscheidend ist, ob Stadtwerke ihre IT so aufstellen, dass sie künftige Änderungen effizient umsetzen können – mit moderner Technologie, starken Partnerschaften und qualifizierten Teams."
Abschluss und Ausblick – Von der Regulierung in den Ressourcenengpass
Ein Jahr nach dem Start zeigt sich: Der Energiemarkt hat geliefert, aber unter Schmerzen. Bei den Stadtwerken Karlsruhe etwa führte der "überreguliert" Prozess zu hohem Aufwand, fehlender Klarheit und massiver Belastung der Mitarbeitenden. Externe IT-Partner arbeiteten "an ihrer Kapazitätsgrenze". Was als Schritt zu mehr Effizienz gedacht war, hat vielerorts zu mehr Komplexität geführt. Die Systeme laufen, doch die Menschen dahinter sind erschöpft.
"Rückblickend wäre daher sowohl für uns als auch für die beteiligten IT-Umsetzungspartner eine gestaffelte Umsetzung über mehrere Formatwechsel hinweg – etwa in mehreren, technisch überschaubaren Etappen – sinnvoller und effizienter gewesen", so das Fazit in Karlsruhe.
Die Bilanz nach dem 24-Stunden-Wechsel fällt eindeutig aus: Die Branche hat eine regulatorische Vorgabe umgesetzt – und steht nun vor der nächsten Herausforderung.
In Folge 2 der Serie "Der große Umbruch – IT am Limit" geht es um die strukturellen Ursachen: den Mangel an Personal, Know-how und Planungsspielraum



