Mit "Einwegsoftware öffnet sich gerade ein großes Fenster für Anwendungen, die bisher nicht möglich waren, so Lynqtech-Geschäftsführer Björn Waide.

Mit "Einwegsoftware öffnet sich gerade ein großes Fenster für Anwendungen, die bisher nicht möglich waren, so Lynqtech-Geschäftsführer Björn Waide.

Bild: © KI-generiert/Stephanie Gust/ZFK

In Hannover soll künstliche Intelligenz nicht nur einzelne Prozesse automatisieren. Enercity verändert mit KI zunehmend auch die Art, wie neue Anwendungen entstehen und Mitarbeitende arbeiten. Die 100-prozentige Digitaltochter Lynqtech spielt dabei eine zentrale Rolle.

"KI ist für uns vor allem ein Werkzeug, um konkrete Aufgaben besser oder schneller zu lösen – in unseren Prozessen, bei neuen Dienstleistungen und bei den Herausforderungen der Energiewende", sagt Florian Riedl, Bereichsleiter Digital Processes & Platform Markets bei Enercity.

Dort zeigte sich zuletzt sehr konkret, wo KI bereits beschleunigt – und wo nicht: Nach fünf Tagen stand die technische Lösung für den neuen KI-Energie-Assistenten für Chat GPT. Datenschutz, Recht, Sicherheit, Vermarktung und die Abstimmung mit Open AI nahmen anschließend rund drei Monate in Anspruch.

 "Anders als früher ist in der Softwareentwicklung oft das Bauen nicht mehr das, was Zeit kostet", ergänzt Lynqtech-Geschäftsführer Björn Waide. Aufwendiger seien inzwischen häufig Fragen zu Sicherheit, Datenschutz, Fachlichkeit und Konzeption.

Erst das Problem, dann die KI

Bei Lynqtech beginnt ein KI-Projekt nicht mit der Frage, welches Modell eingesetzt werden soll. Am Anfang steht ein konkretes Problem aus einem Fachbereich. Dafür kommen Fachleute, Entwickler und Entscheider zusammen. Je nach Thema arbeiten Waide zufolge 20 bis 30 Personen fünf Tage lang gemeinsam in einem Raum.

Am ersten Tag wird hinterfragt, ob der ursprüngliche Auftrag überhaupt das eigentliche Problem trifft. Es folgen Experteninterviews und Design Thinking. Ab Mitte der Woche wird gebaut. Am Freitag soll möglichst eine nutzbare Lösung stehen.

"Wir bauen nicht mehr Prototypen, bei denen danach erst die eigentliche Arbeit beginnt", sagt Waide. Am Ende des Sprints sollen möglichst bereits nutzbare Minimalversionen eines Produkts stehen, sogenannte Minimum Viable Products (MVP). KI begleitet die Woche an mehreren Stellen: Sie clustert Workshop-Ergebnisse, hinterfragt Ideen und unterstützt beim Programmieren.

"Wir nutzen KI nicht nur zum Programmieren, sondern wirklich auch als Sparringspartner, als Ideengeber", beschreibt Waide den Prozess.

Software muss nicht mehr für die Ewigkeit gebaut werden

Besonders deutlich wird das bei Anwendungen, die früher möglicherweise gar nicht entstanden wären. Waide nennt als Beispiel Migrationen. In größeren Transformationsprojekten habe es Aufgaben gegeben, bei denen Mitarbeitende über Monate oder sogar länger Kundendaten übertragen oder Sonderfälle manuell bearbeitet hätten. Für einen zeitlich begrenzten Prozess eigens Software zu entwickeln, hätte sich häufig nicht gerechnet. Durch KI verändert sich diese Kalkulation.

Wenn sich ein kleines Werkzeug innerhalb kurzer Zeit bauen lässt, muss es nicht zehn Jahre betrieben werden, um wirtschaftlich zu sein. Es kann ein bestimmtes Problem während einer Migration lösen und danach wieder verschwinden. Waide spricht dafür bewusst von "Einwegsoftware".

"Hier öffnet sich gerade ein großes Fenster für Anwendungen, die bisher nicht möglich waren", sagt er. Für kleinere Stadtwerke könnte das die Wirtschaftlichkeitsrechnung verändern: Auch Software für seltene oder zeitlich begrenzte Prozesse ließe sich entwickeln, wenn Aufwand und Kosten deutlich sinken.

Das bedeutet aus Waides Sicht allerdings nicht, dass klassische Software-as-a-Service-Anbieter überflüssig werden. Dauerhaft genutzte Anwendungen müssen weiterentwickelt, betrieben und skaliert werden. Neu ist, dass Unternehmen für ein kleines Problem nicht mehr zwingend auf das nächste Release eines großen Systems warten müssen.

Chat GPT wird zum Kundenkanal

Der jetzt entwickelte KI-Energie-Assistent macht die KI-Strategie von Enercity deutlich sichtbar. Hier hilft KI nicht nur beim Bau einer Anwendung. Sie wird selbst Teil des Angebots. Über einen MCP-Server können Kundinnen und Kunden ausgewählte Funktionen und Informationen von Enercity direkt über Chat GPT erreichen. Das Angebot befindet sich in der Beta-Phase und ist derzeit nur nach Freischaltung nutzbar.

In dieser Phase wurde bewusst eine noch überschaubare Nutzerzahl gewählt, sagt Waide. Zunächst wollen beide Unternehmen beobachten, welche Funktionen genutzt werden und wie zuverlässig das Zusammenspiel funktioniert.


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"Kein Kunde freut sich darauf, bei seinem Energieversorger anzurufen"

Enercity bringt Kundenservice in Chat GPT


Waide hält den Kanal dennoch für relevant. Schon heute beobachte man, dass mehr Zugriffe auf Webseiten über Chat GPT und andere KI-Systeme kommen. Für Energieversorger stellt sich damit eine strategische Frage: Wem gehört künftig die Kundenschnittstelle, wenn Verbraucher zuerst ihren KI-Assistenten öffnen – und nicht mehr App oder Portal des Versorgers?

Auch bei Enercity wurde darüber diskutiert. "Die Frage ist nicht, ob unsere Kundinnen und Kunden Anwendungen wie Chat GPT nutzen. Sie tun es längst. Die Frage ist, ob sie uns dort finden und ob wir für sie dort erreichbar sind", konkretisiert Riedl. Mit dem KI-Energieassistenten wolle Enercity genau das sicherstellen. "Wir geben damit keinen Kundenkontakt ab. Im Gegenteil: Wir sind an einer zusätzlichen Stelle präsent, an der wir sonst gar nicht vorkämen."

Nicht jedes Modell bekommt dieselben Daten

Je nach Anwendungsfall setzt Lynqtech auf unterschiedliche KI-Modelle. Waide zufolge nutzt das Unternehmen für interne Entwicklungs- und Kreativprozesse unter anderem Claude. Bei Anwendungen mit Kundendaten werde dagegen genauer auf Herkunft und Datenverarbeitung geachtet. Hier kämen auch europäische Modelle wie Mistral zum Einsatz.

Bei internen Anwendungen entscheidet Lynqtech selbst, welchem Anbieter Informationen oder Softwarecode anvertraut werden. Bei Produkten mit personenbezogenen Daten gelten dagegen strengere Maßstäbe. Wichtig seien dabei Business-Accounts, Auftragsverarbeitung und Einstellungen, die verhindern, dass Inhalte für das Training der Modelle genutzt werden.

Einen vollständigen Verzicht auf große US-Anbieter hält Waide für kaum realistisch. Entscheidend sei, welches Modell zu Anwendungsfall und Daten passe.

Wenn KI Arbeit übernimmt, verändert sich die Rolle

Waides Team zeigt, wie unmittelbar sich der Arbeitsalltag bereits verändert. Seine Teamassistentin und sein Chief of Staff hätten früher deutlich mehr klassische Assistenzaufgaben übernommen; zum Beispiel Terminorganisation oder die Vor- und Nachbereitung von Unterlagen. Heute hat sich ihr Aufgabenprofil nach Waides Einschätzung stark verschoben: Rund 90 Prozent ihrer Tätigkeit entfallen inzwischen auf andere operative Aufgaben, unter anderem im Lynqtech-Studio. Nicht die Menschen sind verschwunden. Aber Tätigkeiten schon.

Ähnlich verändert sich die Arbeit im Entwicklerteam. Weniger Code wird vollständig selbst geschrieben; wichtiger werden das Anleiten der KI, die Bewertung der Ergebnisse und die Fehlersuche.

Lynqtech beschäftigt nach eigenen Angaben weiterhin mehr als 20 Mitarbeitende im Testbereich. Automatisierte Tests werden ausgebaut, KI prüft inzwischen auch Code auf Fehler und Sicherheitslücken. "Die Verantwortung für das, was wir produzieren, hat nicht die KI. Sie liegt bei den Entwicklerinnen und Entwicklern, die KI einsetzen", sagt Waide.

KI-Einführung als Beteiligungsformat

Die Sprintwochen sollen bei Lynqtech nicht nur die Entwicklung beschleunigen, sondern zugleich Berührungsängste abbauen. Waide berichtet von einem Kollegen, der dem Einsatz von KI als Grafikdesigner anfangs skeptisch gegenüberstand. Im Verlauf des Sprints habe er selbst mit der Technologie an der Lösung gearbeitet und nutze sie inzwischen regelmäßig. "Ich glaube, es braucht diese aktive Beschäftigung damit, dass die Berührungsängste abnehmen", sagt Waide.

Stadtwerken rät Waide deshalb zum pragmatischen Einstieg. "Selbst wenn am Ende eine Idee sich nicht materialisieren würde – man hat in der Woche so viel gelernt, dass es im zweiten Anlauf mit Sicherheit besser wird."

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