Herr Kopetzki, Was ist dieses Jahr anders an der ERP-Studie von PWC im Vergleich zu den Vorjahren?
Michael Kopetzki, Partner Energy Consulting bei PwC Deutschland:In den Vorjahren lag der Fokus sehr stark auf Finanzbuchhaltungs- und Abrechnungsfunktionen. Durch den Wandel hin zu Plattformökonomien haben wir zusätzliche Funktionsbereiche wie Bilanzierung, Anschlusswesen und Vertriebsunterstützung einbezogen. Auch technologisch hat sich einiges getan: Die Möglichkeiten moderner IT- und Schnittstellenarchitekturen haben wir genauso beleuchtet wie neue, durch die Energiewende forcierte Geschäftsfelder in den Bereichen Wärme, Wasserstoff und Messstellenbetrieb. Erstmals wurde unsere ERP-Studie um eine Umfrage unter den Softwarenutzern ergänzt, die uns interessante Einblicke in ihre Erwartungshaltung und ihre Erfahrungen gegeben hat.
Was hat Sie besonders überrascht bei den Ergebnissen?
Der Trend bei einigen Herstellern, auf den Anspruch einer vollständigen Funktionsabdeckung zu verzichten, war schon bei unserer letzten Studie erkennbar. Gemessen daran sind die Fortschritte allerdings bei den notwendigen zusätzlichen Integrationsleistungen nur begrenzt erkennbar. Die Komplexität wurde möglicherweise bei Herstellern, Dienstleistern und den EVU unterschätzt. Hier hätten wir deutlich mehr direkt einsetzbare Plattformen erwartet.
Das erkennt man besonders daran, dass einerseits Hersteller nach eigener Aussage bestimmte Prozessbereiche wie zum Beispiel die Energieabrechnung vollumfänglich abdecken. Unsere Kundenumfrage und praktische Projekterfahrungen zeigen jedoch, dass trotz Cloudifizierung und Software-as-a-Service-Angeboten noch Luft nach oben ist, bevor von Vollumfänglichkeit gesprochen werden kann. Unter anderen sind erhebliche Integrationsaufgaben zu leisten.
Wohin geht die Richtung bei ERP-Systemen? Welche Bereiche werden zunehmend wichtiger?
Der bereits erkennbare Trend bei den Herstellern, mehr die Bedürfnisse der Versorger in den Blick zu nehmen als die Tarifierung, wird sich noch weiter verstärken.
Außerdem sehen wir die Entwicklung hin zu Plattformökonomien, also letztlich die Digitalisierung der gesamten Branche, als unaufhaltsam an. In Zukunft wird ein Energieversorger daher nicht mehr das ERP-System eines bestimmten Herstellers kaufen, sondern vermehrt eine Lösung bei einem Dienstleister beauftragen, der für die nötige Integration der Lösungsbausteine sorgt. Das schließt ausdrücklich die Möglichkeit ein, fehlende Funktionen zum Beispiel als Apps in das Ökosystem zu übernehmen.
Wie stark wird KI die Energiewirtschaft und im besonderen ERP-Systeme verändern?
Das macht sie schon heute! Viele Chatbots, Predictive-Maintenance-Ansätze mit ihren in Echtzeit verfügbaren instandhaltungsrelevanten Daten und Klärfallanalysen sind bereits KI-basiert, allerdings auf eher einfachen KI-Stufen. Der Trend wird hin zu selbstlernenden Ausprägungen gehen, die in vielen Prozessbereichen wirksam werden. Der „Kollege Computer“ wird zunehmend Fleißaufgaben übernehmen und der Mensch wird sich vor allem um die Anfragen und Entscheidungen kümmern, die nicht routinemäßig abgewickelt werden können.
Die schon lange vorhandene Prozessautomatisierung (RPA) wird durch den Einsatz von KI profitieren. Zum Beispiel könnte die KI trainiert werden, um Strukturveränderungen bestimmter IT-Module selbsttätig zu interpretieren und so den manuellen Aufwand bei Releasewechseln deutlich zu reduzieren. Dies sind Beispiele, die sinngemäß auf fast alle ERP-Prozessbereiche angewendet werden können. Wir selbst finden gemeinsam mit unseren Kunden fast täglich neue Möglichkeiten und verfügen mittlerweile über eine große Wissensbasis, um bestehende Anwendungen auch in anderen Fragestellungen erfolgreich umsetzen zu können.
Die Fragen stellte Stephanie Gust
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